Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 15 (1.8.1931)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1931-08-01
- Page
- Seite 229 (sequence 1)
- Language
- German
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Bayerische Kachrichtenblatt öer Israelitischen Kultusgemeinöenin München/Augsburg/Hamberg Israelitische Gememöezeitung Erscheint am r. unö if. jeden Monats. — Herlag: H. Heller, München, plinganserstraste <54/ Fernruf 75 <5<54 unö 75 <5<55, Postscheck München 5? 87/ Schristleitung: X>t, Luöwig Feuchtwanger, München, Grillparzerstraste )8 Bezugspreis für nicht eingewiefene Sezieher: Reichsmark 4,So für öas Fahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Feile 40 Reichspfennig Familienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 1? Reichspfeanlg VI!. Jahrgang München, r. August 19p Kr. 55 Inhalt: Aus der Frühzeit der modernen Großbanken-— Bildung und Sport — „Geist und Tat" — Der Eingang des Christentums in das deutsche Wesen — „Griff in den Orient" — Bericht über die Verhandlungen des bayerisch-pfälzischen Fleischertages trj Neustadt an der Haardt vom 7. Juni 1931 zum Punkte Schächtfrage — Siegfried Ziegler — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Bamberg — Aus bayerischeu Gemeinden — Aus dem Reiche — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekanntmachung über die Auszahlung von Dienstbezügen — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über die Auszahlung von Dienstbezügen — Personalia aus der Srühzeil der modernen Srotzdanken Ein Beitrag über den Anteil der Juden am modernen Kapitalismus Vor hundert Jahren, im Jahre 1832, erschienen ist der „Augsburger Allgemeinen Zeitung" Berichte über die Zustände in Frankreich von Heinrich Heine, der damals seit einem Jahre in Paris lebte. Durch die Artikel von Heine lernte ein junger Rheinländer, Gustav Mevissen, der Sohn eines angesehenen Zwirnfabrikanten in der Nähe von Krefeld, die Ideen des Grafen Saint-Simon kennen. Nachdem die Bindungen des Mittelalters aufgelöst wären, lehrte Saint-Simon, und das Volk in lauter Einzelwesen zersplittert sei, der Egoismus aber bewußt als Mittel des Fortschritts angesehen und gepriesen würde, bedürfe es einer neuen Stelle schaffender Liebe, die die getrennten und streitenden Atome wieder zueinander brächten. Der eben erwachende Induftriealismus, das neue Maschinenwesen, der um sich greifende Kapitalismus sollte zwar nicht gehemmt, aber dem Geiste der gegenseitigen Hilfe und Brüderlichkeit dienstbar gemacht werden. Saint-Simon entwickelte zur praktischen Durchführung dieser Ideen einen neuen eigentümlichen Plan zur Gründung von Banken und Aktiengesellschaften. Diese sollten den künftigen industriellen Neubau aufführen und ein weltbeglückendes System gleichmäßiger Verteilung von Kapital und Arbeit ausbreiten. Über das ganze Land sollten Banken verteilt werden, denen unter Leitung eines Zentralinstitutes, einem theoretisch geschulten College spirituel die gemeinnützige Aufgabe zufiele, das ökonomische Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsumtion, Kapital und Arbeit herzuftellen und zu erhalten. Die Theoretiker des Zentralinftituts sollten eine Art Areopag prophetischer Weisen wie im platonischen Staat sein. Ces economistes etaient les veritables theoriciens et en meme temps les prophetes de Tindustrie demontranis ou pressentants son avenir. Nach den Ideen des französischen Grafen gründete Abraham Oppenheim und Mevissen 1853-die Darmftädter Bank, nach dem Vorbild der Statuten des in Paris von den sephardischen Juden Emile und Isaak Pereire ein Jahr zuvor geschaffenen Credit mobilier. Das Kernstück der Statuten des Credit mobilier bildet die Ausgabe von Obligationen, für die damaligen Begriffe der phantastische, ans Schwindelhafte grenzende Plan der Geldschöpfung. Dieses Obligationenprojekt hatte der deutsche Nationalökonom Schaefle im Auge, wenn er 1856 von dem „zweiten chimärischen Teil des Pariser Credit mobilier" spricht, von den „gigantischen, echt französischen Zentralisationsplänen, welche der Gedankenfabrik des Saint-SimonismuS entsprungen und vom sozialistischen ,Producteur' ausgeschmiedet in den eleganten Jahresberichten Herrn Pereires fortspucken". „Als dieses Privilegium (der ObligationenauSgabe) bekannt wurde", heißt es in einem anonymen deutschen Aussatz von 1856, „brach ein Schrei des Entsetzens und der Schadenfreude in ganz Europa aus. Nirgends war der Lärm größer als in England. LawS Schatten stieg wie Banquos Geist aus der Erde.... In der Kreierung von Obligationen sah man die Rückkehr der Assignatenherrschaft." Mit Hilfe dieser neuen Gebilde „Kreditbanken" wurden die neu aufkommenden Eisenbahnen und Industrien geschaffen, entfaltete sich der Frühkapitalismus zum Hochkapitalismus. Von dem Credit mobilier sagt der beste Kener der europäischen Bankgeschichte: „Eine kühne Konzeption, wie sie nur den Hirnen reformatorischer Geister entspringen kann, eine Verknüpfung der Einzelprojekte mit zentralgerichteten Leitrdeen,, wie wir sie aus der Gedankenfabrik der Saint-Simonisten kennen, aber gleichzeitig eine Routine im Emmissiöns- und Börsengeschäft, die den Pereire aus ihrer Tätigkeit in den Rothschildschen Kontoren hergekommen war. Durch mehr als ein Jahrzehnt war der Credit mobilier die Sensation Europas." 1867 stürzten die Pereire über ihren großen Plänen. Ihre Erfindung, große Kapitalien durch Aktienausgabe zu bilden und der Wirtschaft planmäßig zuzuführen, machte Schule und streifte bald ihren sozialistischen, gemeinnützigen, planwirtschaftlichen Ursprungscharakter ab. Überall in Europa entstanden nun, Kinder des Pereire'schen Geistes, Kreditbanken. Die Verknüpfung mit