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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-07-01 · 13 (1.7.1931) · p. Seite 205

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
13 (1.7.1931)
Article
Die traditionelle Methode des Unterrichts im Hebräischen
Date
1931-07-01
Page
Seite 205 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 13 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 205: einzelnen Wortes, eingeführt wird. Als letztes Ziel der begabteren Schüler darf wohl die Erklärung Raschis zum Pentateuch angesehen werden. Diese wird aber nicht fortlaufend, sondern, wenn auch nur teilweise, zum jeweiligen Wochenabschnitt als Vorbereitung auf dessen allsabbatliche synagogale Verlesung durchgenommen. Ein Eingehen auf die wichtigsten Elemente der Grammatik ist bei diesem Unterricht zwar eine Notwendigkeit, eine systematische Unterweisung in der Grammatik aber, etwa gar anhand eines Leitfadens, war von jeher ausgeschlossen. Allerdings darf nicht vergessen werden, daß der Chederuntcrricht namentlich für die Kinder der ärmeren Bevölkerungsklasse in der Regel schon mit dem dreizehnten Lebensjahre seinen Abschluß fand, wo von einem tieferen Eindringen in die hebräische Grammatik sowieso noch keine Rede sein kann. Das schloß nicht aus, daß sich von denjenigen, die sich nach dein Besuch der Cheder dem Studim des rabbinischen Schrifttums zuwandten, auch manche eingehender mit der Grammatik und dem älteren und späteren hebräischen Schrifttum befaßten. Solche, die es in diesen Disziplinen zu besonderen Kenntnissen brachten, nannte man „Baale laschon", „Beherrscher der. Sprache". Man hat sich in den Kreisen der modernen Pädagogen vielfach daran gewöhnt, die herkömmliche Methode der Erlernung des Hebräischen als längst überholt und mit den Grundsätzen neuzeitlicher Unterrichtsgestaltung nicht vereinbar zu betrachten. Demgegenüber soll darauf hingewiesen werden, daß diese sogenannte Memoriermethode jedenfalls den Vorzug hat, gerade den Teil der geistigen Kraft des jungen Schülers in Anspruch zu nehmen, der beim Kinde am stärksten entwickelt und am aufnahmefähigsten ist: Das Gedächtnis. In den in Betracht kommenden Altersstufen ist nämlich das Bedürfnis des Kindes nach Systematik noch sehr gering. Sein Gedächtnis dagegen hat mehr Raum, um viele innerlich zusammengehörige Gegenstände und Erkenntnisse nebeneinander zu legen, als sein Auffassungsvermögen Kraft hat, die Verwandtschaft oder Identität der Dinge zu begreifen. Wenn viele vier- oder fünfjährige Kinder z. B. fließend bis 10 .oder 100 zählen können, ohne gleichzeitig zu wissen, daß 2-b2—4 sind, oder ein Wortbild wohl als Ganzes, aber nicht in seinen einzelnen Lauten erfassen, so tat auch der „Mclammed" ganz recht daran, etwa bcreschith neben rosch zu lehren, ohne zunächst auf die Gleichheit der Stämme aufmerksam zu machen. Wie der primitive Mensch überhaupt, so traf auch der primitive Pädagoge — auch der Koranunterricht erfolgt ja nach der Memoriermethodc — mit feinem Instinkt oft das psychologisch Nichtige und — das von den Modernsten als richtig Erkannte. Wenn mit zunehmender Reife der Schüler Gleichheit oder Verwandtschaft der Stämme und Wörter kennen lernt, so fühlt er dadurch sein Gedächtnis unterstützt, entlastet und für Aufnahme neuen Stoffes um so fähiger. Die Ansicht, daß durch die Memoriermethodc der Schüler unter der Last eines auf ihn eindringcnden zusammenhanglosen Unterrichtsstoffes erdrückt zu werden drohe, ist also grundverkehrt — sie entspricht in vieler Hinsicht der Eigenart des Kindes viel besser als manche moderne Methode.. Abgesehen hievon: Der Erfolg spricht für die traditionelle Unterrichtsart. Cs war ja niemals Ziel dieses Unterrichts und es ist ebensowenig Ziel des heutigen Schulunterrichts, den zungenfertigen Gebrauch eines lebenden Hebräisch zu erreichen oder Philologen heranzubilden. Aber durch Jahrtausende hindurch, wie der Kenner der Geschichte der jüdischen Erziehung weiß, haben Generationen auf Generationen das Hebräisch der Bibel und des rabbinischen Schrifttums nur auf diese Weise kennen und beherrschen gelernt. Keiner von den jüdischen Gelehrten oder hebräischen Schriftstellern und Dichtern, deren hochentwickeltes Sprachgefühl auch von modernen Sprachforschern anerkannt wird, ist auf andere als jene überkommene Methode an die Quellen der hebräischen Sprache herangcführt worden. Allerdings: Die Durchführung dieser Methode erfordert ein Maximum an Unterrichtszeit und war daher nur so lang möglich, als allgemeine Schulpflicht und allgemein gültiger Lehrplan unbekannt waren. Spater stand selbst in den jüdischen, d. h. nur von jüdischen Schülern besuchten Schulen, gewiß aber an den allgemeinen, insbesondere an den höheren Schulen, nur eine ganz geringe Zahl von Wochenstunden für den „Religionsunterricht" zur Verfügung, die zudem bekanntlich keineswegs ausschließlich mit dem Unterricht im Hebräischen ausgefüllt werden können. Cs waren nicht die schlechtesten Köpfe der deutschen Judenheit, die sich bemühten, eine Ergänzung oder — je nach der methodischen Einstellung — einen Ersatz für die durch die veränderten Schulverhältnisse, als aus äußeren Gründen ungenügend oder unbrauchbar gewordene Mcmoriermethode zu schaffen, um der jungen Generation eine wenn auch gegenüber der früheren Zeit sehr verminderte Kenntnis des Hebräischen zu vermitteln. Wenn wir rückblickend die Lesefibeln und die für den Religionsunterricht bestimmten Grammatiken überprüfen, die in den letzten hundert Jahren erschienen sind, so bemüht sich jeder Versager auf seine Weise, das Problem, wie mit einem Minimum an Zeit und Stoff und unter geringster Beanspruchung der geistigen Kraft des Schülers möglichst gute Kenntissc des Hebräischen erzielt werden können, zu lösen. Man kann nicht behaupten, daß die Lösung allen oder auch nur sehr vielen gelungen ist. Viele dieser Schulbücher erwiesen sich als völlig unbrauchbar, manche sind in ihren abwegigen Methoden geradezu entsetzenerregend. Gemeinsam ist fast allen das richtige Prinzip, die dem Schüler aus dein Unterricht in der deutschen Muttersprache, zum Teil auch in fremden Sprachen, zufließende Erkenntnis allgemein gültiger grammatikalischer Begriffe und Zusammenhänge für den Unterricht in der hebräischen Sprache nutzbar zu machen. Man verzichte daher mit Recht allgemein z. B. auf obligatorische Verwendung der Terminologie der alten hebräischen Grammatiker. Die Frage ist nur die, wie weit die sich daraus ergebende 'Abhängigkeit in der Darstellung der hebräischen Grammatik gehen darf. Und hier darf wohl behauptet werden, daß die Curopäisierung der hebräischen Clemcntargrammatikcn das Maß des pädagogisch und sachlich zu Rechtfertigenden zuweilen weit überschreitet. ist cs völlig verkehrt, die hebräischen Vcrbalformen entgegen der Darstellung in den wissenschaftlichen und auch in den alten jüdischen Grammatiken statt mit der dritten Person mir der ersten Person zu beginnen. Der Zweck, den die Verfasser mit dieser Umkehrung verfolgten, dem Kinde die kleine Umstellung des Memoricrvorganges gegenüber dein deutschen oder den europäischen Fremdsprachen zu ersparen, wird nicht erreicht und geht zudem von einer falschen Voraussetzung aus: Kinder der verschiedensten Altersklassen vermögen sich an diese wie an andere Besonderheiten der Darstellung, die die hebräische Grainmatik ja schließlich mit der Grammatik aller semitischen Sprachen teilt, leicht zu gewöhnen. Fast noch wichtiger erscheint mir methodologisch die Frage, mit welcher Vorbildung man den Schüler an die Grainmatik herantretcn läßt. Auch darin herrscht, wie bereits angedeutet, keine einheitliche 'Auffassung. Mir erscheint es immer noch als der beste Weg, etwa während der ersten vier Schuljahre, so lange ein systematischer Grammatikunterricht an Hand eines Leitfadens doch unmöglich ist, unter Zuhilfenahme der alten Memoriermethode dem Kinde geläufiges Lesen — cs dürfte zu diesem Zwecke ein erheblicher Teil der Unterrichtszeit zu lautem Rezitieren der Gebete verwendet werden — und sodann die Wortübersetzung der wichtigsten Gebete und Pentatcuchstellen beizubringen. Unsere Darlegungen beziehen sich, wie wir wiederholt zum Ausdruck brachten, selbstredend nur auf den Schuluntericht, der ja das Ziel hat, den Schüler an die Quellen des jüdischen Schrifttums heranzuführen und ihn mit der Sprache des Gebetes vertraut zu machen. 'Aber auch derjenige, der hebräisch erlernen will, um es als Umgangssprache zu gebrauchen, wird gut daran tun, sich am klassischen Hebräisch zu orientieren. Nur so wird cs ihur möglich sein, ein eines Gebildeten würdiges, vor allem von Europäismen freies Hebräisch zu sprechen. D r. I o s e p h P r y s Verkaufsstellen J Hiltensbergersfraße 8 Fernsprecher 3706 46 Glückstaße 10 Fernsprecher 2 969 44 Thierschstraße 19 Fernsprecher 22082 Franz-Jo ef-Straße 29 Fernsprech-r 304 52 SchleißheimerStraßelOO Fernsprecher 370 326 Winzererstraße 92 Belgradstraße 28 Für Säuglinge und Kinder nur Boschhof*Vorzugsmilch Hauslieferung durch Boschhof-Verkaufszentrale Schleißheimer Straße 100/ Tel. 370326

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