Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 19 (1.10.1931)
- Article
- Aufgaben der Gemeinden und Gemeindeverbände im kommenden Jahr
- Date
- 1931-10-01
- Page
- Seite 294 (sequence 2)
- Language
- German
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294 Bayerische Israelitische Gemeindezeiiung Nr. 19 und von dem Verwaltungskörper eines kleineren Gebietes leichterüberwunden werden können als von einer größeren Organisation, weil die Hilfe den Verhältnissen des Einzelfalles mehr angepaßt werden kann. Es ist darum der Schwerpunkt der Hilfeleistung auf die Gemeinden zu legen, nicht auf die Landesverbände, deren Mittel in höherem Grade beschränkt sind, die vielmehr im Benehmen mit der ZentralwohlfahrtSftelle Richtung geben sollen und berufen sind, die Grundlagen der Gemeinschaft zu erhalten und größere Schäden auszugleichen. Durch einträchtiges Zusammenwirken der behördlichen Wohlfahrtspflege und der freien Liebestätigkeit wird es uns gelingen auch diese schwere Zeit zu überwinden, die wir gewohnt sind, auf weiten Wegen in der Geschichte viel größere Hindernisse zu meistern. Eines aber tut not: daß wir ungeachtet aller Entbehrungen, die wir uns auferlegen müssen, unsere Lebenskraft, unsere Fruchtbarkeit bewahren, daß nicht der Kern schwindet, dem alle unsere Sorgfalt gilt. Wir müssen uns als Gemeinschaft erhalten, um die Aufgaben zu erfüllen, die uns bestimmt sind. An den hohen Feiertagen aber, die wir jetzt begehen, mag es gestattet sein, von der Not des Tages den Blick auf weitere Sicht zu heben. Einer der besten Männer unserer Zeit, Albert Schweitzer, bemüht sich in Gedankengängen, die dem Ethos unserer Propheten naheftehen, darzutun, daß der Wiederaufbau nach dem Verfalle unserer Kultur im Grunde nicht durch äußere Geschehnisse, nicht durch Technik und Wirtschaft, sondern durch geistig-sittliche Umstellung erfolgen muß, von der wiederum die Geschehnisse beeinflußt werden. Ich war tief berührt, als ich bei Schweitzer den Satz gelesen habe: Die Rabbinen der alten Zeit lehrten, das das Reich Gottes kommen würde, wenn nur ganz Israel einmal einen Sabbat wirklich hielte. Diesen sabbatlichen Frieden der Menschheit zu geben, müssen auch wir mit allen Kräften bestrebt sein. Schon glauben wir in dem Chaos, das uns umgibt, einige Linien zu sehen, die nach einer lichteren, wenn auch noch recht entfernten Zukunft weisen. Die Völker und Staaten beginnen sich daraus zu besinnen, daß nur durch ihr Zusammenwirken die Menschheit in geordnete Bahnen gebracht werden kann. Sie gehen ein kleines Stück auf dem Wege des messianischen Gedankens, der unser Erbteil und unsere vornehmste Aufgabe ist. Diesen sabbatlichen Frieden wollen wir aber auch im unserem eigenen Hause walten lassen. In unseren Gemeindestuben und Versammlungen müssen die einzelnen Richtungen bei aller Wahrung ihrer Eigenart und Selbständigkeit die Gemeinschaft und ihre religiös-sittlichen Ausgaben über alles stellen. Nur wenn die Gemeinschaft gedeiht und ihre Grundlagen klar gestellt sind, gedeihen auch die Glieder. Organisation und Wirtschaft aber dienen nur dem Ganzen. Und wenn wir unseren Reichsverband aufrichten, wollen wir ihn nicht nach mehr oder minder verbrauchten Formen bilden. Jüdischer Geist und jüdisches Ethos sollen Form und Inhalt bestimmen, der jüdische Gemeinschastsgedanke soll die alle umfassende Körperschaft tragen und der sabbatliche Friede möge ihr nahe sein. Lujo Brentano Der eben im hohen Alter verstorbene Münchener Gelehrte, zu dessen Füßen Generationen von Juristen und Nationalökonomen saßen, übte von jeher auf jüdische Hörer und Leser eine besondere Anziehungskraft aus. Dies hing zusammen mit seiner furchtlosen Kampfesfreudigkeit, mit der er sich für alle Unterdrückten und ungerecht Behandelten, besonders für alle Persönlichkeitswerte gegen „wohlerworbene" Mittelmäßigkeit jederzeit einsetzte. Er war wie Lessing immer auf der Seite der Angegriffenen und der Opposition. Dies brachte ihm die Liebe und Verehrung der Besten unter den deutschen Juden ein. Brentano selbst war weder ein Iudenfreund noch ein Judenfeind, seine Haltung richtete sich wie bei jeder echten Persönlichkeit nach dem Einzelnen, den er vor sich hatte. Der Servilität, der Vergötterung des Staates und der Bürokratie lachte er ins Gesicht, ihr galten in Rede und Schrift seine schneidendsten Ausfälle. Von Brentano, dem Gelehrten, seiner Stellung in der deutschen Wirtschaftswissenschaft sei hier nicht die Rede. Jene große Anziehungskraft gerade für die Besten unter den Juden rührte vor allem auch von seiner Hauptbegabung her, der Polemik und der Kritik. Gegen Ludwig Bamberger, gegen den Freiherrn von Stumm, gegen Herrn Bueck und gegen Alexander Tille, gegen Kuhlo und Sombart zog Brentano zu Felde, aber ebenso unerschrocken und in glänzender Rede gegen zwei größere: Gegen Bismarck und Karl Marx. Wo es Streit um die großen Weltanschauungsftagen, um die Prinzipien unserer sozialen und wirtschaftlichen Zukunft gab, da sah man immer da, wo der Kampf am heißesten entbrannte, Lujo Brentanos Helmbusch wehen. Kein Wunder, daß er in dem Deutschland der Vorkriegszeit keine politische Rolle spielen konnte und für Kultusminister und hohe Beamte der schwarze Mann war. Trotz seiner glänzenden Herkunft: Von seiner Urgroßmutter Sophie von La'Roche, der Freundin Wielands und Goethes, der Versammlerin der sentimentalen Schöngeister, über Bettina und Clemens Brentano, die den Höhepunkt der Romantik bezeichnen, zu Lujo Brentano reicht eine lange ununterbrochene Tradition, eine der glanzvollsten im deutschen Kulturleben. Im Münchener Kreis seiner Verehrer sagte Brentano bei der Feier seines 70. Geburtstags im Jahr 1914: „Eigentlich bin ich ein Sonntagskind gewesen. Ich bin in außerordentlich glücklichen Verhältnissen geboren und aufgewachsen und angesichts dessen hätte ich wohl weit mehr leisten müssen, als ich wirklich geleistet habe; ich bin in einer Atmosphäre aufgewachsen, die doch über dem Gewöhnlichen stand." Sein wissenschaftliches Lieblingsgebiet war die Wirtschaftsgeschichte; seine jährliche Münchener Sommervorlesungen sind allen, die sie gehört haben, in unvergeßlicher Erinnerung. Hier fielen auch die wichtigsten Äußerungen über die Rolle der Juden im Wirtschaftsleben der Vergangenheit und Gegenwart. Sie sind jetzt in der großen Akademie-Abhandlung niedergelegt: „Die Anfänge des modernen Kapitalismus" (München 1916), namentlich in dem breiten Exkurs: „Handel, Puritanismus, Judentum und Kapitalismus." Dieser Exkurs ist eine der schärfsten Polemiken gegen Sombarts These: „Moderner Kapitalismus ist nichts anderes als Ausstrahlung jüdischen Wesens." Glänzend auch die beiden Kapitel im ersten Band von Brentanos englischer Wirtschaftsgeschichte (1927): Die Juden in England vor ihrer Vertreibung und die Kreditpolitik nach Vertreibung der Juden. Hierher gehören ferner seine (1929 erschienenen) Vorlesungen „Das Wirtschaftsleben der antiken Welt", wo die alt-