Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 17 (1.9.1931)
- Article
- Der Propheten-Abschnitt von Jom-Kippur
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 262 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2727925-2727942-2740972--08027-2741035- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
262 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 Isis nicht: für den Hungernden brechen dein Brot, daß schweifende Gebeugte du ins Haus kommen lassest, wenn du einen Nackenden stehst daß du ihn hüllest: vor deinem Fleisch verstecke dich nicht! Dann dringt dein Licht hervor der Morgenröte gleich, eilend wächst deine Wundhaut zu, deine Wahrheit geht vor dir einher, Nachhut dir ist Seine Erscheinung. Rufst du dann, antwortet E r, schluchzest du auf, spricht er: Hier bin ich. Räumst du nur aus deiner Mitte Unterjochung, Fingerstrecken, Arggered, reichst dem Hungernden dein eignes Seelenbcgehr, sättigst eine niedergebeugte Seele: da strahlt dein Licht in der Finsternis auf, sonnenhöhgleich wird dein Düster, stetig geleitet dich Er, sättigt deine Seele mit Köstlichkeiten, ermuntert dein Gebein, daß du gleich wirst einem durchrieselten Garten, einem Wasierborn gleich besten Master nie versagt. Trümmer der Vorzeit bauen die Deinen auf, Grundmauern von Geschlecht für Geschlecht errichtest du wieder, rufen wird man dich Rißverzäuner, Rückbringer der Pfade für die Besiedlung. Hältst du zurück deinen Fuß wegen der Wochenfeier, vom Tun nach deinen Gelüsten am Tag meiner Heiligung, rufst die Feier selber: Wonne, die Mir heilig ist: Ehrwürdige, und ehrst sie, statt deine Wege zu tun, statt zu finden dein Gelüst und Gerede zu reden, dann wirst du Wonne haben an M i r, ich fahre dich über die Kuppen des Lands, ich atze dich mit Iaakobs deines Vaters Eigen. Ja, geredet hats Sein Mund. CmanuelKirschner Erster Kantor der Gemeinde München 1881 Manches Mitglied der Münchener Gemeinde, das meinen Namen unter diesem Festartikel sieht, wird vielleicht — und anscheinend mit Recht — die Frage stellen: Was kann uns ein Mann, der schon seit mehr als ein Menschenalter so weit entfernt von hier seinen Wohnsitz hat, neues über unsern alten Freund Kirschner sagen, den wir doch alle aus der Nähe kennen, mit dem wir durch so viele sich täglich erneuernde Bande verknüpft sind, den wir alle als ein Stück unserer selbst betrachten? Wäre es da nicht näherliegend, daß heute nur einer aus unserer eigenen Mitte zum Ausdruck brächte, was wir von ihm halten und wie wir zu ihm stehen? Vielleicht aber hin ich gerade dadurch, daß ich nun schon so lange räumlich von München getrennt bin, auch wieder besser geeignet, die besondere Eigenheit Kirschners zu sehen und anderen deutlich zu machen. Habe ich doch in mehr als einem Sinne die nötige Distanz zum Gegenstände. Durfte ich doch in dieser langen Zeit eine ganze Anzahl hervorragender Kantoren in den verschiedensten Gemeinden der Alten und Neuen Welt kennen lernen. Es steht mir daher ein besonders reicher Vergleichungsstoff zur Verfügung, so daß ich einen ungewöhnlich hohen Maßftab anlegen und an Kirschner Vorzüge entdecken kann, die der Münchener gar nicht mehr gewahr wird, weil er sie längst für etwas selbstverständliches hält. Doch auch noch ein anderer Umstand legitimiert mich zur Würdigung Kirschners an dieser Stelle. War es mir doch vergönnt, schon sein Werden vom Augenblick seines Dienstantrittes in München an genau zu verfolgen, und konnte ich so durch die engen Beziehungen, die ihn mit meinem Elternhause verbanden, viel beobachten und erfahren, was die heutige Generation gar nicht mehr weiß. Im April 1881 starb Der hochangesehene Erste Kantor M. G. L ö w e n st a m m, der 54 Jahre in der Gemeinde gewirkt hatte, und überall wurde die bange Frage laut: Wo wird sich ein wür- 1951 diger Nachfolger finden? Mehrere schon erprobte Kantoren wurden zum Probevortrag berufen, doch Kirschner, der bis dahin zweiter Kantor in Berlin gewesen war, siegte über all seine Mitbewerber. Von ausschlaggebender Bedeutung wurde damals das Urteil keines Geringeren als H e r m a n n L e v i, der kurz und bündig erklärte: „Der Mann kann singen. Den wählen Sie!" Nun kam aber noch eine zweite, nicht weniger schwere Probe zu bestehen, nämlich auch in das Herz der Gemeinde, die an ihrem verstorbenen Kantor mit rührender Liebe hing, sich hineinzusingen. Nach einem bekannten jüdischen Sprichwort ist es ja überhaupt schwer, nach einem guten Chason sich Gehör zu verschaffen. Gar bald zeigte es sich aber, daß er den Vergleich mit seinem ausgezeichneten Vorgänger nicht zu scheuen brauchte und in kürzester Zeit flogen ihm förmlich alle Herzen zu. Eine Reihe von Eigenschaften wirkten da zusammen. Kirschner brachte in sein Münchener Amt trotz seiner Jugend — er zählte damals erst 24 Jahre - schon viel mit. In seiner Vaterstadt Beuthen hatte er bereits ein gut Teil vom Geiste des alten Chasonus in sich ausgenommen. Sein Vater, an den die älteren unter uns sich noch gern erinnern werden, hatte viel Verständnis für Synagogengesang, und so war es bei der stimmlichen Begabung und bei den religiösen Neigungen des Knaben nur natürlich, daß er für den Kantorenberuf bestimmt wurde. Er bezog das Lehrerseminar der Jüdischen Gemeinde Berlin und wurde dort Schüler von Louis Lewandowski, der entscheidenden Einfluß auf ihn ausübte und dem er bis heute dankbare Verehrung bewahrt. Daneben bildete er sich auch in allen Zweigen des Religionsunterrichts aus, in welchem er sich dann ebenso bewähren und auszeichnen sollte wie auf dem eigentlichen kantoralen Gebiet. Darin unterschied er sich von manchen seiner Berufsgenossen, die bald tüchtige Kantoren, bald tüchtige Religionslehrer, doch durchaus nicht immer beides in einer Person