Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 17 (1.9.1931)
- Article
- Emanuel Kirschner
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 263 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 263 sind. Er aber war, wie ich aus eigener Erfahrung es aussprechen darf — ich gehöre nämlich zu seinen ältesten Schülern — ein hervorragender Lehrer, der den Kindern nicht nur viel Wissen beibrachte, sondern sie auch religiös zu erwärmen und für das Judentum zu begeistern verstand, dabei auch stramm Disziplin zu halten wußte. Außer seiner gründlichen Fachausbildung brachte er aber auch noch etwas mit, was man weder erben, noch von andern lernen kann, sondern was aus dem Menschen selbst quillt: die echte ungeheuchelte Frömmigkeit und der unbedingt zuverlässige Charakter, die allen Leistungen erst den Stempel der Vollwertigkeit aufdrücken. Seine positive Einstellung zum Judentum brachte ihn vielleicht sachlich bisweilen im Gegensatz zu dem oder jenem, doch in der Wertschätzung seiner Person waren und sind sich alle einig. Durch seine kantoralen Leistungen wie durch seine unterrichtlichen Erfolge und nicht zuletzt durch sein ganzes menschliches Wesen hat er für sich selbst und darüber hinaus für den ganzen Stand Achtung und Anerkennung geworben. Die Glut der tiefen „Kawwono", die seinen Vortrag der Gebete auszeichnete, mochte es sich um den kunstvollsten Gesang oder das schlichteste Rezitativ handeln, übertrug sich unwillkürlich aus alle Beter und machte auch das kühlste Herz empfänglich für die zum Höchsten aufrufenden Gefühle und Gedanken. Die von ihm ausgehende Überzeugungskraft begleitete ihn auch von der Synagoge ins Leben der einzelnen, flößte jedermann Vertrauen ein, und gewiß darf man auch von ihm wiederholen, was dem Heimgegangenen Oberkantor Birnbaum in Königsberg nachgerühmt wurde, „daß er die volkstümlichste und beliebteste Persönlichkeit seiner Gemeinde ist". Doch so viel Kirschner auch mitbrachte, war er sich doch bewußt, und auch das zeichnete ihn vor so vielen aus, daß er noch nicht fertig war. Er besaß ein rastloses Streben, sich nach allen Richtungen hin weiterzubilden. Ein richtiger Lehrer fühlt ja immer, daß er noch nicht ausgelernt hat, und arbeitet daher unablässig an sich weiter. So vervollkommnete auch er sich nicht nur auf gesanglich-kantoralem Gebiet, sondern vertiefte zugleich von Jahr zu Jahr seine jüdischen Kenntnisse, was sowohl seiner amtlichen Tätigkeit zugute kam, als auch in seinen Kompositionen wre in seinen Vorträgen und Aufsätzen sich bekundete. Als Nichtfachmann darf ich mir über den musikalischen Wert seiner Kompositionen kein Urteil anmaßen. Doch nach dem übereinstimmenden Urteil seiner Kollegen und aller sonstigen Spruchberechtigten gehören sie zum Besten und Schönsten, was in den letzten Jahrzehnten auf dem Felde der Synagogenmusik produziert wurde. Kein Wunder nach all dem, daß sein Name schon bald auch über den Kreis der Gemeinde drang und er zum Gesanglehrer an der Münchener Akademie der Tonkunst berufen wurde. In dieser Stellung verblieb er aber nur kurze Zeit, und gerade die Gründe, die ihn zur Niederlegung seines Amtes dort bewogen, zeigen seinen Charakter im schönsten Licht. Er merkte nämlich, daß seine Stimme durch die Anstrengung des Gesangsunterrichts Schaden erleide, und so entschloß er sich, die ehrenvolle und befriedigende Tätigkeit ganz aufzugeben und sich auf das Kantorat allein zurückzuziehen, denn „seine Stimme gehöre der Gemeinde", eine lebende Illustration jener Midraschstelle, an welcher der Schriftvers (Spr. Sal. 3, 9) „Ehre Gott von deinem Vermögen" gedeutet wird: „Ehre Gott mit allen dir von ihm verliehenen Gaben" und als Beispiel ausdrücklich der sangesbegabte Vorbeter genannt war. Doch das gezeichnete Bild würde eines wichtigen Zuges entbehren, wenn wir Kirschner nicht auch in seinen rein menschlichen Eigenschaften und Beziehungen würdigen wollten. Er nahm und nimmt am Schicksal jedes Hauses, jedes Gemeindemitglieds lebendigen Anteil, und ist förmlich mit der ganzen Gemeinde verwachsen. Von der Treue und Zuverlässigkeit seiner Freundschaft kann keiner besser zeugen als der Schreiber dieser Zeilen, der ein volles halbes Jahrhundert Gelegenheit hatte, in Freud und Leid seine unwandelbare Gesinnung zu erproben. So hatte ich auch Einblick in das reine Glück, das ihm im eigenen Hause an der Seite seiner trefflichen Gattin und durch seine beiden wohlgeratenen Söhne erblühte. Heute sonnt er sich schon längst im stolzen Großvaterglück, beschämt aber durch seine Elastizität und Frische noch viele an Jahren Jüngere. So wünschen wir, gewiß im Sinne des ganzen, unübersehbaren Kreises seiner Freunde, daß auch weiter an ihm wahr werde, was der Sabbatpsalm dem Frommen verheißt, daß er in den Vorhöfen unseres Gottes blühen, auch noch im grauen Haare sich des Vollgefühls des Daseins erfreuen und in ungeminderter Kraft das Lob seines Herrn verkünden dürfe. Felix Perles. jüdische beschichte und Sott Theologische und soziologische Geschichtsbetrachtung von Dr. Hanns Reißner, Berlin Die jüdische Geschichtsforschung, deren Wiege vor hundert Jahren in Deutschland stand, hat ein System der Arbeitsteilung und -Zusammenfassung entwickelt, das ihrem eigenartigen Stoff vollauf angepaßt ist. Gemeinsam arbeiten die Anstalten für die Wissenschaft des Judentums in Deutschland, Frankreich, England, Amerika, Rußland und Palästina an der Erforschung derjenigen Epochen jüdischer Geschichte, die, wenn nicht religiös, so doch historisch der Vergangenheit angehören: das Studium der biblischen, talmudischen, hellenistischen und spanischen Zeit ist Gesamtgebiet jüdischer wissenschaftlicher Forschung. Anders steht es um die mittelalterliche und neuzeitliche jüdische Geschichte. Sie führt unmittelbar in die Probleme des gegenwärtigen Judentums. Wohl blieb den Juden auch in der Zerstreuung ftammesmäßige Abkunft und religiöse Bekenntnis gemeinsam. Die Grenzen von Land zu Land waren nicht hermetisch abgeschlossen, vielmehr fluteten zwischen den einzelnen jüdischen Zentren, teils freiwillig, teils unfreiwillig bedingt, Gezeiten der Wanderung und des geistigen Austausches hin und her. Aber seit der Emanzipation in den einzelnen Ländern haben sich deutlich unterschiedene deutsche, französische, englische, russische und andere Judenheiten mit einem besonderen deutschen, französischen, englischen, russischen Heimatsgefühl gebildet. Dieser staatsbürgerlichen Differenzierung entspricht auch auf wissenschaftlichem Gebiet eine fortschreitende Arbeitsteilung, so daß jüdische Territorialgeschichte immer ausschließlicher den wissenschaftlichen Gesellschaften und Organen in den einzelnen Ländern Vorbehalten bleibt. Untersuchungen zur