Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 16 (15.8.1931)
- Article
- Die Frage nach der Wahrheit
- Date
- 1931-08-15
- Page
- Seite 252 (sequence 2)
- Language
- German
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252" Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16' Wortsink, der Hineindeutüng, der Andeutung und dem mystischen' Wortsinn unterscheiden und die durch Vermittlung des Hieronymus und anderer Kirchenväter, auch in die christliche Exegese eingedrungen sind/Von hier aus läßt sich schon eher ein pädagogischer Ausweg gewinnen. Für die Zeit vor der Pubertät hat unsere Frage kein so wesentliches Gewicht,- da im eigentlichen Kindesalter der Wahrheitsbegriff noch' nicht mit dem der sachentsprechenden Richtigkeit identisch ist. Es herrscht vielmehr ein gleichsam mythischer Wahrheitsbegriff vor, wie ihn z. B. I a e o b Grimm und Hegelfür Märchen und Sagen in Anspruch genommen habend Die Pubertät bringt dann mit der bewußtwerdenden Auflösung der Natureinheit von Seele'und Leib, die sich in dem schreckhaften Erwachen des GeschlechtStrieb.es wie zwei feindliche Mächte gegenüberftehen, zugleich auch.im Geistigen den Sinn für dualistische Kritik: Märchen und Sage werden als „unwahr" verworfen, geschichtliche Wahrheit im Sinne der Tatsachenrichtigkeit wird gefordert. Die Bekenntnisschule jeder Art steht in diesem Iugendalter vor einer pädagogischen Gefahr, der sie in der Praxis beinahe wohl immer erliegt. Helfen kann nur der rücksichtslose Versuch, die von der Exegese ausgebildeten Deutungsarten zum Bewußtsein des Schülers zu bringen. Er muß jedesmal wissen, wann es sich um die historische Frage nach der Entstehungsgeschichte eines Textes handelt, wann um die Sinnsrüge seiner geistigen Einheit und der von dieser ausgehenden religiösen oder weltanschaulichen Wirkung. Die erste Betrachtungsart'wird dem kritischen Bedürfnis der Jugendlichen entgegettkommen, die zweite will ihm eine Brücke bauen, auf der er später'wieder zur Einheit der Sinnzusammenhänge vorstoßen kann, die ihm zunächst in die von der Kritik gesonderten Elemente gänzlich auseinanderzufallen droht. Denn auch dies muß der Lehrer wissen und wagen: seine kritischen Äußerungen werden in dieser Periode auf weit fruchtbareren Boden fallen als seine wiederaufbauenden. Es hilft nichts: er ist dieses Risiko seiner eigenen wissenschaftlichen Redlichkeit, der Würde des Gegenstandes und dem Wahrheitsstreben' der Jugend' in gleicher Weise schuldig. Ist er nur von der letzten positiven Kraft seiner Lehre überzeugt, so. werden auch seine synthetischen Deutungen des Sinnzusammenhangs nicht verloren gehen, ob es gleich im Augenblicke so scheinen mag: sie fallen als Samen in einen tieferen Grund und kragen spätere Frucht, Aber jeder Lehrer, der diesen Erfolg durch Fälschung seiner eigenen Werturteile vorwegnehmen und verfrühen will, verliert ihn für alle Ewigkeit: er muß ihn vorbereiten, er darf ihn nicht erzwingen: Die ungeschriebene Voraussetzung jeden Gespräches, auch' des zwischen Lehrer und Schüler, ist der gemeinsame Wille zur Wahrheit; Es kann kein noch so hohes Ziel geben,' hinter dem er zurücktreten darf. . -.' Diese Überzeugung wird, wie ich meine/ die Bekenntnisschule jeder Art, und vor allem die religiösein ihrer Stellung zur' Wahrheit feftzuhülten, haben. Auch sie hätte also einen Teil der-' fertigen Tugenden zu entwickeln, auf deren voller'Entfaltung die Möglichkeit der Simultanschule beruht, ' ' ' Itzig Settel Stern, ein bayrisch-lränksscker flntifemtt des ly.lahrhunderls Von Dr. B. W c Die bayerischen Juden hatten im neunzehnten Jahrhundert einen schweren, ja den schwersten Kampf in Deutschland ^überhaupt, um'ihre bürgerliche Emanzipation zu führen. Trotz der Bemühungen eines Oberthür, der schon im Jahre 1792 auf dem fränkischen KreiskonvLnt" in Nürnberg die Frage erörterte, wie man den Zustand der Juden verbessern könnte (A: Eckstein, Der Kampf der Juden uw ihre Emanzipation in Bayern; 1905, 2 ff.) blieb die Gleichstellung der Juden bis in die sechziger Jahre des neunzehnten. Jahrhunderts nur ein Traum. Die Humanitätsidealc, die in Bayern, .dem Erben der fränkischen Kleinstaaten, zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts eindrangen, halfen den Juden nichts. 2n die Verordnungen über Ansässigkeit (1801) und Religionsfreiheit - nicht katholischer Konfessionen (1803) waren Juden nicht. einbezogen. Alle Bemühungen führten nur zum Edikt von 1813, das neben wenigen Erleichterungen auch das dem Mittelalter entnommene Matrikclgesetz enthält (Eckstein 22 ff.). „Die Zahl der Judenfamilicn an den Orten, wo sie dermalen bestehen darf, in der Regel nicht vennehrt, soll vielmehr nach und nach vermindert werden, wenn sie zu groß ist." .Dort, wo sich bis dahin keine Juden befanden, durften sich auch weiter,, mit kleinen Ausnahmen, keine ansässig machen. Auch die Verfassungsurkunde' des Königreiches Bayern (1818) ging an den Juden vorbei. Iw diesem schweren Kampf hatten die Juden Bayerns neben einzelnen-Förderern und Gönnern eine ^Lchar von Feinden, die mit Wort und Tat gegen ste kämpften. Eine der verbissensten Feinde, jener Zeit war der' Richter Johann Friedrich Siegmund Frhr. v. Holzschuher, der sich den Namen Itzig Feitel Stern zugelcgt hat, um somit die Juden erfolgreicher bekämpfen zu können. Er wollte die Sprache der Juden aus den fränkischen Dörfern und Marktflecken nachahmen und schrieb so in einem fränkischen Dialekt, in einem Rotwelsch der.Jahrmärkte und Viehhändler mit'entstellten hebräischen Brocken vermengt. Die Sprache ebenso wie das angenommene Pseudonym Itzig ■ Feitel Stern sollen 'seinen Schriften den Anschein eines jüdischen Verfassers geben und somit die Glaubenswürdigkeit der. über die Juden erzählten Geschichten m den Augen des Lesers erhöhen. Holzschuher mußte sich um so mehr verstellen und darauf bedacht sein, daß man ihn bei seinen Lebzeiten nicht mit Itzig identifizierte, weil er sicherlich mit Juden in einem engen Verkehr stand, um ihr Leben kennen zu lernen und ihre Schwächen herauszuinr y b, Breslau greifen. Und tatsächlich gclflng. es ihm, sich ganz unter dem Pscudonyur zu verstecken, so daß man bis nicht vor langer Zeit nicht wußte, wie sein richtiger Name war. Bei Gocdecke (Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung 1.) und im Pseudonymenlexikon (Holzmann-Bohata) wird er mit Heinrich Holzschuher, dem Herausgeber vom Bayerischen Landboten identifiziert. Erst vor kurzem hat man sein'literarisches Testament entdeckt, aus dem man erst den richtigen Namen erfahren konnte. In diesem Testament, geschrieben um 18601 (abgedruckt in Zeitschrift für Bücherfreunde 1928, 1.14—1.20), zählt, er.seine Schriften auf und macht sich wieder über die Juden lustig. Holzschuher, ein Sohn der Nürnberger Patrizicrfamilie dieses Namens (geb. 1796) wirkte, nachdem er seine Rechtsstudien in Erlangen absolviert hatte, an den Gerichten in Ansbach, Pleinfeld, Gräfenberg, Feuchtwangen, Altdorf u.. a. Orten Frankens, wo er das. Leben der.jüdischen Viehhändler, kleiner Handelsleute und anderer Dorfjuden kennenlernte, um nachher cm verzerrtes Bild davon in satyrischer Form in seinen Parabeln, Erzählungen, possenhaften Gedichten und Anekdoten zu geben. Mit- Hilfe des jüdischen Witzes, den er nachzuahmen versucht/ will Holzschuher die Juden selbst bekämpfen, sie lächerlich machen, ihre Crwerbstätigkeit durch..„'Entlarvung ihrer Spitzbübereien und verderblichen Umtriebe" unmöglich machen oder die Bestrebungen'der Juden um ihre Rechte' bekämpfen.. In den zwanziger Jahren, als die antijüdische Hetze stark-zunahm, begann Holzschuher, angeregt durch Justin Hilarius'. „Jüdcnkirschen" seine literarische Tätigkeit. Vom Jahre 1826 an erscheinen eine ganze Reihe kleiner Schriften bald in Meissen, bald in München, von' denen ein Teil manchmal mehrere Auflagen hatte. Schon der Titel (Schabbcsgärtel) oder Untertitel verraten oft . die.Tendenz und Inhalt der Schrift selbst. So heißt ein in München im Jahre 1827 erschienenes Büchlein: „Drei Gedichter vun e grauster baal Chochme der Gojim mit Nume sNamen^ Friedrich vun Schiller für Lamdcn und Amharazim-rausgiebcn vun Itzig Feitel Stern." ' Anfangs der dreißiger Jahren, als die bayerischen Juden energisch ihren ^^„Essay, d. h. zu Daitsch ein Schlaauer Beitrag zur Ergänzung allenfallsiger jenseitiger Lücken in der Literaturgeschichte oder glaubhaufte Beschreibung, wie das Schabbesgärtle zum ersten und zweiten Mal das Licht der Welt erblickt hat. Von Itzig Feitel Stern Nachfolger." -