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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-07-15 · 14 (15.7.1931) · p. Seite 218

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
14 (15.7.1931)
Article
Shylock
Date
1931-07-15
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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218 Bayerische Israelitische Gemeindezeitüng Nr. 14 „Shylock" oder Sturys als „Kaufmann", Hermine Blandö oder Berndls Porzia erinnert, erfaßt unmittelbar den Unterschied vom alten Stil 1890 — 1910. Der - unS freilich nicht unbefangen antreffende — Realismus Wernickes (als Shylock) zerstört in keinem Augenblick die Märchen- und Zauberwelt Shakespeares. Shylock ist der Paria in der Graden- und Musikwelt des Dichters. Dieser Paria bleibt genau so märchenhaft wie seine Umwelt. Er fptcft eine Rolle wie Caliban im „Sturm" — die mnsiklose, gnadenlose, verstockte Märchenfigur, mit irgend etwas aus Lehre oder Leben des Judentums in keinem Atom verwandt, dse Verkörperung der uralren Mythe vom verstockten, blinden, ansgestoßenen Inden. Diese Figur ist nicht anders zu beurteilen wie die Elfen und Edlen und ihre Widerspiele im „SommerirachtStranm". Die märchenhafte Brautwahl, der beinahe tragische Prozeß, das Pfund Fleisch und die mondhelle Hochzeitsnacht des letzten Aktes stehen im „Kaufmann von Venedig", in der „-Ökonomie" dieses Lustspiels, auf der gleichen Stufe der rein poetischen märchenhaften Anschauung. Das kam im Residenztheater, in seinem entzückenden Rahmen, ausgezeichnet zur Geltung. . Es trifft zu, was Gundolf nachdrücklich auseinandersetzt: „Es genügt zu wiffen, daß der humanistischen Renaiffance wie dem christlichen Mittelalter der Jude als ein gottesgeschlagener Fremdling galt, bald lächerlich, bald gehässig, bald unheimlich, bald brauchbar oder unentbehrlich, bald bemitleidenswert oder beftaunenSwert, je nach dem Abstand der Betrachter von seinen Eigenschaften und Bräuchen, oder nach ihrem Bildungsgrad oder Glaubenseifer. In dieser Stimmung von Fremdheit steht auch Shakespeares Shylock, wie vor ihm Marlowes Jude von Malta, mit dem er indes kaum mehr gemein hat als die Fremdheit und die Rachsucht des Parias. Diese einem Juden zuzuschreiben wie Marlowe oder im Juden zu verkörpern wie Shakespeare, lag beiden Dichtern nah, weil eben das Judentum zugleich die berühmteste und die vertrauteste Pariaschaft ihres Gesichtskreises war. Nur hat Marlowes Barabas kaum eigentümlich jüdische Züge, so wenig wie sein Tamerlan eigentümlich tatarische oder auch nur östliche: beide sind riesige Bühnenungeheuer, weder wirkliche Menschen noch geschichtlich und volklich bedingte Gestalten. Shakespeare dagegen konnte gar nicht anders als seine Menschen allseitig zu bedingen, und so hat auch sein Shylock — mag er als ein Iudenpopan; dem Widerwillen und dem Gelächter der Zuschauer zugedacht gewesen sein, wie Barabas dem Absckeu und dem Gruseln — eine Gewalt und Tiefe empfangen aus Shakespeares eigener Fülle, weit über jede bloße Absicht hinaus." Es bedarf gar nicht der psycholoaischen Ableitung der Gefühle Shylocks. Kein Anwalt hat (darin hat Gundolf recht) jemals nachempfindend Druck und Gegendruck des mit Recht oder Unrecht Verfemten gewaltiger gesagt als hier in der Rede Shylocks von Rache, Schmach und Geld: Signor Antonio, viel und oftermals Habt ihr auf dem Rialto mich geschmäht Um meine Gelder und um meine Zinsen: Stets trug ichs mit geduldigem Achselzucken, Denn Dulden ist das Erbteil unseres Stamms. Ihr heißt mich Hund, falschgläubig, Kehlabschneider Und speit auf meinen jüdischen Rocklor, Bloß weil ich nutze was mein eigen ist. Gut denn, nun zeigt es sich, daß ihr mich braucht. - Da habt ihrs; ihr kommt zu mir und ihr sprecht: „Shylock, wir wünschten Gelder." So sprecht ihr, Der mir den Auswurf auf den Bart geleert Und mich getreten, wie ihr von der Schwelle Den fremden Hund stoßt. Geld ist eur Begehren. Wie sollt ich zu euch sprechen? Sollt ich sprechen: „Hat ein Hund Geld? Ists möglich, daß ein Spitz Dreitausend Dukaten leihn kann?" oder soll ich Mich bücken und in eines Sklaven Ton, Demütig wispernd, mit verhaltnem Odem, So sprechen: „Schöner Herr, am letzten Mittwoch Spiet ihr mich an, ihr tratet mich den Tag, Ein andermal hießt ihr mich einen Hund .. Für diese Höflichkeiten will ich euch Die und die Gelder leihn. „In zwei Dutzend Zeilen entlädt sich hier von Grund auf das Verhängnis der Verfehmten: Die ganze uralte, nie vergessende und verzichtende Schwermut, die sich aus der Not einen Stolz macht.... der zäh-verkrampfte Glaube an Eigen und Recht... der gelassen tiefe und scharfe Hohn des Unheilbaren und darum auch Unverwundbaren... die heilige Entrüstung über die Unbill .. der eingefressene Haß der hellsichtigen Leidgewohnheit, die sich überlegen weiß dem kurzlebigen Leichtsinn... der bissig lauernde Witz aus Gram und Klugheit... der schmiegsame Trutz, der die Vorteile seiner Schmach 'bemißt, genießt und nutzt... gezügelte Ungeduld, die jede Blöße bewacht und sich weidet am Bedürfnis-... das schillernde Gemisch von tückischer Demut und herrischem Hochmut, von Fluchgefühl und Machtgewißheit, von Enge und Tiefe — all das im zudringlich scheuen, verhalten gierigen und tastend griffigen Gemauschel des Ghetto-Juden... Jedes Wort gewiß und gerecht und dennoch'häßlich und furchtbar. Shylocks Abwehr und Ausfall, unterirdisch glühend und widrig erhaben zugleich, wird neben dem Preis der Gnade und der Musik das dritte große „Leit-Motiv" dieses Dramas, und durchaus auf die beiden andren abgestimmt, die mächtige Dissonanz, die in ihnen aufgelöst oder aufgehoben wird: Die tiefe Leidenschaft des Unheilmannes mitten im grundlos strömenden Segen." | HAUS DER QUA LI IÄISSTOF FE 1 k l k IL MÜNCHEN KARLSPLATZ 5 ./Sh «Sfr i» rSi fS> ra>« N. STARK & Cil NÜRNBERG LUITPOLDSTRASSE 11 J

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