Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 15 (1.8.1931)
- Article
- Aus der Frühzeit der modernen Großbanken
- Date
- 1931-08-01
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 anderen als rein wirtschaftlichen Motiven wurde bald überall aufgegeben. Kein Geringerer als Adolf Wagner sagte 1857 in seiner diese Literatur einleitenden ,,Lehre von den Banken": „In hohem Grade lächerlich ist es, wenn sie an der Spitze ihrer Statuten alle möglichen erhabenen Zwecke wie Förderung der Gewerbe, des Handels, der Landwirtschaft als die ihren ausposaunen." Adolf Wagner wurde später zusammen mit dem Hofprediger Stöcker der Führer der antisemitischen christlich-sozialen Partei. Den ersten Schritt zur Verpflanzung der im Credit mobilier verkörperten, zunächst planwirtschaftlich gedachten Ideen über die Grenzen Frankreichs hinaus tat wie gesagt der Kölner Abraham Oppenheim (die Oppenheims in Köln waren die Hoffaktoren der letzten Kölner Kurfürsten gewesen) im Verein mit Gustav von Mevissen durch die Gründung der „Bank für Handel und Industrie" in Darmstadt oder wie sie kurz genannt wurde, der Darmstädter Bank" am 2. April 1853. Noch ganz im ftühsozialistischen Geist Saint-SimonS entwickelte Mevissen der ersten Generalversammlung sein Programm: „Die Bank für Handel und Industrie ist berufen, durch eigene Beteiligung und Anlage fremder Fonds solide und große Unternehmungen zu fördern, und nach Kräften durch die auf einem hohen Standpunkte sich bietende Einsicht in die Gesamtlage der deutschen Industrie dazu mitzuwirken, daß Unternehmungsgeist und Kapital in die richtigen, den Bedürfnissen des Augenblicks entsprechenden Bahnen gelenkt werden. Sie hat das Recht und die Aufgabe, das Kapital, welches bei dem einen Industriellen zeitweilig disponibel ist, dem anderen, welcher desselben im gleichen Augenblick bedarf, zuzuführen und durch diesen steten Austausch die industrielle Tätigkeit zu beleben und zu steigern." Abraham Oppenheims Hauptanteil an der Gründung der Darmftädter Bank ist in der allerletzten Zeit durch Walther Däbritz' verzügliche Geschichte der DiSconto-Gesellschaft (München 1931) ausführlich geschildert worden: „Mit der durchdringenden Schärfe seines Verstandes erkannte auch er die Zeichen der Zeit, durchschaute er die ökonomischen Chancen des rheinischen WirtchaftSlebenS, des EisenbahnbaueS vor allem und der neu entstehenden Großindustrien". Danach ist die wiederholte Behauptung von Schulze-Gaewernitz (Die deutsche Kreditbank, 1. Aufl., 1915, S. 32; 2. Aufl., 1922) zu berichtigen: „Es ist festzuftellen: Die typischen Vertreter dieser ersten Bankengründung entstammen der „christlichen" Intelligenz, zum Teil mit pietiftischpreußischem Einschlag. Hansemann — Sohn eines Geistlichen —, M i l d e (Handelsminister 1848 und geistiger Vater des schlesischen Bankvereins) — Enkel eines friderizianischen Unteroffiziers. Mevissen, der leitende Kopf des Westens, war Kantianer und von Hegel berührt." Die erste deutsche Großbank, die Disconto-Gesells ch af t, verdankt unbestritten ihren Charakter den Nachkommen von Pastoren und Rabbinern: den Hansemanns und SalomonsohnS. Die anziehende Gestalt Hanfemanns, des Sohnes des Pfarrers von Finkenwerder bei Hamburg, hat uns zuletzt Däbritz liebevoll geschildert. Advokat Salomonson, der 1873 entscheidenden Einfluß aus das Institut gewinnt, ist der Nachkomme alter Rabbinergeschlechter. Darüber die Angaben Zielenzigers: Als sechstes von den neun Kindern des Gedalja Salomonsohn (1799 — 1837) wird Adolph Salomonsohn 1831 in Inowrazlaw in der Provinz Posen geboren. Seine Mutter Ernestine ist die älteste Tochter des Leiser Moses Levy. Dessen Sohn aber Michael Levy, dem. die Stadt Inowrazlaw die Erschließung der dortigen Steinsalzlager, den Bau der Eisenbahn Thorn — Inowraylaw — Posen und die Schiffbarmachung der Netze verdankt. Führen die Levys ihren Stammbaum auf Salomon Luria und damit bis auf Rjaschi zurück, so läßt sich die direkte Abstammung der SalomonsohnS nur bis 1727 verfolgen. Vater und Großvater waren Rabbiner in Kopenhagen. Der sonstige und spätere Anteil der Juden an der deutschen Bankwirtschaft und deren Entwicklung bis tief in das 20. Jahrhundert soll hier nicht weiter behandelt werden, so reizvoll es wäre, etwa Gestalten wie Riester und Dernburg, ihre Herkunft und ihre Wandlung im Geistesgeschichtlichen Zusammenhang mit der jüdischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, darzuftellen. Die Konfrontierung des jüdischen Schicksals im 18., 19. und 20. Jahrhunderts wird auch diesen Anteil von der Epoche der jüdischen Hoffaktoren an bis zu der Entstehung und Entfaltung der deutschen Großbanken näher berücksichtigen müssen. An dem inneren Geftaltwandel des deutschen Juden wird man dabei nicht vorüber können. Für diese Skizze waren dem Verfaster außer den schon zitierten Arbeiten von Schulze-Gävernitz, Däbritz, Aielenziger und den bekannten wissenschaftlichen Darstellungen des Bankwesens und der Bankgeschichte das eben neu edierte französische Werk dienlich: Histoire 6u Saint-Simonisme (1825—1864) par Sebastien Charlety. Paris (Paul Hartmann) 1931 und die Arbeit von vr. iur. Fritz Georg Steiner (Paris): „Saint- Simonistische Ursprünge des modernen Bankwesens" (Bank- Archiv, Zv.Jg. 1931, Nr. 15 vom. I. Mai 19ZI). Ludwig Feuchtwanger vildung und Sport Zwei aktuelle Beitrage zu 1. Geistige Versumpfung durch einseitigen Sport Ein Wort Albert Schweitzers „Die heutige Kulturwelt hat niemanden aufzuweisen, der in der ursprünglichen Vielseiügkeit und Kraft seiner intellektuellen, künstlerischen und ganz besonders ethischen Energien an Albert Schweitzer heranreicht." Man kann diesen Satz, den Oskar Kraus in seiner Biographie Schweitzers uneingeschränkt aufgestellt hat, nach Durchmusterung seines Lebenslaufes, seines praktischen und gelehrten Werkes, absolut bejahen. Die Gestalt Albert Schweitzers ist auch der jüdischen Öffentlichkeit wohlvertraut. „Zwischen Wasser und Urwald" (Erlebnisse und Beobachtungen eines Arztes im Urwalde Aquatorialafrikas), die wundervolle Selbstdarstellnng (bei Felix Meiner in Leipzig), die Erinnerungen „Aus meiner Kindheit und Jugendzeit" gehören zu den einer brennenden Tagesfrage ganz seltenen, in ihrer Schlichtheit unübertroffenen Zeugnissen einer durch und durch gesunden, geraden und geistig hochstehenden, also höchst unmodernen Welt. Auch wer die gelehrten Werke Schweitzers, seine grundlegenden Bücher über Johann Sebastian Bach, über französische und deutsche Orgelbaukunst, dann die mächtigen theologischen Arbeiten („Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" und neuestens „Die Mystik des Apostels Paulus") nicht studieren kann, sollte die sich an einen unbegrenzten Kreis williger und ausgeschlossener Menschen wendenden Lebensbüchcr Schweitzers in die Hand nehmen. Die ruhige, feste Art dieses großen Arztes, Missionars, Religionsforschers und Musikers könnte besonders uns deutschen Juden sehr viel geben. Ein durch und durch geistiger und gleichzeitig unermüdlich tätiger, ungebrochener, positiver Mensch offenbart sich hier in der Vielgestaltigkeit seiner Neigungen als freudiger, nie untiefer Optimist, als Diener am Mit-