Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 14 (15.7.1931)
- Article
- England und Palästina
- Date
- 1931-07-15
- Page
- Seite 217 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 217 aus der völkerrechtlichen Stellung des Mandatslandes Palästina. Aus der Darstellung Nay Stannord Bakers^ kennen wir heute den leidenschaftlichen Kampf, der auf der Versailler Friedenskonferenz zwischen den Anhängern der „neuen Ordnung", repräsentiert vornehmlich durch Präsident Wilson, und denen der „alten Ordnung", der Clemenceau und Lloyd George, wegen des Schicksals des ursprünglich von Smuts aus einer Synthese von rationeller Verwaltungöorganisation und fortschrittlicher Kolonialpolitik konzipierten Mandatssystems, geführt wurde. Gerade bei der Lektüre des Bakerschen Buches wird man in hohem Maße an das schöne Wort Max Webers vom Gang der Weltgeschichte, der einem erschütternd an die Brust brandet, gemahnt. Der zwiespältige Charakter des Mandatssystems ist aus seiner Entstehungsgeschichte durchaus verständlich. Jedenfalls ist heute Artikel 22 der Völkerbundssätzung, die Magna Charta des Mandatssystems, der die Entwicklung der unter Völkerbundsmandat stehenden Völker als eine heilige Aufgabe der Zivilisation bezeichnet, ein Stützpunkt für die dritte Mächtegruppe in der Palästinapolitik, für dieAraber. Die gegenwärtige Situation der englischen Palästinapolitik wird jedenfalls durch die genannten drei Problemkreise charakterisiert, die sich vielfach überschneiden und dadurch eine außerordentliche Komplizierung des soziologischen Tatbestandes bewirken. Der Versuch einer eingehenden Klärung dieses Fragenkomplexes durch das Buch von Josef Cohn muß als ein Verdienst seines Verfasiers bezeichnet werden. Wenn noch eine letzte Frage aus der großen Zahl der von'Josef Cohn behandelten Probleme herausgegriffen werden soll, so. wären immerhin Bedenken am Platze hinsichtlich der von Cohn verherrlichten Politik von Weizmann. Daß diese Politik angesichts der Creignisie der letzten Jahre der Haltung des Colonial Office und insbesondere der britischen Palästina- Verwaltung einer grundlegenden Revision bedarf, ist heute Gemeingut eines großen Teiles der zionistischen Bewegung. Wer allerdings die Erreichung kultureller Ziele, gleichviel unter welchen staatspolitischen Voraussetzungen, als entscheidendes Kriterium des Palästinaaufbaus betrachtet, dem wird die Fortsetzung des bisherigen Kurses zionistischer Palästinapolitik, und die Ara Weizmann freilich erwünscht erscheinen. Wer aber einen integralen Zionismus nur in der numerischen Konzentration, in der national-politischen Befreiungstat des jüdischen Volkes durch den Aufbau Palästinas zu beiden Seiten des Jordans erblickt, wird in dieser Schicksalsstunde der zionistischen Bewegung eine kraftvolle Neuorientierung der Führung und der Bewegung als unerläßlich erachten. 4 R. St. Baker, Woodrow Wilson and the world Settlement. Deutsche Ausgabe Leipzig 1923, 3. Band. Nachbemerkung der Schriftleitung: Bei der außerordentlichen Ausführlichkeit, mit der nun seit Jahren das Probelm „England und Palästina" in allen erdenklichen Abschattierungen von der jüdischen Presse behandelt wird, fällt auf, wie wenig auf das zunehmende Interesse von katholisch-päpstlicher Seite für Palästina geachtet wird. Die ausführlichen Aufsätze, die der Jesuiten-Pater Kraus in der letzten Zeit im „Hochland" aus eigner Anschauung über Palästina und den Zionismus veröffentlicht hat, sind von den jüdischen Zeitungen ebenso vernachlässigt worden wie die symptomatische Arbeit von Dr. Valmar Cramer „D ieheut-igeLage Palästinas unddie christlichenJnteressen" (Köln, I. P. Bachem 1931). Diese wichtige Schrift bespricht K. von Mach in der Kölnischen Zeitung (vom 21. Juni 1931) folgendermaßen: „Der Deutsche Verein vom Heiligen Lande hat beschlossen, eine Reihe von „Palästinaheften" erscheinen zu lassen. Diese Hefte sollen Schilderungen der Zustände in Palästina geben und mit den Wünschen und Forderungen bekannt machen, die für das Gedeihen des christlichen Werks gehegt werden. Das vorliegende Heft ist das erste der Reihe; es ist auf einem Vortrag aufgebaut, den der Verfasser kürzlich in Köln gehalten hat, und durch einen kleinen Anhang ergänzt, der sich mit den jüngsten Ereignissen in Palästina befaßt. Dr. Cramer hat das Heilige Land im Jahre 1929 besucht, er hat sich in den jüdischen Kolonien umgesehen und seine theoretischen Kenntnisse durch praktische Studien in Jerusalem bereichert. Er bietet uns m seiner kleinen Schrift eine lesenswerte Arbeit, die kurz und ausreichend über Zionismus, englische Machtpolitik und arabischen Nationalismus aufklärt. Mit Vandervelde ist der Verfasser der Meinung, daß die Arbeit der Zionisten dem Lande manchen Vorteil gebracht habe. Eine Gefahr soll darin liegen, daß Palästina mit Transjordanien vereinigt werde und daß dadurch den mohammedanischen Arabern ein Übergewicht an Einfluß von England zuerkannt werden könne. Es sei Pflicht der Christenheit, namentlich der übernationalen katholischen Kirche, zu verlangen, daß Palästina neutralisiert werde und nicht mehr als Kriegsschauplatz und Gegenstand politischer Ränke diene. Dieser Wunsch mag begreiflich sein, wird aber jedenfalls nur ein frommer Wunsch bleiben. England braucht die Zionisten und braucht die Araber; es wird immer den Weg finden, der aus dem Wirrwarr widerstreitender Interessen zu einer Lösung führt, die dem britischen Imperium nützlich ist. Als Lord Balfour 1917 den bekannten Brief an Lord Rothschild schrieb, durch den der Zionismus praktisch geschaffen wurde, war die Kriegslage für unsere Gegner sehr kritisch. Lloyd George hat dies kürzlich öffentlich zugegeben und hinzugefügt, daß England durch die Schaffung einer jüdischen Heimstätte das Judentum der ganzen Welt auf seine Seite bringen wollte. Und ebenso bediente sich England der Araber während des Krieges; wir haben keine Anzeichen, daß England seine Vormacht in Palästina schmälern lassen werde." Shylock Friede. Gundolf zum Gedächtnis Zur Aufführung von Shakespeares „Kaufmann von Venedig" im Münchener Residenztheater In die Münchener Festspiele der Staatstheater in diesem Sommer ist auch ein Shakespeare-Zyklus ausgenommen. Daraus ging in diesen Tagen der „Kaufmann von Venedig" in vollständig neuem Gewand zum ersten Mal über die Szene des Residenztheaters. Das besonders Sehenswürdige dieser Aufführung ist die Märchenfarbe, die Einreihung des Lustspiels in die verwandten Spiele „Wie es euch gefällt" und „Was ihr wollt". Die drei Stücke bezeugen durch die gleiche Lebensftimmung, daß sich der Dichter aus den Lehr- und Durchbruchsjahren eine neue Welt souveräner Überlegenheit geschaffen hat; aus dieser formt er ohne Schwere und Problembeladenheit mit heiterer Sicherheit ein reines Märchenluftspiel. Es ist, als ob die ausgezeichnete Aufführung im Münchener Residenztheater in allen Strichen der Deutung Friedrich Gundolfs gefolgt wäre, die dieser in seinem neuen zweibändigen Shakespeare-Werk (Berlin, Bondi 1928) gegeben hat. Bei Gundolf hat gerade „Der Kaufmann von Venedig" eine durchaus neue, erlesene, aus der denkbar feinsten Einfühlung und aus überlegener subtiler Kenntnis des Dichterwerks gewonnene Darstellung gefunden. In der Mitte dieser neuen Auslegung steht die Gestalt des Shylock. Gundolf schärft uns ein —und die Münchener Aufführung beweist untrüglich die Richtigkeit dieser These: „Shylock und TubalS Judentum ist zunächst, vom dramatischen Sinn her, nur eine äußerst wirksame Form des Popanztums, der unheimlichen, unterirdisch gefährlichen Fremdschaft. Geister, Adel, Bürger waren für Shakespeare gesetzliche und notwendige Welten und Spannungen, die ihn unmittelbar angingen, Christentum und Judentum durchaus nicht — es gab in seinem England keine Iudenfrage. Wer den „Kaufmann von Venedig" von dieser aus lieft, gesellschaftlich oder gar politisch, judenfeindlich oder judenfreundlich, und den Shylock als Vertreter des ausbeuterischen oder des unterdrückten Judentums, als negative oder positive Hauptgestalt nimmt, der verkennt völlig Shakespeares Gesicht. Shylocks Judentum, so eindringlich und echt es wirkt, ist nicht Rasse oder Stand, sondern Märchenfarbe." Wer sich noch der Aufführung des „Kaufmann von Venedig" im alten Hoftheater mit dem Tragödenpathos Possarts als