Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 17 (1.9.1931)
- Article
- Der Papst aus dem Ghetto [Rezension]
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 schlimmer als ein Jude gewesen sei und führten alle seine dem Papftgedanken abträglichen Taten auf seine echt jüdischen Eigenschaften zurück. Man muß die politische und besonders die Kirchengeschichte des l 2. Jahrhunderts der verschiedensten Richtungen und Verfaffer lesen, bis man zu einem einigermaßen klaren Bild über die damaligen unsäglich verwirrten Zeiten, über ihre geistigen und weltlichen Grundlagen, kommen kann. Einen klärenden Aufschluß über Anaklet und sein Geschlecht bekommt man vor allem auch aus dem Schrifttum über das Leben und Wirken Bernhards von Clairvaux; die große französische Biographie von Vaeandard steht noch heute an der Spitze in der umfangreichen Literatur über Bernhard. Dieser geistesmächtige Kirchenfürft tritt ja auch in der jüdischen Geschichte durch seinen wirksamen Einspruch gegen die Judenverfolgungen am Rhein und in Frankreich anläßlich des zweiten Kreuzzuges als eine bekannte, Achtung gebietende Persönlichkeit auf. Dem Papst Eugen III. gibt er den Rat: „Die für die Bekehrung der Juden bestimmten Zeiten sind noch nicht gekommen; du bist zu entschuldigen, wenn du den Absichten der Vorsehung nicht zuvorkommft" (vgl. Vaeandard II, 500). An diesen Rat hielten sich die späteren Päpste bekanntlich nicht. Die katholische Kirchengeschichtsschreibung ist jedenfalls dem Papst aus der jüdischen Familie Pierleoni — so nannte sich später das mächtige Senatorengeschlecht, das aus der verachteten Synagoge hervorging — bis heute noch nicht günstig gestimmt, obwohl sie eine staatSmännische und geistige Überlegenheit über den Gegenpapft Innozenz II. anerkennen muß. Sein jüdisches Aussehen ist von den zeitgenössischen Annalisten ausdrücklich hervorgehoben, seine jüdische Abkunft, da es sich um einen schismatischen Papst handelte, immer wieder verspottet worden. Die ragende Stadtburg der Pierleoni grenzte merkwürdigerweise unmittelbar an das alte trasteveriner Ghetto, aus dem ihr Großvater hervorgegangen war. Der Geschichtsschreiber des mittelalterlichen Rom Gregorovius wird durch die Betrachtung dieses Schicksals immer wieder bewegt. Schon in den „Wanderjahren in Italien" (1853) gibt er die Schilderung des Ghetto in Rom und seiner Geschichte einen breiten Raum und bemerkt später in der Geschichte der Stadt über die ehemalige Burg der Pierleoni: „... Die Paläste der Pierleoni sind verschwunden. Ihre Türme haben sich in hohe Wohnhäuser verwandelt, und in ihren Resten befindet sich heute die Büffelschlächterei und das Lumpenmagazin der Juden vom nahen Ghetto. So sank die Stätte eines Geschlechts stolzer Senatoren und Consuln zurück, denn auf jener Stelle, wo im Schutze der jüdischen Emporkömmlinge der berühmte Papst starb, welcher die Kreuzzüge gepredigt hatte, wo aus den Pierleoni selbst ein Papst hervorging, häufen wieder Juden Lumpen auf, gleich den Ahnen des Petrus Leo und des Anaclet II." Der Vater dieses „Papstes aus dem Ghetto", Petrus Leonis, dessen Eltern noch rein jüdisch waren, wurde der Stammvater mächtiger Häuser. Selbst die Kaiser von Österreich, das Haus Habsburg, fühlte sich einst geehrt von dem römischen Geschlecht der Pierleoni abzustammen, bis sie entdeckten, daß sie in diesem Fall ihre Ahnen im Ghetto RomS zu suchen hätten. Das österreichische Kaiserhaus ließ noch vor etwa 40 Jahren die vierte Auflage von Meyers Konversationslexikon vom Jahr 1887 aus dem Handel ziehen, weil dort im 7. Band auf Seite 897 im Artikel „Habsburg" von dieser Abstammung die Rede ist. Wiener Familien sind noch im Besitz von Exemplaren dieser Auflage. Den historischen Stoff von dem Geschlecht Pier Leonis und Anaelets II., des Papstes auö jüdischem Blut, hat Gertrud von Le Fort in einem eben erschienenen, mit irgend einem anderen Werk aus der zeitgenössischen Literatur nicht vergleichbaren Roman „Der Papst aus dem Ghetto" (Transmare-Verlag Berlin 1930) zu einer wundervollen Dichtung in streng religiöskatholischem Sinn gestaltet. Von der Verfasserin, einer gelehrten Kennerin des theologischen Schrifttums, besonders auch des Alten Testaments, stammen die „Hymnen an die Kirche" und der moderne katholische Konvertiten-Roman „Das Schweißtuch der heiligen Veronika" (Kösel & Pustet). Der neue Roman hält sich von jeder bisherigen Art des historischen Romans völlig fern. Indem die Dichterin halb verwischte Stücke alter Annalen wie aus dem Dunkel hebt, sprechen läßt, wieder abbricht, den Wortlaut zu entziffern, den Sinn zu deuten sucht, entsteht ein überaus zartes religiöses Bild, abgeblätterten, blind gewordenen und wieder gereinigten und ergänzten Tafelbildern frühitalienischer Meister vergleichbar. „Diese Geschichte liegt zerschollen auf vielen großen und kleinen Scherben der goldenen Stadt Roma: wo man noch lesen kann, fügt man sie zusammen, und wo man nicht mehr lesen kann, schreibt die Nacht dazwischen". Abwechselnd werden die Annalenbruchstücke der Juden und der Christen aufgeschlagen: „Die Juden von Roma, erzählen:...." — „Aus den Büchern unsrer goldenen Stadt Roma:." Die Mutter Anaelets II., Mirjam, die Tochter des Rabbi Nathan ben Jechiel („Die Schöne, nach ihr ist gemacht das Steinbild Reine de Juda am Dom von Chartre") mit ihrer kleinen blinden Tochter Trophäa und ihrer jüdischen Umgebung, diese Welt aus dem Ghetto jenseits des Tiber, in ihrer Gläubigkeit, im Kranz ihrer alten Gesetzes- und Prophetenlehre, ihrer Hymnen und Hoffnungen, ist von der Dichterin, fern von jeder handfesten und antiquarischen pseudohiftorischen Realistik, auf das zarteste und liebevollste mit der Hingabe des missionierenden Herzens, das den verirrten Rest des auserwählten Israels an den göttlichen Thron zurückführen will, gestaltet. Die Gegenspieler sind die herrschenden Mächte, die in den städtischen Trutzburgen der Pierleoni und Frangipani mit der Stadt Rom, mit dem Papst, dem römischen Kaiser nach Willkür verfahren. „Die Reiter Edoms", sagen die römischen Juden. „Platz, Platz! ihr Judenweiber, für die Reiter der erlauchten Capitane!" Die Haltung der Verfasserin ist eine streng katholisch-dogmatische, trotz aller Beseelung und Vergegenwärtigung der Situationen und Gestalten. Der schismatische Papst aus dem Ghetto ist der Antichrist, der Gegenpapst Innozenz II. die leidende ans Kreuz geschlagene Kirche. Der junge Petrus, der spätere Papst Anaclet II., ist die Verkörperung der „Gerechtigkeit", sie zu üben hält er wie seine jüdischen Ahnen für die höchste von Gott gestellte Aufgabe. Aber der Papst belehrt ihn: „Mein Sohn, Gerechtigkeit ist nur in der Hölle; im Himmel ist Gnade, und auf Erden ist das Kreuz. Die Kirche aber ist dazu da, daß sie segnet, die es tragen. Und also segnen Wir Dich und die Deinen, Petrus Leonis: auch ihr tragt das Kreuz Jesu Christi." Die Funktion der Juden im göttlichen Heilöplan und ihre Zukunft ist für die katholische Verfasserin endgültig in den drei Kapiteln 9-11 des Briefes des Apostels Paulus an die Römer fixiert. Die christliche Legende des Geschlechts Pier Leone, die hier niedergeschrieben ist, nötigt durch ihren tief religiösen und dichterischen Gehalt zur Achtung, ja Bewunderung; der Debatte von Meinung und Irrtum ist sie völlig entzogen. L. F.