Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 16 (15.8.1931)
- Article
- Ergebnisse des 17. Zionistenkongresses
- Date
- 1931-08-15
- Page
- Seite 247 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 247 Ergebnisse des 17. Zionistenkongresses Wenn man sich zu einer objektiven Berichterstattung, auf die die Leser dieser Blätter Anspruch haben, durch die Berge bedruckten Papiers über diesen Kongreß durchgearbeitet hat, so verstärkt sich der Eindruck, daß der Zionismus wohl die auffallendste und stärkste Assimilationserscheinung des gegenwärtigen Weltjudentums ist. In geradezu schauriger Weise spiegelten sich in dieser Baseler Versammlung die Zersetzungserscheinungen unserer modernen demokratischen Systeme. Der gute Geist des Zionismus sind die vernünftigen Leute um die „Jüdische Rundschau", die in den gleichen Denkformen Politik machen wie Herr Brüning und Herr Dr. Ludwig Holländer, von der Art und Weise der meisten die westeuropäische Denkart als überholt empfindenden russischen Juden, die in der Zionistischen Organisation die Hauptrolle spielen, häufig meilenweit entfernt. „Weizmann ist gestürzt, seine Politik hat gesiegt", so umschreibt Felix Weltsch in der „Jüdischen Rundschau" mit Recht das Resultat. Wir glauben am besten zu tun, aus der Fülle des Materials den vorzüglichen Bericht der Kölnischen Zeitung (vom 25.Juli 1951) zur Information unserer Leser abzudrucken. Im Juli schlossen nach fast einmonatigen Beratungen die zionistischen Tagungen. Steht auch der eigentliche Zionistenkongreß in ihrem Mittelpunkt, so gibt es doch immer Vor- und Nachläufer, die aufs innigste zu den Gegenständen Verbindung haben, die das alle zwei Jahre zusammentretende zionistische Parlament behandelt. Den Auftakt gab eine Konferenz der Women's Interterritorial Zionist Organization (— Wizo), die sich entschied, die land- und hauswirtschaftliche Ausbildung der palästinensischen Jüdinnen allen anderen Ausgaben, die das Land in erzieherischen, hygienischen und sozialen Beziehungen reichlich zu bieten vermag, in den Vordergrund zu stellen. Nach Schluß des Kongresses gab es noch eine drei Tage dauernde Versammlung der sogenannten erweiterten, je zur Hälfte aus Zionisten und Nichtzionisten bestehenden Jewish Agency. Diese bildet gewissermaßen ein Oberhaus der zionistischen Bewegung, in dem alle Fragen in den Ausschüssen und Vollsitzungen kühler als auf dem demokratisch zusammengesetzten zionistischen Weltkongreß unter die Lupe genommen werden. Der Rat der Jewish Agency ist zwar gezwungen, sich im wesentlichen den Entschließungen und Beschlüssen des Zionistenkongresses anzuschließen —> wie zum Beispiel in der Anerkennung des jeweils gewählten Präsidenten —, aber er kann sie abschwächen und auch im Haushaltvoranschlag Änderungen vornehmen, eine konstitutionelle Möglichkeit, von der Gebrauch zu machen er sich nicht behindert fühlte. Die wichtigsten Fragen des Kongresses selbst bildeten in diesem Jahr die Erörterung, wo der Zionismus schließlich hinaus will und wer in Zukunft seine Forderungen gegenüber England vertreten soll. Mehr als eine Woche wurde im Politischen Ausschuß und von der Tribüne herab über ein Höchstprogramm, das die revisionistische Opposition angenommen sehen wollte, gestritten, ohne daß sich dafür eine Mehrheit fand. Man scheute nicht nur vor den außenpolitischen Folgen zurück, sondern sagte sich auch, daß es keinen Sinn habe, in einer Zeit, wo die vorhandenen Möglichkeiten aus finanziellen Gründen nicht einmal voll ausgenüßt werden können, mehr zu verlangen, als durchführbar ist. Aber da Staatsmänner auch zwischen den Zeilen zu lesen gewohnt sind, konnte es der britischen Regierung nicht verborgen bleiben, wie ungehalten die jüdischen Massen und jüdischen Führer mit der von der Palästinaverwaltung eingeschlagenen Linie sind, die jüdische Kolonisation statt im Sinne des Mandats zu fördern, mehr als nötig zu behindern. Auch der Sturz des Leiters und Sprechers der zionistischen Außenpolitik, Professor Weizmanns, dessen unvergängliches Verdienst die Erlangung der Balfourschen Erklärung ist, känn nicht anders gedeutet werden als mit der Absicht, Großbritannien und dem Völkerbund mitzuteilen, was der Amerikaner Stephen Wise in die Worte gekleidet hat: //Ich beschuldige die gegenwärtige Regierung von England von dieser Trübine des jüdischen Volkes vor dem moralischen Gewissen der Welt, daß sie in schrecklicher und tragischer Weise verfehlt hat, ihre Verpflichtungen aus dem Völkerbundmandat gegenüber dem jüdischen Volk zu erfüllen." Gleichwohl konnte und wollte sich der Kongreß, der über eine schwankende Mitte verfügte, nicht zu einer Kampfansage an eine Macht entschließen, mit der man schließlich doch Zusammenarbeiten muß, und er wählte mit dem alten zionistischen Diplomaten Nahum Sokolow an der Spitze eine neue Exekutive, die in ihrer mehrheitlichen Zusammensetzung den Weg ihre Vorgängerin, nicht mehr als die Parität zwischen Juden und Arabern in Palästina zu verlangen, fortsetzen wird. Die zionistische Bewegung hat es jedoch nicht nur mit einer regulierenden Kraft außerhalb ihrer Reihen zu tun, sie bedarf auch des Vertrauens und Glaubens der eigenen öffentlichen Meinung in die Verwirklichung ihres Zieles und nahm daher folgende Entschließung an: Der Zionismus ist die nationale Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes. Cr hält an seinem im Baseler Programm (Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte) niedergelegten Ziel unerschütterlich fest, in Palästina die Lösung der Judenfrage herbeizuführen. Das heimatlose, zur Auswanderung drängende Volk will durch seine Wiederverwurzelung in seinem historischen Heimatland auf dem Weg einer ununterbrochenen Einwanderung und Ansiedlung seine wirtschaftliche, geistige und politische Not überwinden und in Palästina sein mit allen Merkmalen eines normalen Volkslebens ausgestattetes nationales Dasein erneuern. Der Kongreß weist jeden Versuch, dieses Ziel des Zionismus zu verkleinern, mit Entschiedenheit zurück. Indessen hat die Jewish Agency mit nicht geringen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, die nicht allein auf die Weltwirtschaftskrise zurückzuführen sind, obwohl Palästina davon weit weniger betroffen ist als andere Länder, sondern auch auf das Mißtrauen gegenüber einer zum Teil mit Savotage arbeitenden Verwaltung in Palästina, die sich initunter nicht einmal scheute, ihre Zuflucht zu einer Politik der Sticheleien zu nehmen. Dies scheint allerdings doch in Zukunft anders werden zu wollen. Während der Kongreßzeit wurde die Ernennung eines neuen Oberkommissars für Palästina bekannt. General Wanchope wird als hoher Militär wohl eine bekannte Eigenschaft seines Standes, Sinn für Gerechtigkeit, mitbringen. Daher wirkte die Ernennung auf das zionistische Parlament zum Schluß beruhigend. Ist auch der vom Kongreß für die Palästinaaufgaben angenommene kleine Haushalt vom Rat der Jewish Agency vorsichtshalber noch etwas gekürzt worden, so darf doch angenommen werden, daß das jüdische Volk bei einer verständnisvollen Haltung der Mandatarmacht auch wieder mehr Mittel für das Palästina- Aufbauwerk zur Verfügung stellen wird. Denn nach dem übereinstimmenden Urteil vieler Fachmänner sind die Schlüsse, die Sir Hope Simpson nach den Unruhen von 1929 in Palästina aus Anlaß eines kurzen Aufenthalts im Land in einem Gutachten bezüglich der Aufnahmefähigkeit neuerer Einwanderer zog, ad absurdum geführt und werden heute selbst vom englischen Kabinett als Grundlage für sein künftiges Verhalten abgelehnt. Unter anderem weist S. Kaplansky in einer eben in der Laubschen Verlagsbuchhandlung erschienenen Untersuchung über die „Realitäten und Möglichkeiten Palästinas" zahlenmäßig nach, daß „das Mandatgebiet Palästina noch Millionen von arbeitenden Menschen aufnehmen und eine Bevölkerung ernähren kann, die das Vier-, Fünf- und Mehrfache der jetzigen Einwohnerzahl ist". Unter solchen Umständen ist auch eine Befürchtung der Araber, verdrängt und besitzlos zu werden, Eingebung unnötiger Furcht, die kaum durch die bekanntgewordenen Vorfälle einer kleinen Anzahl landlos gewordener, aber reichlich entschädigter Pächter gestützt werden kann. Wiederholt haben die zionistischen Kongresse ihrem Willen dahin Ausdruck gegeben, daß sie mit ihren arabischen Nachbarn in Freundschaft und Frieden leben wollen, was bei der Kapitalzufuhr und Entwicklung der Wirtschaft durch die jüdischen Pioniere, wovon die Gesamtheit großen Nutzen zieht, durchaus möglich ist, wenn nicht Einflüsse von außen zur Verfolgung unsachlicher Interessen störend auftreten. Der Zionistenkongreß dieses Jahres leitete keine neue Ara ein, er bewies nur, daß eine Bewegung wie die zionistische, für die es in der Geschichte keinen Vergleich gibt, nicht ohne Mißverständnisse auf vielen Seiten fortschreiten kann. Verfolgt sie auch ein hohes Ziel, für das sie die Sympathien der kulturtragenden Schichten aller Nationen nicht missen kann, indem die nach Palästina auswandernden Juden nicht zur Ausbeutung, sondern zur Produktivierung der Wirtschaft kolonisieren, so ist sie doch in ihren einzelnen Abschnitten, die sie durchläuft, von den Zeitumständen abhängig. Der Kongreß hat seine Ansicht kundgetan, daß ein Zionismus, der auf ein durchaus autonomes Gemeinwesen in Palästina, wie immer einmal die spätere politische Einordnung sein möge, verzichte, nicht mehr seinen Namen verdienen würde. Gute Freunde, wie General Smuts, haben den Zionisten geraten, weniger von einem in der Ferne liegenden Endziel zu reden als praktisch darauf hinzuarbeiten. Und darum kann es auch sein, daß heute bereits wieder Professor Weizmann, vorläufig in den Hintergrund getteten, doch wieder der kommende Mann ist. Irgend jemand hat in den letzten Wochen zugesagt, die großen Hindernisse, die' der Verwirklichung des Zionismus begegnen, rührten daher, daß er das letzte Glied in der Nationalitätenbewegung, die das neunzehnte Jahrhundert charakterisiert, sei. Ob man nicht mit demselben Recht annehmen kann, sie ergeben sich daraus, daß der Zionismus wie überhaupt die Judenfrage den Inbegriff der Minderheitenrechte versinnbildlicht, durch deren Befriedigung vielleicht doch das zwanzigste Jahrhundert ausgezeichnet sein wird?