Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 13 (1.7.1931)
- Article
- Israelitische Lehrerbildungsanstalt in Würzburg
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 200 (sequence 2)
- Language
- German
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200 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 liliSOl SsSSEgBSiESgsigSEl sSES8SSS8SgHgi5g»l m ' überhaupt nur noch die scchsklaffigc geschlossene Lehrerbildungsanstalt zur Voraussetzung. Die Gleichstellung der drei unteren Klaffen der Lehrerbildungsanstalten mit den entsprechenden Altersklassen der Mittelschule (4—6) findet äußerlich auch darin ihren Ausdruck, daß gemäß Vereinbarung der deutschen Staaten auch die Absolventen der dritten Klaffe einer Lehrerbildungsanstalt das Zeugnis der mittleren Reife erhalten. Für die israelitische Lehrerbildungsanstalt konnte die Vereinigung und Vereinheitlichung, die von der jüdischen Lehrerschaft seit Jahrzehnten als programmatische Forderung aufgestellt war, nur verwirklicht werden durch einen Neubau. Für die Errichtung eines Neubaues in Würzburg sprachen auch noch andere zwingende Gründe: Für das als Präparandcnfchule dienende Bauernhaus in Höchberg bestehen schon seit 1914 behördliche Bauauflagen. Krieg und Inflation haben diese Forderungen zwar zurückgcdrängt, aber nicht aufgehoben. Sic wurden 1930 in dringender Weise wiederholt mit dem Bemerken, daß von einem Neubau in Höchberg nur dann Abstand genommen werden kann, wenn die im Gange befindlichen Verhandlungen über die Vereinigung in Würzburg alsbald zum Ziele führen. Aber auch der bisherigen Würzburger Anstalt, die in einer engen Gaffe, ohne genügende Licht- und Luftzufuhr, untcrgebracht war, fehlte für einen modernen Schul- und Hcimbetricb fast alles. Es mangelte ein Zeichensaal, ein Physik- und Chemicsaal, cs mangelte an einer ausreichenden Zahl von Musik- und Übungszimmern, vor allem aber fürdas Heim an Aufenthalts- und Studierräumen; Schulhof, Spielplatz und Gartenanlagen fehlten ganz. — Durch Auflösung der meisten bisherigen jüdischen Lehrerbildungsanstalten in Preußen (es bestanden bis zum Jahre 1920 deren fünf in Münster, Berlin, Hannover, Kaffel und Köln) hat sich die Zahl der Schüler in den bayerischen Anstalten verdoppelt. Jetzt mar das Seminar vor die Alternative gestellt, entweder die Anstalt für den Zugang von Nichtbaycrn zu sperren oder durch Erweiterung Raum zu schaffen für die Umwandlung der bayerischen Lehrerbildungsanstalt in eine deutsche. Bereits im Jahre 1928 hat die Würzburger Anstalt ein 4300 qm großes Grundstück in freier und schönster Lage Würzburgs erworben. Die mit dem Verbände geführten Verhandlungen führten zu dem Ergebnis, daß die Organe des Verbandes in der Aschaffenburger Tagung vom Jahre 1929 beschloffen, für den Neubau eine Subvention von M. 20 000.—, ein Darlehen von M. 50 000.— zur Verfügung zu stellen. Im Sommer 1930 konnte mit dem Bau begonnen werden. Aus Rücksicht auf die vorhandenen Mittel war zunächst nur an die Ausführung des Schulneubaues zu denken, während der Bau des Schülerheimes und der Turnhalle späteren und wirtschaftlich beffercn Zeiten Vorbehalten bleibt. Der Entwurf für den Neubau stammt von der Architektenfirma Mayer & Klcinsteuber in Würzburg. Das Bild (Abb. 1) läßt erkennen, daß cs sich zunächst um einen Teilbau handelt, der nach Westen (linke Seite des Bildes) fortgesetzt werden soll. Auch das dahinter liegende ältere Nebengebäude ist in den Anstaltsbctrieb miteinbezogcn. Die Fcnsterwände, die für die Belichtung der Schulsäle maßgebend sind, liegen nach Osten und Süden. Die Fassade besteht aus Hartbrandstein. Obgleich ein reiner Zweckbau, macht er als ganzes mit den weißstrahlenden Fensterreihen einen harmonischen und freundlichen Eindruck auf den Beschauer. Die Konstruktion ist in Eisenbetonstühenbaucise durchgcführt, die die Ausnützung der Innenwände für eingebaute Schränke ermöglicht hat. Hierdurch ist eine wesentliche Raumersparnis und eine Einsparung an den Gesamtkosten erzielt worden. Zugleich wurde dadurch eine gute Schallisolierung der Schulsäle in horizontaler Richtung erreicht. ' _ . Das Gebäude umfaßt im Erdgeschoß und in den zwei Obergeschoffen sechs Schulzimmcr, einen 100 qm großen Studicrsaal, einen Zeichensaal, Physik- und Chemiesaal mit Vorbercitungszimmer, Musiksaal, fünf Musikübungszimmcr, Lehrmittclzimmcr. Bibliothek, Schreibzimmer. Direktorat und Lchrerziinincr. Küche und Speisesäle wurden in Rücksicht auf die Erleichterung in der Durchführung des Anstaltsbetriebcs provisorisch im gutbelichtcten Untergeschoß eingerichtet; dort ist außerdem auch die Zentralheizung untergebracht. Etwa 3000 qm freie Fläche werden zur Zeit als Spielplatz und Gartcnanlagen benutzt. Die Einweihung erfolgte unter Anwesenheit der staatlichen und städtischen Behörden, der Vertreter des bayerischen, preußischen und württcmbcrgischen Verbandes, zahlreicher bayerischer Kultusgcmeinden und sonstiger jüdischer und nichtjüdischer Korporationen. Herr Studiendirektor Stoll begrüßte die erschienenen Gäste, danke allen, die mitgeholfen haben das Werk zur Vollendung zu führen und gab einen Überblick über die Geschichte der Anstalten und des Neubaues. Die Weihcrede hielt nunmehr Herr Rabbiner Dr. Hanover. Cr bczeichnete den Tag der Eröffnung des neuen Gebäudes als einen Tag des Jubels und des Dankes gegen Gott, rief die Hilfe des Hrrn über das neue Haus und feine Schüler und Lehrer herab, bat die bisherigen Wohltäter um weitere Mithilfe trotz der Not der Zeit und gab seiner festen Zuversicht Ausdruck, daß das jüdische Volk die religiösen Gefahren der Zeit bannen und überwinden wird. Die neue Anstalt möge echte Religiosität und wahre Friedensliebe ausstrahlen und Gott möge dieses Vorhaben segnen. — Herr Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer als Präsident des Bayerischen Verbandes erzählte von dem Wachstum der Anstalt, der auch sieben Schülerinnen angchören, von der Bedeutung der Lehrerbildung für das Judentum im allgemeinen, von der Bedeutung der bayerischen Lehrerbildungsanstalt für die gesamte deutsche Judcnheit. im besonderen. Den Schülern legte er strengste Pflichterfüllung gegen sich und den Staat an Herz und skizzierte die sittlichen, religiösen und staatlichen Aufgabe der Schule zum Besten des deutschen Vaterlandes, und der bayerischen Heimat. Und dann kamen die Gratulanten in fast unübersehbarer Reihenfolge. Sie alle sagten, wie die beiden Vorredner, dem Herrn Studiendirektor Stoll herzlichen Dank und warme Anerkennung für sein verdienstvolles Wirken bei dem Neubau. Herr Oberregierungsrat Blaß überbrachte die Grüße und Glückwünsche der Staats- und Kreisregicrung, Herr Obcrbaurat Stummer die Glückwünsche der Stadt, des Oberbürgermeisters Dr. Löffler und des Stadtschulrates Walle und pries das Werk, das mit Wenigem gut und für die Zukunft wegweisend gebaut sei. Herr Justizrat Dr. Haas als Vertreter der Kultusgemeinde Würzburg sprach seine Genugtuung aus, daß die neue Anstalt gerade nach Würzburg, einer Stätte alter deutscher und jüdischer Kultur gekommen sei. Die Glückwünsche der bayerischen Rabbincrkonferenz überbrachte Herr Rabbiner Dr. Stein (Schweinfurt); er wünschte, daß aus der Schule reine Menschen mit wahrer Menschenliebe hcrvorgehcn; die Grüße der Lazarus-Ottensoser- Stiftung Höchberg, Höchberg, Herr Samuel Pfeuffer (Würzburg), die der außerbayerischcn Landesverbände Herr Justizrat Dr. Marxheimer (Wiesbaden). Die Verbundenheit der neuen Anstalt mit der staatlichen Lehrerbildungsanstalt durch das hohe Gut der Volksbildung betonte Herr Oberstudiendirektor Dr. Abb; ^r überbrachte gleichzeitig die Grüße und Glückwünsche der höheren Lehranstalten Würzburgs. Als Vertreter des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine sprach Herr Dr. Bamberger (Nürnberg), als Vertreter des Jüdischen Lehrervereins für Bayern Herr Hauptlehrer Rosenfeld (München) — er gab der Erwartung Ausdruck, daß bei der später zu erwartenden Akademisierung der bayerischen Lehrerbildung auch die jüdische Lehrerbildung nicht zurückstehe. — Alle Redner wünschten der Anstalt eine hohe Blüte für die Zukunft. Als Schülervertretcr sprach Herr S. Rosenbaum dem Direktor, den Lehrern, den Gästen und Rednern herzlichen Dank aus, den Direktor Stoll zum Schluffe auch auf den beim Neubau tätigen Bauausschuß und den langjährigen Leiter der Höchberger Präparandie, Herrn Steinhäuser, ausdehnte, wobei er alle Lehrkräfte der Anstalt als ausgezeichnete'Lehrer pries. Der feierliche Akt, der zweieinhalb Stunden gedauert hat, wurde durch den Schülerchor mit Mah tauwu cingeleitet und mit Halelujahgesang geschloffen.