Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-08-01 · 15 (1.8.1931) · p. Seite 240

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
15 (1.8.1931)
Article
Ricarda Huch, Alte und neue Götter - 1848 [Rezension]
Date
1931-08-01
Page
Seite 240 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2727810-2727925-2727940-2740820--07955-2740872
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

240 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 Rotschild, oder als Rächer, wie Marx und Lassalle. Napoleon hatte in den deutschen Ländern, die er beherrschte, die Befreiung der Juden durchgeführt; es ist selbstverständlich, daß sie Frankreich als aufgeklärtes Land priesen, Deutschland rückständig und unfrei fanden." Von der Fülle plastischer Szenen und Gestalten, feiner und überlegener Gedanken dieses durch und durch vornehmen, unabhängigen und ganz ursprünglichen Buches konnte hier kaum eine Andeutung gegeben werden. Die berühmte Kcnnerin der deutschen Romantik verfällt zum Schluß selbst romantisch-melancholischen Stimmungen: „Versenkt man sich in die Bettachtung des neunzehnten Jahrhunderts, so kann man sich der Trauer nicht erwehren, wenn man sieht, wie die alte deutsche Kultur, während einige auf ihre Auferstehung hofften, zwischen den zwei Ungeheuern Geld und Masse lautlos unterging. Wie eine Insel, die das Meer verschlingt, sieht man noch ein paar Gipfel ragen, um die Adler ihre Kreise ziehen, und langsam verschwinden." F. .Hermann Heller, Sozialismus und Nation. Berlin (Rowohlt-Verlag) 1931. Der Verfasser ist Professor des Staatsrechts an der Berliner Universität und durch seine staatsrechtliche Arbeit „Europa und der Faszismus" . auch weiteren Kreisen bekannt geworden. Heller zeigt sich in seinem neuen ausgezeichneten, in jedem Satz lebendig und anregend geschriebenen Buch als der Erbe Lassalles, der mit so großem Feuer die Bedeutung des nationalen Gedankens für den Sozialismus betont hat. Die Marx- Engel'sche Staatsauffassung, der Staat sei nichts als eine „bürgerliche Ideologie" wird mit Entschiedenheit von Heller bekämpft; er fordert die Sozialisten auf, den Staat zu erobern, statt ihn zu leugnen. Der nattonalsozialistrschen Bewegung ist eine ausführliche Widerlegung gewidmet; die Auffassung der Klassenteilung als Rassenschichtung führt zur Barbarei; Heller zitiert im Hinblick auf diese Rassentheorie Grillparzer: „Der Weg der neuen Bildung geht von der Humanität durch die Nattonalität zur Bestialität." Das eindringliche, leidenschaftslose und patriottsche Buch kann aufs wärmste empfohlen werden. F. Eugen Schmidt, Rechtsanwalt in München, Das Verbrechen als Ausdrucksform sozialer Entmutigung. München, Verlag Schweitzer 1931. Der ' Verfasser unternimmt hier, wie der Untertitel besagt, eine einführende Bcttachtung über das Werden und die Behandlung der kriminellen Persönlichkeit auf Grund der Erkenntnisse der modernen Psychologie. Zunächst wird in breiter Schilderung eine Darstellung der Lehren der Wiener Psychoanalytiker Freud und Adler gegeben, die — soweit die Darstellung der Freudschen Lehre in Bettacht kommt — mit einer Reihe von Beispielen aus den bekannten Schriften „Traumdeutung" und „Psychologie des Alltags" verdeutlicht werden. Die Lehre des schweizerischen Psychologen Jung, die unter dem Gesichtspunkt des Verfassers besonders aufschlußreich gewesen wäre, wird nur durch Titelnennung erwähnt. Das Verbrechen, so führt der Verfasser aus, läßt sich nicht psychologisch erklären, erklären läßt sich nur der Verbrecher. Das Verbrechen ist die „typische Haltung eines Menschen, der den Glauben daran verloren hat, sich innerhalb der Gesellschaft in den durch die Gesellschaftsordnung zugelassenen Mitteln durchzusetzen", also ein Produkt der Entmutigung, ein Verhalten, wie es neuerdings gerne mit dem sehr aufschlußreichen Ausdruck „Flucht nach vorne" literarisch gekennzeichnet wird. Diese These des Verfassers geht zurück auf Gedankengänge, wie sie wissenschaftlich bereits Ferri, der große italienische Sttaftechtler, Ende des vorigen Jahrhunderts ausgesprochen und die soziologische Sttafrechtsschule weiter entwickelt hat und wie sie das dichterische Schaffen schon längst intuitiv erfaßt und gestaltet hat. So schreibt schon Stendhal: „Ces gens, qui peut-etre sont cruels, parceque, comme Neron, ils tremblent toujours ..Man denke ferner an das klassische Beispiel, Dostojewskis Raskolnikow, der bereits 1866 erschienen ist. An vielen Beispielen wird die Richtigkeit des Satzes ausgezeigt. Der Fall des Hauptmanns von Köpenik, des bayerischen Räubers Kneisl, der Fall eines Schreiners M., Franz Biberkopf aus Döblins Roman: „Alexanderplatz", der typische Verbrecher aus sozialer Entmutigung, werden vorgestellt. Wenn dagegen ganz allgemein die Feststellung gettoffen wird, daß schlechthin alle Verbrechen, z. B. alle Sexualverbrechen,, aus Entmutigung, z. B. Angst vor dem normalen Geschlechtspartner entspringen, so werden die Dinge doch wohl allzu sehr vereinfacht. Ein näheres Eingehen auf die komplizierten psychologischen und psychopathologischen Voraussetzungen dieser Verbrechensarten lag jedoch wohl außerhalb des Rahmens dieser Arbeit. Ist einmal die Natur des Verbrechers als die eines hoffnungslos Entmutigten erkannt, so kann die Gesamtheit sich nicht mehr daraus beschränken, zu verdammen und zu bestrafen. Sie muß helfen, ermutigen auch dann, wenn eine innere Besserung im Sinne der beliebten Wendungen der Gefängnisgeistlichkeit nicht erhofft werden kann. Nur so kann sie sich von der Schuld lösen, die sie an jedem Verbrechen, das begangen wird, mit trifft. In Konsequenz dieser Auffassung, der unbedingt beizutteten ist, fordert der Verfasser eine Änderung des Strafvollzugs. Er fordert mit Recht die Eliminierung des moralphilosophischen Begriffs der Vergeltung und des Gedankens der Abschreckung aus dem Sttafvollzug zu Gunsten einer verständnisvollen Behandlung des Verbrechers, die zum Ziele haben muß, die furchtbare Entmutigung des Bestraftseins aufzuheben, oder doch mindestens den Verurteilten zu einer sozial werwollen Existenz auch seelisch zu kräftigen. Das kommcnvc Sttafgesetzbuch, das gegenwärtig die Gesetzgebung beschäftigt, verwirklicht bereits im wesentlichen diese Forderung. Der Hauptwert der vorliegenden Arbeit, die besonders auch jedem Laien, der sich für die Frage der Gerechtigkeit interessiert, sehr empfohlen werden kann, liegt wohl darin, daß sie dem Leser die Erkenntnis nahebringt, daß Jeder in hohem Grade für jedes Verbrechen verantwortlich ist, das geschieht, und daß die Anwendung von Sttafgesetzbestimmungen „ohne Ansehen der Person" mit Notwendigkeit zu schwerer Ungerechtigkeit unv zu dauernder Schädigung des Kriminellen und folglich der Gemeinschaft selbst führen muß. Dr. Elisabeth Kohn, München Lazarsfeld Sophie, Sexuelle Erziehung. Richtige Lebensführung, herausgegeben von Sophie Lazarsfeld^ Wien, Leipzig 1931, Moritz Perles. 24 Seiten. 50 Rpf. Ein schlicht und klar geschriebenes Büchlein, das mit Aufmerksamkeit vom Laien gelesen, ihm einen geeigneten Rahmen geben kann. Die sexuelle Erziehung kann nur im Zusammenhang der Gesamterziehung stattfinden und muß wie diese kontinuierlich erfolgen. Ein einmaliges Ereignis der „sexuellen Aufklärung" darf es nicht geben. Zwei Voraussetzungen sind zu machen: Der Erzieher muß über das Problem unbefangen reden können und er muß die kindlichen Cntwicklungsstadien kennen. Diese Cntwicklungsstadien und die Art, wie demgemäß die Antworten zu erfolgen haben, werden vorgeführt, im großen und ganzen richtig. Hier muß allerdings darauf hingewiesen werden, daß die individuellen und insbesondere auch die abnormen Variationen häufig sind und große Schwierigkeiten machen. Ein Hinweis darauf wäre zweckmäßig gewesen, wenn auch zuzugeben ist, daß Lazarsfeld in ihrer Darstellung nur den Nahmen liefern will. Wichtig ist der Hinweis, der nicht oft genug gegeben werden kann, daß die Sexualerziehung nicht nur eine negativen, sondern auch einen positiven Teil hat, daß man beispielsweise das 8—12jährige Kind, wenn cs selbst nicht frägt, auf dieses Gebiet führen muß, daß man später die Abschreckung nicht in den Mittelpunkt stellen darf u. dgl. Wie schon eingangs gesagt, bei aller Kürze eine empfehlenswerte Schrift. Cliasberg (München). Seschättsnachrichlen Die Firma Zentralheizungs-Gesellschaft Nagel & Paul, Augsburg, auf deren heutiges Inserat wir aufmerksam machen, befaßt sich mit der Projektierung und Ausführung von modernen Heizungs-, Lüftungs- und Trocknungsanlagen aller Systeme und jeden Umfanges. Technisches Spezialpersonal mit langjähriger Fachpraxis, sowie bestgeschultc Monteure stehen dieser Firma zur Seite. Ingenicurbesuche zur Entgegennahme vorliegender Wünsche werden bereitwilligst und unverbindlich ausgcführt. Schreiben Sie bitte noch heute an diese Firma. BAD TÖLZ KURPENSION HELLMANN mit allem Komfort Volle Pension in bekannter Güte RM. S — / RM. 10.—

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.