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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-08-15 · 16 (15.8.1931) · p. Seite 246

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
16 (15.8.1931)
Article
Judentum und deutscher Geist
Date
1931-08-15
Page
Seite 246 (sequence 2)
Language
German
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246 ' Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 Freilich ist es ihm nicht gelungen, innerhalb des Judentums und mit den Waffen des Judentums diesen Kampf um die Achtung durchzufechten, sondern es ist vielmehr das Gegenteil eingetretcn: das Erlebnis des furchtbaren Schicksals des Judentums hat ihn zur Auflehnung gegen das Judentum geführt. Cs war nicht die Liebe zum Volk, die ihn die Mißachtung des Judentums empfinden ließ, sondern es war die Mißachtung seiner Persönlichkeit, seiner Individualität, die ihn unter der Situation des Judentums hat leiden lassen. Und so wird nun aus jenem ursprünglichen jüdischen Haß gegen Europa und gegen das Christentum eine Mißachtung und Lieblosigkeit gegen das Judentum selbst. Das Erlebnis seines Judentums wendet sich gegen dieses Judentum. Er schreibt: „Ich liebe die Juden durchaus nicht, ja im allgemeinen verabscheue ich sie. 2ch sehe in ihnen nur die sehr entarteten Söhne einer großen, aber längst entschwundenen Vergangenheit. Die Leute haben während der in der Sklaverei verbrachten Jahrhunderte auch die Eigenschaften der Sklaven angenommen; und deshalb bin ich ihnen äußerst ungünstig gesinnt. Ich habe auch gar keine Verbindung mit ihnen." Ferdinand Lassalle versucht, ohne das Judentum, um jeden Preis und mit aller Gewalt in die Gesellschaft Europas einzudringen. Sein Sozialismus auf der einen Seite und sein Verlöbnis auf der anderen Seite sind nur der sehr verschiedenartige Ausdruck immer jener einen Absicht, in den Glanz der europäischen Geschichte einzudringen, sei es, indem er dieses schlechte Europa zerstört als Sozialist, oder sei es, indem er es sich selbst verklärt durch seine adelige Heirat. Ehrgeiz und Eitelkeit dieses Menschen, „das Gewalttätige seines Wesens", wie es Heine einmal sehr richtig bezeichnet, steht durchaus im Dienst jenes Dranges nach den Göttern Europas. Gewiß, Ferdinand Lastalle ist Revolutionär, ist Sozialist, ist Begründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, aber bei aller subjektiven Aufrichtigkeit Laffalles ist die Tendenz der Durchsetzung seiner Persönlichkeit in der Welt, die sie niederzudrücken versucht, in allen seinen Unternehmungen spürbar. Und so sehr eine Geschichte von Karl Marx immer vorzugsweise eine politische oder Geistesgeschichte sein muß, so sehr hat eine Biographie Ferdinand Laffalles sich' vor allen Dingen mit seiner Psychologie auseinanderzusetzen. Wenn man verstehen will, warum es zwischen Marx und seinem Freund Engels auf der einen Seite und zwischen Ferdinand Lastalle auf der anderen Seite zu tiefen Zerwürfnisten und schließlich auch zu einem Bruche kam, so hängt das aufs engste damit zusammen, daß Karl Marx zunächst mit außerordentlicher Vorsicht, dann aber auch mit außerordentlicher Abneigung gewappnet war gegen diese großartig angelegte Abentcurernamr Laffalles, die ihn zur Führung des Prozesses der Gräfin Hatzfeld hingeführt hat. Marx spürte, daß das, was Lastalle zum Sozialisten machte, nicht in erster Linie der universalistische Erkennmis- und Befreiungsdrang war, der hinter ihm, Karl Marx, trieb und ttieb, sondern wie auch hinter der politischen Taktik und hinter den politischen Anschauungen Ferdinand Laffalles irgendein persönliches Faktum stand, das nicht unbedingt unpersönlichen theoretischen sozialistischen Anschauungen entspringen mußte. Wenn nach Ferdinand Lastalle im Gegensatz zu Marx der Staat dasjenige Mittel sein muß, das in den Händen der richtigen Leute und ausgestattet mit den geeigneten Verfastungsmitteln das Vorwerk im sozialistischen Befreiungskämpfe darstellt, wenn also die Eroberung des Staates durch die Arbeiterschaft gleichbedeutend ist mit dem Siege der Arbeiterschaft über das Bürgertum, so scheint uns auch in dieser These die Psychologie Ferdinand Laffalles stark am Werk gewesen zu -sein. Denn der Staat, vor allen Dingen in der Konzeption Bismarcks, um dessen Gunst Lastalle bemüht war, mit dem zusammen er gerne große Politik gemacht hätte, dieser Staat Bismarcks konnte ja auf eine romantische Veranlagung Eindruck machen. In dieser Liebe Laffalles zum Staat steckt etwas von der Liebe des in Generationen staatlich enttechteten Juden zur Kulmination alles Machtwillens. Cr war, oder besser, er wurde Demokrat und Sozialist malgre lui, im Grunde wäre er doch lieber den glanzvollen Weg der Aristokratie und des hohen Bürgertums gegangen. Heinrich Heine hat die letzte Unsicherheit erkannt, die hinter Lastalle gesteckt hat. Bezeichnend hierfür ist ein Gespräch aus dem Jahre 1848, wo er sich folgendermaßen äußerte: „Denken Sie sich, einer seiner Verwandten hatte die Unverschämtheit, mir zu sagen, ich hätte ihn (Lastalle) nach Berlin empfohlen, weil in ihm der neue Erlöser erschienen sei. Wehe über die Erlösten!" Und dieses „Wehe", das hier Heine über die fälschlich Erlösten ausspricht, gilt noch um sehr vieles mehr für den vermeintlichen Erlöser, für Laffalle selbst. Denn das muß ja die Perspektive sein: dieser Staatssozialismus, diese Bismarckfreundschaft, dieser Prozeß der Gräfin Hatzfeld, dieses Verlöbnis mit der Helene von Dönniges, all dies können nur Etappen eines gezeichneten Menschen sein. Auch das hat wiederum Heinrich Heine gesehen. Fanny Lewald erzählt von einem Gespräch, das sie mit Heine im Herbst 1855 geführt hat. Heine sprach damals viel von Laffalles gewalttätiger Kraft und seinem genialen Geistesblitz. Er bewunderte, wie sich in ihm die besten und schlechtesten Seiten, alle Vorzüge und Fehler seiner Raste ein „Rendez-vous" gegeben haben, und er schloß seine Rede mit den prophetischen.Worten: „Aber es wird kein gutes Ende nehmen!" Nein, es hat kein gutes Ende genommen, psychologisch gesprochen deswegen nicht, weil Ferdinand Laffalle im Grunde niemals über die Anfänge hinausgekommen ist, weil es ihm niemals gelungen ist,, jenes Grunderlebnis des geächteten jüdischen Volkes umzuschmelzen und zu läutern zur Reinheit einer von allem Persönlichen gereinigten Idee. Dies wird am deutlichsten im Endspiel. Will man Lastalles Persönlichkeit erfassen, so muß man neben den Tagebucheintragungen des Fünfzehnjährigen vor allem zu jenen Briefen greifen, die er gegen Ende seines Lebens an Helene von Dönniges gerichtet hat. So schreibt er an die Geliebte: „Ich habe keinen anderen Gedanken mehr als Dich. 2ch liebe'Dich bis zum Wahnsinn! Erst in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag ist mir meine Liebe zu Dir wie durch eine Offenbarung in ihrer ganzen schrecklichen Gestalt zum Bewußtsein gekommen! Erst das Leiden hat die Rinde relativen Phlegmas, welche das Glück um mich zu legen pflegt, gesprengt, und meine Liebe ist herausgesprungen in ihrer riesengroßen Schreckensgestalt! Politik, Wissenschaft, alles, was sonst mich erfüllte, alles ist mir zu einem farblosen Schatten verblaßt vor dem einen Gedanken: Helene." Und ein andermal bricht er so aus: „Ich kann nichts mehr denken als Dich, alles andere ist mir zur Farblosigkeit verblaßt. Seit Mittwoch Nacht liebe ich Dich bis zum Wahnsinn!" Und wir werden heute diese Bezeichnung des „Wahnsinns" auch noch nicht ablehnen können. Cs muß als wahnsinnig erscheinen, wenn eine Persönlichkeit, die. sich dazu berufen fühlt, durch ihre politische und wissenschaftliche Wirksamkeit ein Erlöser der bedrängten Menschheit zu werden, in der Leidenschaftlichkeit eines persönlichen Erlebnisses das alles vergessen kann. So sehen nicht Mensechn aus, die eine Sendung zu erfüllen haben. So sehen nur Menschen aus, die in einer vollkommenen Gebrochenheit ihres Wesens haltlos zu sich, zu ihren Ideen und zur Umwelt stehen. So nimmt es uns auch gar nicht Wunder, wenn auch diese so leidenschaftliche und heiße Liebe nicht erwächst aus dem Grunde einer sich vertiefenden oder sich verinnerlichenden Beziehung, sondern wenn auch sie sich darstellt als eine letzten Endes zufällige Eruption des ruhelosen Erdengastes. Es ist für unsere Bettachtung hier vollkommen gleichgültig, wie das Verhalten der Helene von Dönniges zu beurteilen wäre. Aber aus folgenden Zeilen spüren wir den ttagischen Grundcharakter Laffalles ganz deutlich hervor, der ihn dazu zwang, nach den vielfachen vergeblichen Folgen einer gewaltsamen und gewalttätigen Emanzipation in den Tod zu gehen: „Helene, wenn Du wirklich mir tteulos sein könntest, uneingedenk Deiner Schwüre mir entsagen könntest, Du würdest nicht wert sein, was ich für Dich leide. Aber ich würde mich dennoch töten, denn es gibt fortan kein Leben ohne Dich, Helene. Beruhige mich durch eine Zeile!" Das Duell ist im Grunde nur der Ausdruck des Selbstmordes von Lastalle. Lastalle wollte in diesem Duell fallen, daran besteht für uns nicht der mindeste Zweifel. Und man kann es historisch auch beweisen aus dem, was die Augenzeugen über die letzten Tage berichten, in denen Laffalle, ganz im Gegensatz zu seinem Gegner, sich nicht im mindesten darum bemüht, die verwendeten Waffen zu prüfen oder sich einzuschießen. Laffalles Tod ist kein blöder Zufall in seiner Lebensgeschichte, so zufällig auch die äußeren Umstände sein mögen. Dieser Tod ist nur der Vollzug jener unglückseligen, rein im Persönlichen haften gebliebenen Lösung, die Lastalle für sein jüdisches Erlebnis fand. In seinem Roman „Der Zauberberg" hat uns Thomas Mann in Leo Naphta eine Persönlichkeit geschildert, die, herstammend aus ostjüdischem Milieu, früh getauft, sich rasch zu einem dialektischen Verfechter des Katholizismus entwickelt. Dieser Leo Naphta ist eine außerordentlich kluge, denkerisch geschulte Persönlichkeit, die nun ihre vollkommene Gegensätzlichkeit zur Figur des idealistischen und humanistischen Settembrini entwickelt. Jener geistige Kampf zwischen den beiden spitzt sich allmählich zu einer Sphäre der Gereiztheit zu, die schließlich zu einem Duell führt, vor dessen Beginn Leo Naphta Selbstmord verübt. Vielleicht ist dieser Selbstmord Leo Naphtas das, vielleicht unbewußte, Erlebnis der Figur Ferdinand Lastalles für Thomas Mann. Dieser Leo Naphta muß ebenso wie Ferdinand Lastalle Selbstmord verüben, weil sie beide den ungeheuerlichen Versuch machen, den Sieg über eine Welt, die sie und ihre Vorfahren unterdrückt hat, dadurch zu erringen, daß sie sich mit dieser Welt identifizieren. — Cs gehört sehr intim zur Eigenart der jüdischen Situation in unserer Zeit, daß es gewöhnlich nicht jüdische Persönlichkeiten sind, die uns solche jüdischen Figuren wie Lastalle öder Leo Naphta nahebringen. Auch für Ferdinand Laffalle hat sich bis heute noch kein kongenialer jüdischer Historiker gefunden.

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