Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 13 (1.7.1931)
- Article
- Das Studium des Hebräischen
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 204 (sequence 2)
- Language
- German
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204 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 Schriften zum Teil rhetorische Meisterwerke, die den klassischen Reden keineswegs an Kraft und Formcnschönhcit nachstehen, in der Psalmenliteratur dichterische Leistungen von höchstem Schwünge und vollendeter Kunst. Dazu kommen noch die Stücke religiös-philosophischen Inhalts wie Job und Kohelet, die ebenso wie die Propheten und Psalmen Bestandteile der Weltliteratur geworden sind und in ihr bis in die neueste Zeit starke Nachwirkungen hinterlassen haben.- Ich brauche nur darauf hinzuweisen, welch starke Anregungen Goethe aus dem Alten Testament geschöpft hat. Dazu kommt noch die sehr umfangreiche Weisheitslitcratur, die nicht bloß Lehren für das religiöse, sondern auch für das praktische Leben bietet. Es muß überhaupt betont werden, daß das Alte Testament das ganze nationale und soziale Leben Israels unter dem religiösen Gesichtspunkt darsicllt. Die Gesetze des Pentateuchs regeln das religiöse und soziale Leben des Volkes, haben also allgemein kulturelle Bedeutung. Wie aber die alttcstamentlichen Schriften nicht bloß Rcligionsqucllcn, sondern Quellen der alten israelitisch-jüdischen Kultur in ihrem ganzen 'Ausmaße sind und ein gleich weites Bild der jüdischen Kultur und der mit ihr in Beziehung stehenden anderen Kulturkrcisc vermitteln, wie etwa die Quellen der klassischen Antike, so verhält es sich auch mit der späteren jüdischen Literatur. Auch sie gibt ein Bild der jüdischen Kultur von den Zeiten des hohen Altertums bis ins IO. nachchristliche Jahrhundert. Die Mischna, jene Universitas literarum des babylonischen Talmud, die agadischen Midraschim usw., erstrecken sich auf die verschiedensten Lebensgebicte: Recht, Ethik, Wirtschaft und allgemein soziale Verhältnisse, Wissenschaft (Weltbild, Naturlehre, Astronomie und Kalcndcrberechnung, Medizin), Poesie (Allegorien und Sinnsprüchc) und Folklorostik. Dabei greifen diese Quellen über den Kreis des Judentums hinaus und geben vielfach auch vom Leben der anderen Völker des Alten Orients Kunde. Die gleiche Vielfältigkeit der Gebiete weist auch die spätere jüdische Literatur auf. So gewährt etwa die Responscn-Literatur einen weiten Einblick in die äußere Geschichte, die kulturellen und sozialen Verhältnisse der Welt des Mittelalters. Es gibt ferner zahlreiche Chroniken, Geschichtswerke und Reisebeschrcibungen. Ebenso wurden die Zweige des medizinischen, mathematischen, astronomischen und vorwiegend des philosophischen Schrifttums gepflegt. Besonders aber hat es die hebräische Dichtkunst zu hoher Vollendung (Gabirol, Jehuda Halcvy) und großer Fruchtbarkeit gebracht. ' Die jüdische Kultur und Literatur hat in Anbetracht ihrer hohen Bedeutung naturgemäß auch vielfach Einfluß auf die Kultur der Umwelt ausgeübt, wie sich überhaupt, vielerlei. Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen jüdischer Kultur und den. verschiedensten Kulturkrcisen ergeben, ein Einfluß, der durch den Verlauf der jüdischen Geschichte nachhaltig gefördert wurde. Es sei hier etwa nur, um Beliebiges hcrauszugreifen, an die folgenden Konrplcxe erinnert: Hellenismus und Judentum auf dem Boden Vorderasiens und der Mittelmeerländcr (als Teil des Problems Hellenismus und orientalische Kultur); sagengeschichtliche Zusammenhänge zwischen jüdischer, islamischer und christlicher Sagenwelt; die Juden als Kulturmittler im Mittelalter für die verschiedensten Disziplinen (etwa Astronomie, Mathematik, Philosophie); die Beziehung zwischen jüdischer Religionsphilosophic, islamischer Philosophie und der christlichen Scholastik; jüdische und christliche Mystik (die Kabbala, ihre Ursprünge und ihr Verhältnis zu christlichen und islamischen Sttömungen; jüdischer und deutscher Volksglaube im Mittelalter); Agada und Pattistik, jüdische und christliche Bibelexegese. Heutzutage wird in der Judenheit Palästinas das Hebräische als lebende Sprache gesprochen. In Palästina erscheinen die jüdische Presse und alle Publikationen in hebräischer Sprache. Bei Gericht und Behörden wird hebräisch gesprochen. Das Hebräische ist dort als offizielle dritte Sprache neben Arabisch und Englisch anerkannt. Aber auch außerhalb Palästinas existiert heute eine weitverbreitete hebräische Presse (vorwiegend Wochen- und Monatsschriften politischen, kulturellen und literarischen Inhalts). Es gibt in der Gegenwart eine hebräische Poesie (Bialik) und eine sehr fruchtbare Belletristik, an der zahlreiche Schriftsteller Mitarbeiten (darunter etwa Saul Tschcrnichowsky, Rüben Brainin, Agnon). Auf jedem Gebiet der Wissenschaft erscheinen heute bereits Publikationen in hebräischer Sprache, wie cs ein Blick in die Jerusalemer Vicrteljahrsschrift Kirjath Sefcr lehrt. Die literarisch bedeutsamen Werke sind bereits oder werden heute ins Hebräische übersetzt. Besonders in der Literatur aus dem Gebiete der modernen jüdischen Wissenschaft, wo noch im vergangenen Jahrhundert die deutsche Sprache vorherrschend war, dringt das Hebräische immer mehr vor. übrigens gibt es auch außerhalb Palästinas ein Schulnctz mit hebräischer Unterrichtssprache, sogenannte Tarbuth-Schulen. Daraus ergibt sich, daß dem Alten Testament und den späteren hebräischen Quellen nicht nur eine hohe Bedeutung für die jüdische Religion im engeren Sinne zukommt, sondern daß die alttcstamentliche wie die nachbiblische jüdische Literatur auch der späteren Jahrhunderte mit der allgemeinen Kulturgeschichte aufs innigste verflochten ist und geradezu einen, wenn auch von christlicher Seite vielfach wenig gekannten, Ausschnitt daraus bildet. Es wäre durchaus erwünscht, daß der Reichtum der jüdischen Literatur sowie ihre vielfachen Beziehungen zur allgemeinen Kultur mehr gewürdigt würden. Umgekehrt wäre es sehr zu bedauern, wenn selbst die Ausbildung der jüdischen Lehrer dieses riesige Stoffgebiet nicht auswcrten und so nicht die Grundlagen zu seinem vollen Verständnis durch eine gründliche hebräische Schulung legen würde. Der praktische Wert des hebräischen Sprachstudiums liegt außerdem in der stark cmporblühendcn vielseitigen jüdisch-hebräischen Publizistik: Cs sei hier noch darauf hingewiesen, daß das Studium der hebräischen Sprache auch die Pforte ist, die den Zugang zum Studium des alten wie des modernen Orients eröffnet. Die Ausgrabungen in Vordcrasien haben die Kulturen und Sprachen des Alten Orients wieder zuin Leben erweckt und das Alte Testament in den mehr als 3000 Jahre umfassenden Geschichtsverlauf hineingestcllt. Wer heute Fachmann auf dem Gebiete der Geschichte des Altertums werden will, uruß auch die semitischen Sprachen kennen, deren Ausgangspunkt das Hebräische ist. Das Babylonisch- Assyrische, dessen ungeheure Literatur uns in den keilinschriftlichen Denkmälern vorliegt, ist wie das Hebräische eine semitische Sprache und das heute von Millionen im Orient gesprochene Arabisch ebenfalls. Also auch 'an der wissenschaftlichen Wichtigkeit dieser Sprache als Schlüssel für das Studium der semitisch-orientalischen Sprachen und Kulturen besteht kein Zweifel. Ich kann daher mein Urteil über den eingangs erwähnten Fragepunkt dahin zusammenfassen: Gegen den Ersatz der lateinischen oder englischen Sprache bei der künftigen Aufbauschule durch das Hebräische bestehen gar keine Bedenken, vielmehr ist das Hebräische an formalem Bildungswie an Kulturwert im Hinblick auf die Univcrsitätsreifc jeder dieser beiden Fremdsprachen durchaus gleichwertig. vie traditionelle Methode des Unterrichts im hebräischen Der folgende Auffatz konnte wegen Raummangel in dem Sonderheft der Gemeindezeitung „Die hebräische Sprache" (Nr. I I vom I. Juni 1931) keinen Platz mehr finden. Im Nahmen der von den verschiedensten Standpunkten abgefaßten Aufsätze kommt dem Beitrag, den die Schriftlcitung vom Verfasser erbeten hat, eine besondere Bedeutung zu; er ist dem Entwurf eines Vorwortes zu einer neuen Hebräischen Elementar und Schulgrammatik cnMommen, die Herr Dr. Prys vorbereitet. Der sofort mit der Grammatik beginnende Unterricht in den fremden, insbesondere in den toten Sprachen bringt den Nachteil mit sich, daß cs lang dauert, bis Der Schüler über den kunstvollen Bau, den er aus lausend kleinen und kleinsten Teilen zusammenzusetzen gelehrt wurde, eine Übersicht gewinnt. Und vielen. Schülern gelingt es niemals, die eiserne Logik, die wunderbare Gesetzmäßigkeit des vor ihren Augen langsam entstehenden Sprachgebäudcs, seine lebendige Einheit zu erfassen, in den die toten Buchstaben belebenden Geist der Sprache cinzudringen. Aus diesem Grunde bemühte sich die herkömmliche Methode des hebräischen Unterrichts, dem Schüler zunächst das Verständnis zahlreicher Texte, genauer die Bedeutung der einzelnen in den Texten enthaltenen Wörter in ihrem jeweiligen Zusammenhänge, sodann der Satzteile und auf diese Weise schließlich die der einzelnen Sätze zu vermitteln. Bereits in einem Alter von vier bis fünf Jahren werden noch heute in den Ländern Osteuropas, um jene Methode an uns örtlich naheliegenden Verhältnissen zu erläutern, die jüdischen Kinder vom sogenannten Besser (Behelfer) von ihrer Wohnung abgeholt und in kleinen Gruppen im Lesen des Hebräischen wie im Rezitieren der Gebete unterwiesen. Später besucht der Knabe den Cheder, wo er vom „Melammed" sofort in das Übersetzen des Pentateuch, zunächst durch Vorsagen fast jedes