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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-08-15 · 16 (15.8.1931) · p. Seite 245

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
16 (15.8.1931)
Article
Inhalt
Date
1931-08-15
Page
Seite 245 (sequence 1)
Language
German
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Kachrichtenblatt üer IsraeWschm Kultusgemelnöen in München^ Augsburg/ Hamberg unöües Serbanöes HagerWec Israeliüscher Gemelnöen Exscheint, am 1. unö if. feöen Monats. — Vertag: B. Heller/ München, Bezugspreis für nicht eingewiefene Bezieher: Reichsmark 4.Ss für üa» Plinganserstraße 64/ Kernruf 736.64 unö 73663/ Postscheck München 39&7/ Jahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Reichspfennig Schristleitung: Sr. Luöwig Keuchtwanger, München, Grillparzerstraße )S Kamilienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 15 ReichSpfennlg VILJahrgang Münchm,15. August t?jt Ar. iS Inhalt: Judentum und deutscher Geist — Ergebnisse des 17. Zionistenkongresses,— Die Juden in Sowjetrußland — „Untergang der ,Erde arn Geist" —. Die Frage nach der, Wahrheit — Itzig Feitel Stern, ein bayrisch-fränkischer Antisemit des 19. Jahrhunderts — Wolfratshausen — Ein Buch.für den jüdischen Lehrer — Eine vorbildliche Gemeindeeinrichtiing — Bericht über die Verhandlungen des bayerisch-pfälzischen Fleischertages in Neustadt an der Haardt vom 7. Juni 1931 zum Punkte Ächächtfrage — Bücherschau -— Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen der 2sr. Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über Glückwunschablösung 1931 — Bekanntmachung über den Filialgöttesdienst an den hohen Feiertagen und die Vermietung von Synagogenbetstühlen — Personalia Judentum und deutscher Seist' Von. Dr. L e 0 Löwenthal III. Ferdinand Lassalle .Wenn man von jüdischen Gesichtspunkten her Marx und Lassalle gerecht werden will, so.nruß man vor allen Dingen auf die Verschiedenheit ihrer Abstamlnung. himveisen. Karl Marx gehört einer angesehenen rheinischen Familie an, die in der befreiten Atmosphäre lebt, die die napoleonische.Judengesetzgebung in seiner Heimat erzeugt hat. Lassalles Vater, stammt, aus. einem kleinen polnischen Ort, und sein Sohn Ferdinand kommt, m Breslau zur Welt. Die Biographie Lassalles ist zugleich ein Beitrag, zur.Psychologie des Ostjudentums. Vor hundert Jahren lebte, man als .Breslauer, Jude in außerordentlich gedrückten Verhältnissen; die. Neste einer lächerlichen Judengesetzgebung hielten sich ja dort am zähesten, .sie verschwinden-ganz erst im Jahre 1848. Und. dieser Ferdinand. Lassalle,, der. im Jahre 1825 zur Welt kommt, empfängt noch durchaus d.je Gefühle des gerade eben aus der Ghettoenge kommenden Juden... Das . Verhältnis, zur freien Umwelt oder zum Geist der Welt Hat im Ostjudentum sehr verschiedene Folgen gezeitigt. Die tiefste Äußerung,. Ausdruck der jüdischen. Volksseele selbst, ist die Mystik des ostjüdischen.Chassidismus, die in ihrem steten Drang nach Oben, in jenem steten.-Durchbrechen öder Durchbrechenwöllen der gesetzten äußeren und inneren Grenzen, unablässig zur Zersprengung des Ghettocharakters von innen her drängt. Cm anderer Typus schon viel westlicherer Art ist Salomon Maimon, der — wie bereits gezeigt — im kulturell-geistigen Bezirk den Durchbruch versucht. Und Ferdinand Lassalle ist das klassische Beispiel desjenigen Durchbruchsversuchs, der ja heute noch nicht zu seinem Abschluß gekommen ist: des sozialen. ' Das.Leben. Ferdinand Lassalles ist der. Versuch des Durchbruchs des Ostjudentums zur europäischen Gesellschaft. Das Grunderlebnis Ferdinand .Lassalles-ist darum die gesellschaftliche Knechtung seines Stammes. Mit. fünfzehn .Jahren schreibt der Leipziger Handelsschüler folgende Worte in. sein Tagebuch: „In der Tat, ich'glaube, ich bin einer der besten Juden, die es gibt, ohne, auf das Zeremoniälgesetz zu achten. Ich könnte, wie jener Jude in Bulwers „Leila" mein Leben wagen, die Juden aus ihrer jetzigen drückenden. Lage zu befreien. Ich würde selbst das.^ Schafott nicht .scheuen, könnte ich' sie wieder zu einem geachteten Volke machen. Oh, wenn ich meinen kindlichen Träumen nachhänge, so ist. immer meine Lieblingsidee, an der Seite der Juden, mit den Waffen in.der Hand, sie selbständig zu machen."; ..1 Vgl. die vorangegangenen Aufsätze.- zu diesem Thema, Gem.-Ztg. 19Z0, Nr. 14 (Sal. Maimpn) rmd Nr. 19 (Sigmund.Freud).. . Das mißachtete Volk zu einem geachteten Volk zu machen ist der starke jüdische Antrieb des jungen Lay alle. Und aus jener Erlebnisart heraus muß man diese. Persönlichkeit zu verstehen suchen. Das erste, was immer für ihn entscheidend ist, ist nicht etwa eine bestimmte theoretische Überzeugung, ein Gedanke, der ihm aus seinen vielfachen gelehrten Studien erwächst, sondern es ist immer, ein persönliches leidenschaftliches Erlebnis, genauer: es ist immer das persönliche Empfinden der Mißachtung und der Drang, diese Mißachtung, die er vor allem als Jude empfindet; gutzumachen und zu übertrumpfen. Und dieses Erlebnis des mißachteten Volkes macht, so sonderbar es klingt, doch in einem sehr intimen,, freilich auch sehr einseitigen Sinn Ferdinand Lassalle zu einem jüdischen Nationalisten. Denn das war ja im Grunde, genommen, auch das Herzliche Erlebnis, das mißachtete Volk wieder in einen achtunggebietenden Zustand zu versetzen. Freilich bricht bei dem gewaltsam niedergehaltenen und nun auf einmal in Freiheit gesetzten ostjüdischen Typus Ferdinand Lassalle dieses nationalistische Gefühl mit einem ungeheueren Rausch der Wut und der Gewalt, die. um jeden Preis die. Mißachtung seines Volkes rächen will, lebendig durch. Und so schreibt er. dann ein Vierteljahr später.in seinem Tagebuch dieses:. - - ■ . „Abends brachte mir der Bruder von Madame Direktor den. Bericht über die Juden in Damaskus. O, es ist schrecklich zu lesen, schrecklich zu hören, ohne daß die Haare sich sträuben und alle Gefühle-des Herzens in Wut verwandeln. Ein Volk, Das dies erträgt, -ist schrecklich, -es räche oder dulde die Behandlung! Gab es je eine Revolution, welche gerechter! wäre als die, wenn die Juden in jener Stadt aufständen, sie von allen Ecken anzündeten, - den - Pulverturm .in die Luft, sprengten.und -sich mit ihren Peinigern töteten? Feiges.Volk, du verdienst kein-besseres'Los! Der getretene Wurm krümmtsich, du aber bückst dich tiefer! Du weißt nicht,, was gerechte Rache heißt, du weißt nicht, dich mit deinen Feinden zu begraben und sie im Todeskampf noch, zu zerfleischen! . Du-bist zum Knecht geboren!,"- , - - ' Die Geschichte des Sozialisten Ferdinand. Laffalle läßt-.sich als. die Geschichte des Juden ansehen, der die Mißachtung seines-Judentums rächt, der nicht, wie Marx Sozialist aus tiefen ökonomischen Einsichten heraus wird, sondern aus seinen biologisch-jüdischen-Erlebnissen. . Aber von der Geschichte des Sozialisten Ferdinand Lassalle ist ja nicht-die Geschichte.desjenigen zu trennen^ der den. Prozeß der .Gräfin-Hatzfeld geführt hat und-der die hochgehorene Helene von Doenniges.hat.heiraten wollen. Denn all dieses, sein Sozialismus, seine Prozesse, seine Verlöbnisse sind nichts anderes als Versuche und, wir dürfen es schon sagen, als tragische' Versuche, die Mißachtung . des Judentums, auszuheben..

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