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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-06-15 · 12 (15.6.1931) · p. Seite 179

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
12 (15.6.1931)
Article
Hochschulstudium der Juden in Deutschland
Date
1931-06-15
Page
Seite 179 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 179 Hochschulstudium der Juden in veutfchland „Jüdische Studentenseelsorge". Neueste Zahlen. Die Hochschulverwaltungen Deutschlands geben iin Verlag von Struppe und Winkler in Berlin umfangreiche Bände über die Frequenzbcwcgungen an den deutschen Hochschulen heraus. Die außerordentliche Bedeutung dieses Materials für die schwebenden bildungswirtschaftlichen und bildungspolitischen Fragen hat vor einiger Zeit der Münchener Pädagoge und Psycholog Aloys Fischer in einem grundsätzlichen Aufsatz (in den Mitteilungen des Verbandes der deutschen Hochschulen) erörtert und besonders sich über die Gründe des abnehmenden Ausländerbesuches unserer Hochschulen verbreitet. Zur jüdischen Hochschulstatistik sollen hier einige neueste Zahlen, die Herbert Philippsthal für die jüdische Telegraphen-Agentur ermittelt hat, mitgeteilt werden. Ein Rückgang des allgemeinen Studiums ist immer noch nicht festzustellcn. Man zählte im Wintersemester 1930/31 95 807 Studierende auf sämtlichen Reichsuniversitäten, d. h. 5064 mehr als im Wintersemester 1929/50. Unter ihnen befanden sich 4206 jüdischer Konzession oder 4,59 Prozent (im Wintersemester 1929/1950 5 824 oder 4,21 Prozent). Bei den Juden waren l 209 oder 29 Prozent weiblichen Geschlechts, bei den Studierenden überhaupt aber nur 18 Prozent. Man ersieht hieraus, daß die jüdische Frau in höherem Ausmaße die Universität besucht als die Frau nichtjüdischen Glaubens, wohl aus dem Grunde, weil die Heiratsmöglichkeiten der Jüdin geringer sind als bei der Gesamtbevölkerung. Von den studierenden Frauen waren 7 Prozent Jüdinnen (17 185 und 1 209). Die Zahl jüdischer Ausländer ist im Vergleich mit den reichsdeutschen Juden auf der Universität und den Ausländern überhaupt recht erheblich: 21 Prozent und 20 Prozent, d. h. 909 Reichsausländer jüdischer Konfession und 4 498 Reichsausländer überhaupt. Diese hohe Verhältniszahl war auch schon in der Vorkriegszeit in Deutschland zu konstatieren und rührte insbesondere aus der numerus clausus-Bestimmung des zaristischen Rußlands her. Aus welchen Ländern in der Nachkriegszeit vorwiegend die jüdischen Reichsausländer stammen, ist aus der Statistik nicht zu ersehen. Die Länder Osteuropas dürften auch heute vorwiegend das Kontingent jüdischer Studenten stellen. Was studieren nun die jüdischen Akademiker und Akademikerinnen'? Selbstverständlich die Fächer, die voraussichtlich die besten Existenzmöglichkeiten bieten. Dies sind aber auch heute Medizin und Rechtswissenschaft. Wer seine Praxis in der Provinz ausüben will, findet nach wie vor, auch als Jude, ein großes Betätigungsfeld. In dem juristischen Beruf macht sich in der Nachkriegszeit eine gewisse Verschlechterung infolge Überfüllung bemerkbar, dem Tüchtigen gewährt er aber noch immer eine auskömmliche Existenzgrundlage. An erster Stelle stand im Wintersemester 1950/1951 die allgemeine Medizin mit 1 567 jüdischen Studenten, unter ihnen 414 Frauen (50 Prozent). Die Zahl 1 567 erfährt dadurch eine Verminderung, daß in ihr die jüdischen Neichsausländer mit 509 enthalten sind. Es ist ja eine bekannte Tatsache, daß gerade der Ausländer eine hohe Meinung von der deutschen Medizin hat. Nicht mit Unrecht und zum Vorteil der deutschen Volkswirtschaft, denn er bleibt auch später ein Abnehmer deutscher Medikamente, deutscher medizinischer Instrumente. An zweiter Stelle stehen die Rechts- und Staatswissenschaften mit l 162, wobei erwähnenswert ist, daß das Frauenstudium mit 159 und das Ausländerstudium mit 152 zahlenmäßig kleiner ist als in der Medizin. Die Vertretung der Juden in der Zahnheilkunde steht mit 550 unter der Gesamtzahl jüdischer Studierender von 4 206 stark im Vor-, dcrgrund. Hieran sind die Frauen mit 54 Prozent und die Ausländer mit 26 Prozent beteiligt. Die Volks- und Betriebswirtschaftslehre zeigt noch immer die hohe Zahl von 277 Studenten jüdischer Konfession, was im Hinblick auf die Wirtschaftslage schwer zu verstehen ist. Die Arbeitslosigkeit ist unter dieser Berufsgruppe außerordentlich. Unter den Studierenden an den technischen Hochschulen des Reiches bilden die Juden nur 2,54 Prozent, nämlich 556 unter 25 749. Im Vergleich mit dem Wintersemester 1929/1950 ist sogar ein relativer Rückgang (547 unter 22 650 oder 2,42 Prozent) zu konstatieren. Daß die Frau auf der technischen Hochschule stark in den Hintergrund tritt, braucht wohl nicht weiter dargelegt zu werden. Dagegen ist der jüdische Neichsausländer im Vergleich mit den jüdischen Studierenden in hoher Zahl vorhanden. Von 556 sind 295 Ausländer. Sie bilden also 55 Prozent, von den Ausländern überhaupt 15 Prozent. Nach Studienfächern geordnet kommt zuerst die Elektrotechnik mit 159 (2 Frauen und 79 Ausländer); es folgen das Maschineningenieurwesen mit 100 (darunter 46 Ausländer, keine jüdische Frau), Chemie mit 85 (6 Frauen und 61 Ausländer), Architektur mit 75 (16 Frauen und 27 Ausländer) und das Bauingenieurwesen mit 58 Studierenden jüdischer Konfession (2 Frauen und 54 Ausländer). Während die landwirtschaftlichen, tierärztlichen, forstwirtschaftlichen Hochschulen und die Bergbauakademien nur einen ganz geringen Prozentsatz Juden aufweisen (die forstwirtschaftlichen Hochschulen in Cberswalde und Hannoversch.Minden sind ohne Juden), kommt den Handelshochschulen eine größere Bedeutrmg für das deutsche Judentum zu, obgleich auch auf ihnen das jüdische Clement zahlenmäßig nicht sehr zur Geltung gelangt, wenn man erfährt, daß unter 5 954 Handelshochschülern in Berlin, Königsberg, Nürnberg, Leipzig und Mannheim 150 Juden oder 4 Prozent im Wintersemester 1930/1931 gezählt wurden. Interessant und vielleicht für das innere jüdische Leben von guten nachhaltigen Folgen ist der eben in Berlin begonnene Versuch einer „Jüdischen Studentenseelsorge". Man stoße sich zunächst nicht an den wenig glücklichen Namen der Einrichtung. Die „Jta (Jüdische Telegraphen- Agentur) berichtet über die erste Veranstaltung in Berlin: Am 5. Juni abends 8.50 Uhr fand im Hörsaal der Berliner Universität die erste Veranstaltung der jüdischen Studentenseelsorge statt. Es hatten sich zu diesem Abend etwa 550 Studenten und Studentinnen versammelt. Einleitend wies Herr Rabbiner Dr. Prinz, der von der Gemeinde auf Grund vorhergegangener Beratungen mit dem Allgemeinen Deutschen Rabbinerverband und der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden zum Studentenseelsorger bestellt worden war, auf den Unterschied zwischen jüdischer und christlicher Studentenseelsorge hin. Die jüdische Studentenseelsorge müsse zwar eine religiöse Aufgabe sein, aber sie könne sich nicht auf die religiöse Erfassung der Studenten beschränken, sondern müsse die Anteilnahme der gesamten jüdischen Studentenschaft an allen jüdischen Fragen wecken. Allmonatliche größere Veranstaltungen sollen die Studentenschaft zusammenführen. Kleinere Debattenabende, Kurse, Aussprachen usw. werden sich anfügen. Allmonatlich einmal soll in den Räumen der Universität ein jüdischer Studentenabend stattfinden. Der nächste Abend, der Anfang Juli anberaumt werden wird, soll das Thema haben: „Der Gebildete und die religiöse Krisis der Gegenwart". Dr. Prinz schloß mit einem Aufruf an die Studentenschaft, ihm bei seiner Arbeit zu helfen. Im Aufträge des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde ergriff sodann der Gemeindevorsitzende Direktor Georg Kareski das Wort und wies darauf hin, daß die Initiative für die Studentenseelsorge von der Gemeinde ergriffen worden sei. Cr gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Studentenseelsorge den Weg von der Studentenschaft zur jüdischen Gemeinde und damit auch zum übrigen nichtakademischen Teil der jüdischen Bevölkerung bahnen werde. Das Thema des Abends bildete ein Bericht über die Studentenkonferenz in Nyon. Es referierten die Herren Min.-Dir. Dr. Badt und Dr. Friedrich Brodnitz recht ausführlich über die Vorgeschichte der Konferenz und über die dort gehaltenen Referate. In beiden Referaten kam die Meinung zum Ausdruck, daß eine möglichst einhellige jüdische Meinung in der Frage der Haltung zu den in Nyon angeschnittenen Problemen erzielt werden müßte, und daß die durch die Studentenseelsorge geschaffene akademische Tribüne einen Weg zur Klärung in diesen Dingen darstelle. Soweit der Bericht der „Jta"! Zu der Studentenkonferenz in Nyon, die auch in den jüdischen Blättern vielfach erörtert wurde, veröffentlicht soeben der judengegncrische Hauptredner Wilhelm Stapel, der Herausgeber der Zeitschrift „Deutsches Volkstum", den Gedankengang seines zweistündigen Vortrages in Nyon unter dem Titel „Die Rolle der Juden im politischen Leben der Gegenwart" („Der Ring", Jahrgang 1951, Heft 22 vom 50. Mai). Die Forderung Stapels „klare Fronten und gute ehrenhafte Waffen" ist gewiß freudig zu begrüßen. Aber das Studium der langen sehr belesenen und geistreichen Rede zeigt, daß der viel gescholtene „Intellektualismus", das Literatenhafte, Abstrakte, Papierene, das den Juden so oft vorgeworfen wird, hier in erschreckendem Maße die lebendige Anschauung und die warme bei aller geistigen Zucht unentbehrliche Menschlichkeit zurückgedrängt hat. Wenig, sehr wenig Hoffnung auf Verständigung mit diesem Gegner! F.

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