Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 14 (15.7.1931)
- Article
- Das russische Judentum im bolschewistischen Rußland
- Date
- 1931-07-15
- Page
- Seite 215 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 14 Bayerische Israelitische GemeindezeitunA 215 und guteingerichtete Landstellen zugewiesen erhalten wie jüdische Bauern in der Krim-Halbinsel. Diese Bevorzugung hat in Südrußland zum Teil böses Blut gemacht, besonders in den Gegenden, in denen andersstämmigen Bauern Land für jüdische Siedlungszwecke weggenommen worden ist. Diese Angelegenheit hat eine interessante Vorgeschichte: Das Siedlungswerk für die Juden ist eine Karte im bolschewistischen Kampfe gegen — England! Die Sowjetregierung hat die jüdische Kolonisation in Angriff genommen, um den in England entstandenen und von England durchgeführten Gedanken des jüdischen Heims in Palästina das Wasser abzugraben. Sie bekämpft den Zionismus mit einer Leidenschaft, die unverständlich bleibt, wenn man die praktiscken Beziehungen zwischen Zionismus und britischer Kultur-Prestigepolitik nicht in Rechnung setzt. Vor allem hat Moskau auch in Amerika Reklame für die jüdische Kolonisation gemacht, in dem Lande, um dessen Anerkennung es sich seit Jahren so heftig und liebedienerisch bemüht. Die Bevorzugung der jüdischen Bauern hat also mit Judenfreundschaft und „Judenherrschaft" sehr wenig zu tun; sie ist ein Stück sowjetistischer Außenpolitik. — Im übrigen sind die anfänglich mehr versprechenden jüdischen Siedlungsergebnisse seit längerm im Rückgang begrissen. Mit der Abschwächung des außenpolitischen Beweggrunds ihrer Förderung hat auch btefe' selber nachgelassen. Seit die jüdischen Bauernkolonien nun auch von der Zwangskollektivierung erfaßt wurden, hat sich ihre Lage noch mehr verschlechtert. Der äußere Eindruck der „Judenherrschaft" wurde noch vertieft durch die Erscheinungen der im Jahre 1922 einsehenden „Neuen ökonomischen Politik", die dem Privathandel wieder größeren Spielraum bot. Das war die Zeit, in der frisch erworbener, genauer: frisch erschobener Reichtum sich in den Schlemmerlokalen der Städte breitmachte; das Ostjudentum nutzte diese Konjunktur besonders freudig aus und trug, seiner Primitivität entsprechend, sein fadenscheiniges Glück besonders derb zur Schau. Obgleich diese Tage längst vorüber sind und die Neue Ökonomische Politik einem endgültigen Vernichtungsfeldzug gegen den Privathandel Platz gemacht hat, erwecken die primitiven Os^uden auch heute noch in den russischen Städten den Eindruck, als ob es ihnen allein gut ginge. Diese kleinen Leute können es nun einmal nicht lassen, sich protzig herauszuputzen und großspurig zu geben, sobald sie sich wirtschaftlich wieder etwas aufgerappelt haben, während der Russe etwa noch vorhandenen spärlichen Besitz ängstlich vor der Öffentlichkeit verbirgt. Mir sind jüdische Familien in Moskau gezeigt worden, die bereits zweimal wegen „Spekulation" nach Sibirien verschickt worden waren und schon wieder so auftraten, daß sie der Tscheka ein Dorn im Auge sein mußten. Da der Bolschewismus grundsätzlich alles umgekehrt macht, wie es früher gemacht worden ist, war cs selbstverständlich, daß er den Antisemitismus mit größter Entrüstung ablehnte und als eine der „scheußlichen Grimassen der alten Zeit" verpönte. Das russische antisemitische Schimpfwort „Schid", gleich „Jud", war in den ersten bolschewistischen Jahren unter Strafe gestellt; überhaupt jede Äußerung des Antisemitismus wurde als Konterrevolution geahndet. Die heftige antisemitische Grundeinstellung der breiten Volksschichten wurde durch solche Maßregelungen, die im Verein mit der össentlichen Betätigung jüdischer Bolschewiki den Eindruck einer Bevorzugung des Judentums erweckten, natürlich nur noch verschärft. Was man öffentlich nicht mehr sagen und zeigen durfte, erörterte man um so fleißiger hinter verschlossenen Türen. Die Legende von der bolschewistischen „Judenherrschaft" entstand und fand ihren Weg ins Ausland, was um so begreiflicher war, als neben Lenin fast nur jüdische Bolschewik nach außen hin in Erscheinung traten: Trohk-Bronstein, Radek-Sobelsohn, Joffe, Kopp, Kamenew-Finkelstein, Scheinmann, Sokolnikow-Brilliant, Sinowjew-Radomyssski. Akt Lenins Tod tritt in der Einstellung der bolschewistischen Partei zum Antisemitismus eine Änderung ein. Ganz allmählich beginnen die jüdischen Bolchewik von den weithin sichtbaren Posten zu verschwinden. Anfänglich hatte man den Einbruch, daß das lediglich eine Konzession an die Volksstimmung war; noch saßen ja in den Machtpositionen der Partei berühmte Juden wie Sinowjew und Kamenew, als Der Faschismus und Der italienische Justiz- und Kultusminister Alfredo Rocco, der bekannte Theorekker des Faschismus, hat in einem dem'JTA-Vertreter in Rom Dr. Ed. D. Kleinlerer gewährten Interview die rechtliche Lage der Juden in Italien Umrissen und'bemerkenswerte Äußerungen über die Stellung des Faschismus zur Judenfrage und sein Verhältnis zu den das Rassenprinzip betonenden „faschistischen" Bewegungen' des Auslands gemacht. Trotzki, Radek und Genossen bereits in Opposition gegangen und in Ungnade gefallen waren. Als aber, um 1925/26, auch die Sinowjew- Kamenew-Gruppe in die oppositionelle Kampffront eintrat und das Bild des nach der Alleinherrschaft strebenden Stalin sich schärfer abzeichnete, nahm die Personalpolitik des Kreml einen geradezu anksemikschen Charakter an. Ich durchschaue heute noch nicht recht, was Ursache, was Wirkung war — jedenfalls tauchten mit der Zeit fast alle führenden jüdischen Bolschewik in den Reihen der Opposikon auf und verschwanden dementsprechend aus den Personallisten der Partei- und Staatsleitung. Ich bin in jenen Jahren viel in der russischen Provinz gereist und habe dort aus dem Munde braver, aber etwas undiplomakscher Provinz- Bolschewik direkte Beweise für die systematische Ausschaltung der jüdischen Parteileute erhalten. Stalin hat in den Kampfjahren gegen Trotzk nach meiner Überzeugung bewußt das Anwachsen anksemikscher Strömungen in der Partei selbst geduldet Diese Haltung der Diktatur hat natürlich, trotzdem man den Antisemitismus mit den Lippen weiterhin verdammte, ihre Wirkung auf die breiten Massen nicht verfehlt. Das äußerte sich im Alltagsleben darin, daß man auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in den Betrieben das Wort „Schid" wieder täglich hören konnte, ohne daß Polizei und andere Amtsorgane gleich dagegen eingeschritten wären wie bisher. Darüber hinaus aber ist es, besonders 1928 und 1929, in allen Teilen des Reichs zu anksemikschen Roheitsakten gekommen, die manchmal fast den Charakter von Pogromen annahmen. Ein kleiner Teil dieser Fälle wurde an die große Glocke gehängt, und dabei stellte sich bezeichnenderweise fast immer heraus, daß die Delikte in Anwesenheit und unter stiller oder lauter Billigung nicht nur der Arbeiterschaft, sondern auch der Partei-, Gewerkschafts- und Betriebs-Organisationen verübt worden sind; das bestätigte die Breite der antisemitischen Einstellung der Sowjetbevölkerung, die man ja aus dem täglichen Leben bereits sattsam kannte. In einer Reihe von Prozessen wurde auch festgestellt, daß sich Parteileute selbst, insbesondere Jungkommunisten, an der Beschimpfung und Mißhandluing jüdischer Proletarier beteiligt haben. Ich verzichte auf die Schilderung einzelner antisemitischer Exzesse, die oft auch zu abscheulich sind, als daß sie dem Papier anvertraut werden könnten, möchte aber einige vielsagende Zahlen geben: Auf den Schächten des Grubenbezirks Bokowo-Chrustalski sind in der Zeit zwischen 15. Februar 1920 und dem 20. November 1928 2987 Juden eingestellt worden, von denen sich nicht ein einziger auf den Schächten halten konnte, obwohl unter ihnen erfahrene Bergleute waren. „Weshalb die jüdischen Arbeiter die Schächte verlassen", sagt die „Moskauer Arbeiter-Zeitung", der diese Daten entnommen sind, „versteht man aus folgendem Vorgang: In diesem Sommer kamen im Lugansker Kreis 23 Juden aus dem Gouvernement Witebsk an. Hungrig, abgerissen, Arbeit suchend, streiften sie lange in den Schächten umher. Überall empfing man sie mit Spott: ,Na, wohin denn mit Euch, Abrahamchens! Schachtarbeit wollt Ihr machen! Wollt Ihr nicht lieber in der Stadt ein Handelchen betreiben?" Schließlich wurden sie doch angenommen. Aber die Spötterei hörte nicht auf. Die Vorarbeiter hetzten sie herum, gaben ihnen keine Arbeitskleidung und keine Ausweise für den Konsumverein. In den Wohnkasernen gestaltete sich das Leben für die jüdischen Arbeiter unerträglich. Die andern Arbeiter sammelten Läuse und Wanzen und steckten sie in die Matratzen, beleidigten die Zugewanderten, wo immer sie konnten und benutzten jede Kleinigkeit, um Händel anzufangen. Trotz aller Bitten fanden die Juden nirgends Beschützer. Die Partei-, die Gewerkschafts- und die Jungkommunisten-Organisakonen — alle schwiegen. Bis zum Herbst erduldeten die jüdischen Arbeiter alles. Dann ertrugen sie den ungleichen Kampf nicht mehr und legten die Arbeit nieder." Der heimliche Kampf der Partei gegen die jüdischen Genossen hat mit der Niederschlagung der Trotzki-Opposition seinen Zweck verloren. Man spürt ihn heute nicht mehr. Neuerdings sind sogar einzelne Juden wieder in bolschewistische Machtpositionen aufgerückt. Aber konzentrierter ten Einfluß, „Herrschaft", üben sie weniger denn je im bolschewistischen Gemeinwesen. Von dieser W chnvorstellung sollte sich das Ausland endlich freimachen. Sonst versi-.ht es den Bolschewismus nicht und bekämpft ihn mit falschen Mitteln, wo er weltrevolukonär in Aktion tritt. die Juden in Italien Im Verlauf des Gesprächs erklärte der Minister Rocco, die moralische und allgemeine Lage des italienischen Judentums habe sich nach dem Abschluß des Konkordats mit dem Vatikan bedeutend verbessert. Die italienischen Juden hätten Rechte erhalten, die sie bis dahin nicht besaßen. Unter anderem wird nunmehr die zivilrechtliche Gütligkeit der vor dem Rabbiner geschlossenen Chen anerkannt. Das von der faschistischen Re-