Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 18 (15.9.1931)
- Article
- Die neue englische Regierung
- Date
- 1931-09-15
- Page
- Seite 283 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 283 2 mann um die halbe Welt. Später wurde er Gehilfe eines Londoner Rechtsanwalts, ließ sich dann selbst als Anwalt nieder und wurde einer der berühmtesten englischen Juristen. 1904 trat er als liberaler Abgeordneter für den Wahlkreis Reading in das Parlament ein und wurde 1910 Solicitor-General. Von 1910 bis 1913 war er Attorney-General (Gencralstaatsanwatl), erhielt 1912 als erster Attorney-General einen Sitz im Kabinett und stieg zum Amt des Lord Chief Justice von England auf, das er 1913 bis 1921 inne hatte. 1915 begab er sich als Präsident der englisch-französischen Anleihekommission, 1917 als außerordentlicher britischer Gesandter und 1918 als britischer erster Bevollmächtigter und außerordentlicher Gesandter nach den Vereinigten Staaten. 1914 erhielt er die Peerswürde mit dem Titel Lord Reading, 1916 den Titel eines Viscount, 1917 wurde er Carl of Reading, 1926 nach seiner Rückkehr aus Indien Marquis. 1921 wurde er zum Vizekönig und Generalgouverneur von Indien ernannt, zu einer Zeit, als infolge der Nachkriegsumwälzungen in Indien ungewöhnliche staatsmännische Begabung erforderlich war, um der Situation gewachsen zu sein. Er führte den Reformplan für die Selbstverwaltung in Indien durch, der durch Edwin S. Montagu, Staatssekretär für Indien, ebenfalls einen Juden, ausgearbeitet worden war. Der Erfolg, den Lord Reading in Indien bis zu seinem 1926 erfolgten Rücktritt errang, hat ihm einen ersten Platz unter den Vizekönigen von Indien gesichert. In seiner ersten Rede bei seiner Ankunft in Indien wies er auf seine jüdische Volkszugehörigkeit als auf eine seiner Eigenschaften hin, die ihn für das übernommene Amt befähigten. Marquis of Reading ist auch auf jüdischem Gebiete hervorgetreten. Cr war bis 1921 Vizepräsident der Anglo Iewish Association. Das Erscheinen der Balfour-Deklaration (1917) begrüßte er als ein „großes Licht in Israel". 1926 wurde er Vorsitzender des Direktoriums von Ruthcnbergs Palestine Electric Corporation. In der Folgezeit hat er wiederholt die Iewish Agency in ihren politischen Bemühungen bei der englischen Regierung unterstützt, besonders energisch nach den Unruhen in Palästina im August 1929 und nach Erscheinen des Paßfield-Weißbuches im Herbst 1930. Sein Sohn, Viscount Erleigh (Gerald Rufus Isaacs) war zweiter Anwalt der Iewish Agency bei der Untersuchung der Unruhen in Palästina. Als Schwiegersohn des verstorbenen Lord Melchett verwaltet er besten ausgedehnten landwirtschaftlichen Betrieb in Palästina. Sir Herbert Samuel. Sir Herbert Samuel, der in das neue Kabinett als Innenminister eintritt, genießt unter der englischen Bevölkerung ebenfalls große Popularität. Die Blätter berichten, daß er, als er in einem Taxi vor dem Buckingham-Palast ausstieg, um sich zur Audienz beim König zu begeben, von der angesammelten Menge sehr warm begrüßt wurde. Sir Herbert Samuel wurde 1870 in Liverpool geboren, war 1902 bis 1918 liberaler Abgeordneter für Dorkshire, von 1905 bis 1909 Unterstaatssekretär im Ministerium des Innern und Mitglied des Kabinetts unter Asquith, von 1910 bis 1916 Postminister, 1916 bis zum Sturze Asquith Minister des Innern. 1918 war er Präsident der Royal Statistic Society, 1919 Spezial Commissioner für Belgien. Als Innenminister trat er für die Heranziehung der russischen Juden in England zum Kriegsdienst ein; dadurch wurde die Schaffung der jüdischen Legion sehr gefördert. Im Weltkrieg näherte er sich auch der zionistischen Bewegung und wurde Vorsitzender eines jüdischen Beirats, den die zionistische Leitung in England schuf. 1920 wurde er zum High Commistioner für Palästina für fünf Jahre ernannt, wo er sich um die Pazifizierung des Landes, Einführung einer geordneten, sparsamen Zivilverwaltung und Entwicklung des Landes durch Eisenbahnen, Wege, Schulen, Landwirtschaftskredite, Abbau der türkischen Verwaltungs¬ und Zollgesetze usw. bemühte. Als infolge der Unruhen 1921 die Frage des Jüdischen Nationalheims wieder aufgerollt wurde, und eine heftige antizionistischc Kampagne in England einsetzte, entwarf Samuel die unter dem Namen „Weißbuch" berühmt gewordene Interpretation der Balfour-Deklaration, die vom Kolonienminisier Churchill im Juni 1922 dem Parlament vorgelegt wurde. Im August 1922 gab er Palästina eine Verfassung, die einen Gesetzgebenden Rat vorsah, jedoch wegen des Widerstandes der Araber nicht in Funktion trat. Nach Ablauf seiner Amtszeit veröffentlichte er einen zusammenfastenden Bericht, der im englischen Staatsverlag erschienen ist. Nach seiner Rückkehr wurde Samuel von der englischen Regierung zum Vorsitzenden der Kommission zum Studium der Verhältnisse im Kohlenbergbau ernannt. Später war er Organisationsvorsitzender der Liberalen Partei und wurde 1929 wieder in das Unterhaus gewählt. Für die jüdische Palästinaregierung setzte er sich weiterhin aktiv ein und nahm auch an der Gründungskonferenz der erweiterten Iewish Agency in Zürich (August 1929) teil. Er veröffentlichte mehrere grundlegende Schriften über Liberalismus. Samuels Politik als High Commissioner für Palästina wurde von jüdischer Seite oft scharfer Kritik unterzogen. In seinem Bestreben, die Balfour-Deklaration loyal durchzuführen, entfaltete er eine nachgiebige Araberpolitik. Vor allem stieß die nach den blutigen Unruhen verfügte Einschränkung der jüdischen Einwanderung (3. Juni 1921) auf entschiedene Gegnerschaft der Juden. Auch die Araber Palästinas begegneten ihm, dem Zionisten, mit Mißtrauen. Seine Unparteilichkeit und administrative Fähigkeit wurde aber von keiner Seite ernstlich bezweifelt. Über Lord Reading, den Mittelpunkt der neuen nationalen Regierung, berichtet der Londoner Vertreter der Kölnischen Volkszeitung und der Augsburger Postzeitung, der beiden führenden katholischen Zeitungen, seinen Blättern: „Der Jude als Staatsmann ist eine nicht ganz gewöhnliche Erscheinung. Auch' in England, das bereits im 19. Jahrhundert einen Benjamin Disraeli als Ministerpräsidenten hatte, sind jüdische Minister verhältnismäßig selten geblieben. Rufus Isaacs, Earl of Reading, ist unseres Wissens der erste, der das Foreign Office des britischen Weltreiches übernommen hat, wie er auch der erste Jude war, der die Regalien des Vizekönigs von Indien trug. Cs ist indessen einer der überzeugendsten Beweise für die Gestaltungskraft und die politische Sicherheit Englands, daß ein jüdischer Außenminister, wenn er in die dunklen, weiten Räume der Downing Street gestellt wird, ebenso vollendet am Platze erscheint wie der konservative Sohn Joseph Chamberlains, oder der Labourabgeordnete Henderson. Cs ist stets Großbritannien, das hinter ihnen steht. Lord Reading macht den Eindruck eines englischen Gentleman alter Schule: eine hohe Gestalt, die nur in den Schultern etwas gebeugt ist, unter dem stark melierten Haar die Bräune des Golfplatzes, ein schmaler, lippenloser Mund, im Auftreten die mit Bonhomie verdeckte Reserve. Die Worte gehen ihm noch zögernder vom Munde als Sir Austen Chamberlain, er spricht noch leiser und verdeckter, nur sein Lachen ist werbender. Mit einem Sir John Simon und einem Montagu Norman stellt Lord Reading den besten Typus anglisierten Judentums dar, dem England bekanntlich mit Bewußtsein alle Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs offcnhält. Im Augenblick sind der Innenminister, der Außenminister und der Gouverneur der Bank von England Juden, und wenn ihnen auch wohl wie den übrigen Minoritäten die eigentliche Gesellschaft verschlossen ist — die Liberalität Englands hat weite, aber feste Grenzen —, so sind ihnen zweifellos alle Staatsämter geöffnet. Mit dem Erfolge, daß es nirgendwo Juden gibt, die sich freiwilliger ihrem Gastlande assimilieren. Der neue Außenminister Englands hat einen Lebenslauf, der ihn über Börse, Anwaltschaft und Parlament zur Regierung geführt hat. Bei den Darstellungen seiner Vergangenheit wird mit etwas ungebührlichem Nachdruck hervorgehoben, daß er Sohn eines Händlers aus Whitechapel sei, seinem Vater entlief, um Schiffsjunge zu werden, als Makler an der Stock Exchange mit einem Bankrott abschloß usw. Hinter diesen dramatischen Ereignissen seiner Jugend hat ein gut Teil englischer Normalität gestanden, die hier immer eine Vorbedingung des Erfolges bleibt. Als Anwalt am Middle Temple Verkaufsstellen 2 Hiltensbergerstraße 8 Fernsprecher 3 706 46 Glückstraße 10 Fernsprecher 2 96944 Thierschstraße 19 Fernsprecher 220 82 Franz-Josef-Straße 29 Fernsprecher 304 52 Schleißheimer Straße 100 Fernsprecher 370 326 Winzererstraße 92 Belgradstraße 28 Für Säuglinge und Kinder nur BoschhofVorzugsmilch Hauslieferung durch Boschhof-Verkaufszentrale Schleißheimer Straße 100/ Tel. 370326