Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 14 (15.7.1931)
- Article
- Das Jugendamt der israelitischen Kultusgemeinde München
- Date
- 1931-07-15
- Page
- Seite 214 (sequence 2)
- Language
- German
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214 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 Der Verein für Ferienkolonien sorgt für den größten Teil der erholungsbedürftigen Kinder durch Unterbringung in seinem Heim in Krumbach. Vom Jugendamt wurden außerdem im Jahr 1930 noch 84 Kinder verschickt. Die gemeindliche Erholungsfürsorge muß sich jedoch infolge der knappen Mittel jetzt auf die allerdringendsten Kuren beschranken. Es ist daher geplant, durch eine Tageserholungsstätte einen Ausgleich zu schaffen. Selbstverständlich ist diese weitgehende gesundheitliche Betreuung auch ein Ausgangspunkt für erzieherische Beeinflussung. Die Fürsorgerin sieht all ihre Schützlinge bei der ärztlichen Beratung. Sie wird aufmerksam auf manchen erzieherischen Mangel, kann eingreifen, kann veranlassen, daß die Kinder regelmäßig den Hort, der ebenfalls in engster Verbindung mit dem Jugendamt steht, besuchen. Eine Kinderspeisung, eingerichtet und durchgeführt vom Schwesternbund der München-Loge, ist dem Hort angegliedert. In der Psychopathenfürsorge steht das Jugendamt in Verbindung mit der Heckscherschen Klinik. Kinder werden zur Beobachtung dorthin gegeben und auf Anordnung der Ärzte in entsprechende Heime verschickt oder sonst betreut. 16 derartige Fälle waren es im ver gangenen Jahre. Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung werden in enger Fühlungnahme mit dem Arbeitsamt vorgenommen. Im Mädchenklub verbringen berufstätige — zurzeit 15 — Mädchen ihre Freizeit. Für männliche Lehrlinge, die irgendwelchen Halt nötig haben, sorgt auf Veranlassung des Jugendamtes das Leiterehepaar des Lehrlingsheims. Die jungen Menschen können dort ein- und ausgehen, sich Rat holen, den Freitag-Abend dort verbringen oder an dem einen oder anderen Kurs (Schreibmaschinenkurs, fremde Sprachen) im Heim teilnehmen. Zwei Iugendpflegegruppen leisten ebenfalls wertvolle Arbeit. Angeregt durch die vom Jugendamt ins Leben gerufene Soziale Arbeitsgemeinschaft, nehmen sich diese Jugendlichen einzelner Kinder oder Jugendlicher an. Einige haben Patenschaften im Kinderheim übernommen, andere wandern regelmäßig mit einer Gruppe und verbringen mit ihnen Heimabende. Alle irgend gefährdeten, verwaisten oder vorübergehend unversorgten Kinder und Jugendliche finden Aufnahme in den Heimen des Vereins Israelitische Iugendhilfe E. V. Kinderheim, Lehrlingsheim, Mädchenheim erfassen Kinder aller Altersstufen, vom Säugling bis zum berufstätigen Jüngling und Mädchen, erfassen auch Kinder aller Kreise. Es sind im Augenblick 85 Kinder und Jugendliche hier untergebracht. Die nachgehende Fürsorge wird von den Heimleitungen, gemeinsam mit dem Vorstand des Vereins und dem Jugendamt gut durchgeführt. So werden hier insgesamt etwa ZOO Kinder und Jugendliche betreut. Jugendamt und freie Wohlfahrtspflege, offene, halboffene und geschlossene Jugendfürsorge arbeiten, eng verschmolzen, Hand in Hand und bilden ein harmonisches, wertvolles Ganzes. Elisabeth Kitzinger Das russische ludentum im Von Th eo d o Im Verlag Knorr 8 Hirth in München erscheint soeben ein ungewöhnlich packendes Buch „Das rote Rußland", mit dem Umertitel „Staat, Geist und Alltag der Bolschewicki". Sein Verfasser, der als Vertreter großer Tageszeitungen, 4 Jahre (1925—29) in Sowjetrußland zu dem ausschließlichen Zweck, das Land nach allen Dimensionen zu studieren, gelebt hat, gibt das anschaulichste aus dem ungeschminkten Leben selbst gewonnene Bild des heutigen Rußland. Mit Erlaubnis des Verlages drucken wir im Folgenden einen Auszug aus den Kapiteln über das russische Judentum und den russischen Antisemitismus hier Von dem wahren, inneren, kulturellen Gesicht des russischen, religiösen Judentums kann uns der Verfasser nichts berichten. Seiberts bedeutendes Rußland-Buch darf man wohl auch nicht isoliert lesen, sondern muß damit aus der Flut guter Rußland-Literatur die wichtigsten Werke Zusammenhalten. Darüber soll an einer anderen Stelle berichtet werden. Rund ein Jahrzehnt lang waren weite Kreise der nichtrussischen, aber auch der russischen Welt davon überzeugt, daß die bolschewistische Revolution von den russischen Juden „gemacht" worden sei, und daß die Juden im Sowjetstaat regierten. Erst der Aufstieg des Kaukasiers Stalin zur unumschränkten Macht hat diese Vorstellung in den Hintergrund treten lassen. Aber auch heute spukt der „jüdische Bolschewismus", besonders in den Köpfen jener merkwürdigen Leute, für die Wilhelm II., neben 99 Prozent aller anderen prominenten Europäer, ein Jude oder Iudenstämmling ist. Die vielbeschrieene bolschewistische Iudenherrschaft hat es nie gegeben. Lenin war nicht Jude, sondern Sprößling einer Familie des russischen Kleinadels; er hatte seiner Physiognomie nach, wie viele russische Aristokraten, etwas tatarische Blutbeimischung. Die bolschewistische Revolution aber war allzusehr Geistesprodukt ihres Vaters Lenin, als daß sie, im Widerspruch zur Art Lenins, jüdisch-nationalen Charakter hätte wagen können. Die Vorstellung vom überwiegen des Judentums im frühbolschewistischen Rußland entstand natürlich nicht ohne jeden Anlaß. Tatsächlich hat das - jüdische Element in der bolschewistischen Führerschaft bis vor wenigen Jahren einen Prozentsatz eingenommen, der in keinem VerhälMis zur allgemeinen Zahl der Juden im russischen Nationalitätenstaats stand. Diese Erscheinung erklärte sich aber sehr einfach daraus, daß das russische Judentum zur Zarenzeit die bei weitem bolschewistischen Nutzland : Seibert am stärksten bedrückte Nationalität war, und daß die jüdische Intelligenz den revolutionären Parteien infolgedessen besonders viele Führer gab, die vermöge ihrer hohen politischen Geschicklichkeit sich auch entsprechend in Szene zu setzen wußten. Der bolschewistischen Partei schlossen sie sich in besonders großer Zahl an, weil diese die einzige wahrhaft internationale, von großrussischen Vorurteilen nicht befangene Partei war. Historische Objektivität gebietet auch festzustellen, daß die Greuel der Revolution nicht vorwiegend jüdischen Bolchewiki in die Schuhe zu schieben sind, wie es vielfach geschieht. Obwohl die Juden in den ersten Jahren des Bolschewismus zahlenmäßig fast überall dominierten, ist es den breiten Massen des russischen Judentums um kein Haar besser ergangen als allen andern Volksstämmen. Der bolschewistische Klassenkampf richtete sich genau so gegen den jüdischen Händler wie gegen den russischen und türkischen, die Kirchenvcrsolgung traf die Rabbiner und Synagogen nicht weniger schwer als die orthodoxen Popen und protestantischen Pfarrer, die christlichen Kirchen und Kathedralen. Eine gewisse Erleichterung verspürten nur hie und da Angehörige jüdischer Bolschewik, die vermöge des angeborenen jüdischen Familiensinns Arbeitsplätze und Posten erhielten, auf die sie, auf Grund ihrer „sozialen Herkunft", keinen Anspruch hatten. Aber auch hier darf man nicht verallgemeinern; ich kenne mehr als einen Fall, in dem sich jüdische Parteileute öffentlich von ihren Eltern lossagten, weil diese nicht vom „religiösen Aberglauben" ließen und aus andern, ähnlichen Gründen. Um das folgende verständlich zu machen, sei hier eingeschaltet, daß das russische Judentum sozial ganz anders gegliedert ist als das westeuropäische: Der russische Jude ist durchaus nicht vorwiegend Händler oder Intelligenzler; die Masse des russischen Judentums bestand und besteht vielmehr aus Handwerkern und das allerdings in geringerem Maße, aus Arbeitern und Bauern. Ergänzt sei noch — auch darüber herrschen im . Westen teilweise irrige Vorstellungen —, daß es in Rußland keinem Menschen einfällt, die Juden als „Russen israelitischen Glauben" anzusehen. Für jeden Russen und auch für jeden russischen Juden sind die Juden ein Volk, eine Nationalität wie die Tataren, die Wolga-Deutschen, die Georgier und viele andere mehr. Eine jüdische Frage im spitzigen Sinne des Nassenproblems gibt es in Rußland deshalb,nicht. Eine Sonderstellung nimmt die jüdische Nation in der sowjetistischen Siedlungspolitik ein: kein zweites Volk Rußlands hat so ausgedehnte