Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1931
- Issue
- 8 (15.7.1931)
- Article
- Erziehungsgrundsätze und Jugenderziehung in Bibel und Talmud
- Date
- 1931-07-15
- Page
- Seite 21 (sequence 1)
- Language
- German
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21 Nr. 8 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern Lrziehungsgrundsätze und Jugenderziehung in Bibel und Talmud von Hauptlchrcr Sonn, Buttcnwiescn Fortsetzung Wie von den Eltern, so fordert der Talmud auch vom Lehrer ein nachahmungswcrtes Beispiel. nip Seine Persönlichkeit gleiche der Bundeslade, die außen und innen vergoldet war. (Ioma 72.) □nnx o*t?p D'TiXi -psy „Schmückedich selbst; dann kannst du auch andere schmücken!" Unsere Talmudweisen fordern also vom Lehr rer, daß er in mustergültiger Weise, in Gesinnung und Tat den Lebensweg vorzeige, der religionssittlich vollkommen ist. Wer dazu berufen ist, als geistiger Führer anderen den Lebcnspfad zu zeigen, muß darauf bedacht sein, in seiner gesamten Lebensführung als würdiges Vorbild zu erscheinen. Wenn Lehrer und Gelehrte, die mehr als andere Menschen der Beobachtung und kritischen Beurteilung ausgesctzt sind, Fehler begehen, so sind die schädlichen Folgen oft unberechenbar, weil ihre Schwächen zur Rcchtfcrttgung der eigenen Fehler ausgebeutet werden. „Darum", sagen unsere Weisen, „geht Gott mit gelehrten, formmen Menschen strenger ins Gericht." Selbst wenn sie “"lyo*“ tSlill eine Haaresbreite v o in Weg der Pflicht und Tugend ab weichen, werdensie zur Verantvortung gezoge n." Die Gelehrten der talmudischen Zeit waren sich bewußt, daß das gewöhnliche Volk nach ihrem Vorbild sein Tun und Lassen formt und richtet. Sic waren deshalb bestrebt, in ihrer gesamten Lebensführung ein Beispiel religiös-sittlicher Vollkommenheit zu bieten und selbst den Schein einer unwürdigen Handlung zu vermeiden; sie erachteten dies als Verletzung der göttlichen Ehre. Auch Umgebung und geselliger Verkehr vermögen großen Einfluß auf das Kind auszuübcn; kann diese Einwirkung ja selbst bei geistig selbständigen Menschen beobachtet werden. Die geistige Atmosphäre, die den Menschen umgibt, der Kreis, in dem er sich bewcgr, all dies hat oft bestimmenden Einfluß auf Gedanken und Grundsätze des Einzelnen. Darum sagt der Talmud: „W er in einen Gewürzladen geht, nimmt einen angenehnren Geruch mit, selbst wenn er nichts kauft." Oder: „Wer mit Weisen verkehrt, wird selb st weis c." Dein Haus sei ein Sammelplatz der Weisen! Bedecke dich mit dem Staub ihrer Füße und trinke durstig ihre Worte!" Um ein gutes Vorbild zu besitzen, empfehlen unsere Weisen die Tochter eines frourmen Gelehrten zu heiraten und hierfür jedes materielle Opfer zu bringen. Immer wieder ist es die Macht des guten Beispiels, die der Talmud hiermit betonen will. Im Gegensatz hierzu warnen die Weisen vor dem bösen Vorbilde. Böse Beispiele verderben gute Sitten. 'ix vvnh ’.x Wehe d cnr Frevler, wehe seinem Nachbarn! xoo xullv in*.non h? Wer mit Unreine in in Verbindung tritt, wird selbst unrein! Wie beim Besuch einer Gerberei auch ohne Berührung der Felle ein übler Geruch haften bleibt, so ist das Beispiel des Frevlers auch nicht ohne Einfluß auf besten Nachbarn, selbst, wenn sie an seinem Tun nicht teilnehmen. Die Bibel berichtet, daß König Josaphat bestraft wurde, weil er sich mit dem gottlosen Achab und Achasjah verbunden hatte. Darum lehren unsere Weisen: „Halte dich fern vom bösen Nachbarn und geselle dich nicht zum Bösewicht!" Daraus ergibt sich für die Erziehung die Pflicht, Umgang und Verkehr der Jugend strenge zu überwachen, besonders solange sie den drohenden Gefahren nicht wirksam wiederstehen kann. Erzmutter Sarah wünschte vom Vater Abraham, daß er die Magd Hagar mit ihrem Sohne Ismael eMlasse, auf daß sein böses Beispiel nicht verderblich auf Isak einwirke. — Die Scheidewand, welche die Thora oft durch tief einschneidende Bestimmungen zwischen Israel und anderen Völkern errichtete, geht von dem Gedanken aus, daß das böse Beispiel der heidnischen Völker von verderblichem Einfluß auf das auserwählte Volk sein könnte. Nachdrücklich warnt daher die Schrift: „Wenn ihr die heidnischen Völker nicht meidet, so werden sie euch zu Dornen in den Augen und zu Stacheln in den Seiten sein!" Wo aber keine Gefahr der Verführung besteht, da bekundet die Thora in schönster Weise wabre Humanität und Toleranz gegen Andersgläubige. Auf sie bezieht sich der talmudische Ausspruch: „Die Frommen aller Völker, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses haben Anteil am zukünftigen, ewigen Leben." Gegen sie haben wir alle Pflichten der Menschenliebe zu erfüllen. Die wichtigsten Erziehungsmittel, welche alle anderen unterstützend dienen, sind Lohn und Strafe. Die Belohnung ist ein Zeichen der Anerkennung für gute Leistungen. Sie soll zum Guten aneifern, Freude, Lust und Liebe zu weiterer Tätigkeit Hervorrufen. Allerdings soll nach jüdischer, nach talmudischer Moral das Gute stets in reiner, selbstloser Absicht, frei von jedem Eigennutz, nur unr des Guten willen geschehen. Die sittliche Forderung, alle unsere Handlungen Cti/b 3U üben, durchzieht bas ganze talmudische Schriftwesen. „S eid nicht wie Diener, die dem Herrn dienen in der Absicht Lohn zu empfangen, sondern seid wie Diener, die dem Herrn dienen nicht in der Absicht, Lohn zu erhalten, und es sei die Ehrfurcht vor Gott über eu ch." Wohl ist es ein anzustrcbendcs Ideal, das Gute um des Guten willen zu tun; allein cs ist in der Schwäche und Unvollkommenheit des Menschen psychologisch begründet, durch äußere Mittel zur Pflichterfüllung anzgrcgen. Und so sind Lohn und Strafe von großer Bedeutung auch bei der Jugenderziehung. Fortsetzung folgt Vereinsmilleilungen 1. Zur Mitgliederversammlung sind folgende Anträge eingelaufen: A) Bezirkskonferenz Burgpreppach: Der Jüdische Lehrerverein für Bayern wolle zur Vermeidung von Mißbräuchen beim Verbände Bayerischer Israelitischer Gemeinden beantragen, daß die Zuschüsse zu den Besoldungen ehrenamtlicher Vorbctcr in lchrerloscn Gemeinden nach den gleichen Grundsätzen wie die Gchaltszuschüsse an leistungsschwache Gemeinden gewährt werden. Es soll also zunächst die Leistungsfähigkeit der Gemeinde geprüft werden und der Zuschuß des Verbandes in der Regel nicht über 50 Prozent hinausgehen. 6) Bezirkskonferenz München: a) Cs wird beantragt, daß die Vereinsleitung alljährlich ein Thema zur Behandlung in den Bezirkskonferenzen in Vorschlag bringt. Die Durcharbeitung des Themas in den einzelnen Konferenzen soll als Vorarbeit für die Mitgliederversammlung dienen, deren Hauptreferat aus dem gleichen Stoffgebiet zu wählen ist. b) Cs wird angeregt, durch Redneraustausch die Arbeiten der Bezirkskonfercnzen zu heben. 2. Am 14. Juni fand in Würzburg die feierliche Einweihung des Neubaues der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt statt. Nachdem die Gemeindezeitung einen eingehenden Bericht über die Feier brachte, sehen wir von einer Berichterstattung ab. Cs wird lediglich bemerkt, daß die Vorstandschast des Vereines an der Cinweihungsfeier teilnahm und ihre Wünsche durch den I. Vorsitzenden des Vereins zum Ausdruck bringen ließ. Für den Reichsverband der jüdischen Lehrervereine sprach Kollege Dr. Bamberger, Nürnberg. 3. Bei Stellenbesetzungen der letzten Zeit haben sich immer eine besonders große Zahl von Schülern der Frankfurter Ieschiwah gemeldet. Wir halten es für unsere Pflicht vor aller Öffentlichkeit darauf hinzuweisen, daß derartige Kandidaten nicht als Lehrer anzusprechen sind. Die Ieschiwah mag auch in Deutschland ihre besondere Aufgabe haben, keinesfalls aber ist sie eine Lehrerbildungsanstalt. Wir bitten die Kollegen diesen Dingen ihr Augenmerk zuzuwenden, aufklärend zu wirken und uns im Cinzelfalle rechtzeitig Nachricht zugehen zu lasicn, damit wir das Erforderliche veranlasien können. 4. Wir verweisen die Kollegen auf das Erholungsheim Wolfrathshausen bei München. Hier können Erholungsbedürftige zu mäßigen. Preisen und bei guter Verpflegung angenehmen Ferienaufenthalt finden. Zu näherer Auskunft sind wir gerne bereit. 5. Wir machen nochmals auf die Versammlung des Bayerischen Lehrervereins vom 28. bis 30. Juli aufmerksam und bitten die Kollegen, die daran teilnehmen, um Mitteilung. 6. Auch an dieser Stelle wiederholen wir die Einladung zu unserer Mitgliederversammlung am 30. und 31. August und fordern die Kollegen zu zahlreicher Beteiligung auf. München, den 10. Juli 1931. M. Rosenfeld M. Adler Für den Inhalt der „Mitteilungen" verantwortlich: Max Adler, München