Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 12 (15.6.1931)
- Article
- Die Pfingsttagungen der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und der Soncino-Gesellschaft
- Date
- 1931-06-15
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2727810-2727925-2727937-2740528--07748-2740597- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
178 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 Die zweite Phase ist in Rom durch den Widerstand des älteren Cato gegen die Graeculi gekennzeichnet, in Palästina durch den heroischen Kampf der Makkabäer gegen die syrischen Hellenisten. Hier wie dort waren nicht die Höchstwerte des Griechentums, nicht die Lehren eines Plato und Aristoteles wirksam, sondern die Schattenseiten der hellenischen Lebensform. Hier wie dort zersetzten Luxus und Nacktkultur, stch überlegen gebärender Spott und sophistischer Rationalismus die volkstümlichen, historisch gewachsenen religiösen und sittlichen Grundlagen, das römische wie das jüdische Dolksgesetz, zugunsten eines aus dem Geiste des Individuums geborenen „ungeschriebenen Gesetzes" von allgemein menschlicher Färbung. Hätte diese Einwirkung sich restlos durchgesetzt, so wäre das römische wie das jüdische Volkstum mit ihren aus dem Nationalen ins Allmenschliche vorstoßenden Idealen zu Grunde gegangen. Die dritte Phase findet ihren Ausdruck in der sittlichen Erneuerungsbewegung der römischen Stoiker, wie in dem philosophischen Cthizismus des Juden Philo, hier aber in den Fortwirkungcn über die mittelalterliche Philosophie hinaus bis in unsere Zeit der Mendelssohn und Hermann Cohen reichend. Ihr Signum ist, statt Selbstaufgabe von RömerMm und Iudenmm, hier wie dort Stärkung der eigenen sittlichen Welt durch rattonalc Unterbauung und durch Befruchtung mit hellenistischer Weltweisheit. In Rom ist das Produkt dieses Prozesses die Sublimierung der alttömischen Mannhaftigkeit (virtus) zur humanitas, die als Humanitätsidcal im 18. Jahrhundert wiedercrsteht; im Iudenmm die Stützung des religiösen Gefühls durch die festgcgründete Glaubensüberzeugung (Emunah) und die Steigerung der Verpflichtung des alten Bundes (Brith) empor zu philosophisch fundierter Menschheitssendung. Die neue jüdische Wissenschaft steht bewußt im Dienste dieser noch fortwirkenden Durchdringung von jüdischem Grundwert mit griechischen Denk- und Forschungsmethoden. Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums ist in solchem Sinne ein wertvolles Instrument kulturellen Aufstiegs, in dem unser Jüdisches immer jüdischer wird, zugleich sich im Allmenschlichen vollendend. 2. Die Tagung der Soncino-Gesellschaft. Die Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches veranstaltete ihre diesjährige Tagung in Frankfurt a. M. In Erfüllung ihres Programms, das die Förderung und Pflege des schönen und guten jüdischen Buches, sowie die Verbreitung von Kenntnissen und die Anregung zu Forschungen über jüdische Buchkunde umfaßt, bildete den Mittelpunkt der Tagung ein im Lesesaal der Stadtbibliothek veranstalteter öffeytlicher Festakt, der dem Buche, des IudenMms gewidmet war. In seiner einleitenden Ansprache begrüßte der Direktor der Stadtbibliothek Professor Dr. Oehler die Erschienenen. Er betonte den Wert und die BedeuMng der Hebraica-Sammlung des ihm unterstellten InstiMtes und wies auf die schweren Gefahren hin, die der allgemeinen Kultur drohen, wenn durch die Not der Zeit eine weitere Drosselung der den Bibliotheken zur Verfügung stehenden Etats vorgnommen werden sollte. Herr Iustizrat Dr. Baerwald im Namen der Israelitischen Gemeinde und Herr Jakob Rosenheim im Namen der Israelitischen Religionsgesellschaft richteten Begrüßungsworte an die Gesellschaft. Sie hoben die hohe BedeuMng hervor, die das jüdische Buch, insbesondere auch für die Erhalmng jüdischer Religion und jüdischer Eigenart in allen Zeiten gehabt habe. Alsdann sprach der Vorsitzende der Gesellschaft, Professor Dr. Heinrich Loewe (Berlin), über „Die Juden als das Volk des Buches". Er zeigte, daß das Buch vom Urbeginn an Wesen und Eigenart des jüdischen Volkes bestimmt habe, und legte die Bedeutung seiner buchkünstlerischen Durchdringung im Sinne der Bestrebungen der Gesellschaft dar. Professor Dr. Freimann (Frankfurt) gab in seinem Festvortrag „Die Illustration im hebräischen Buch der Frühzeit" einen Überblick über die Entstehung des hebräischen Buches. Nach eingehenden Darlegungen über das Wesen der hebräischen Handschriftenillustration und über den Anteil von Juden an ihrer Herstellung verfolgte er in seinen gehalwollen Ausführungen die Geschichte der Illustration in den Zeiten des Buchdrucks. Die anschließend eröffnete Ausstellung: „Das illustrierte hebräische Buch bis zum Ende des. 17. Jahrhunderts" bot eine Menge auserlesener Schätze. Neben reich in Gold und Farben ausgeführten Handschriften wurden die besonders seltenen Erzeugnisse der hebräischen Presse aus den Anfängen der Buchdruckerkunst, die sogenannten Inkunabeln, in staunenswert frischen und gut erhaltenen Exemplaren gezeigt. Zahlreiche Bücher, von denen nur noch ganz wenige Exemplare erhalten geblieben sind, waren zusammengetragen, um die Darlegungen des Festvorttages zu erläutern. Die gehalwolle Kundgebung hinterließ auf die zahlreich erschienenen Teilnehmer, die den großen Lesesaal bis auf den letzten Platz füllten, einen riesen Eindruck und warb zahlreiche neue Freunde für das jüdische Buch. Der im Anschluß an die Tagung begründeten Frankfurter Ortsgruppe der Soncino-Gesellschaft gelang cs, zahlreiche neue Mitglieder aufzunehmen. Am Vortage der Tagung fand eine Bcsichttgung der Alter, tümcr in Worms statt, wo Herr Rabbiner Dr. Holzer und Herr Redakteur Tschirner den Erschienenen die erforderlichen Einführungen in vorbildlich knapper und dabei erschöpfender Weise boten. Die Frankfurter Sammler führten den auswärtigen Teilnehmern ihre Schätze vor. Besondere Erwähnung verdient die Einladung des Freiherrn Max von Goldschmidt-Rothschild. Der im 86. Lebensjahre stehende Sammler ließ es sich nicht nehmen, seine Gäste persönlich durch sein Haus zu führen und ihnen über jedes einzelne Stück seiner in 6Ojähriger Sammlcrtättgkeit zusammengetragenen Kunstwerke ausführliche Erklärungen abzugeben. Einige auswärtige Herren, die am folgenden Abend einer Einladung des Herrn Notar Dr. Guggenheim nach Offenbach Folge leisteten sahen dort das fast vollständige Werk der weltberühmten Offcnbacher Werkstätten, aus denen unter Leitung von Rudolf Koch zahlreiche zum jüdischen Sakralgebrauch bestimmte Kunstgegenstände und Handschriften hervorgegangcn sind. Beim Vorstande wurde angeregt, künftig derartige Tagungen auch in anderen jüdischen Zentren zu veranstalten, um auch dort dem jüdischen Buch neue Freunde zu werben. In den Zentralvorstand wurde u. a. Herr Iustizrat Elias Straus (München) neu hinzugcwählt. Moderne Synagogenbaukunst Plauener Synagoge (Blick auf die Estrade) UM In dem Aufsatz von Architekt Fritz Landauer in der Nummer!O der Gemeindezeitung war das 4. Bild der Plauener Synagoge (Blick auf die Estrade) versehentlich auf den Kopf gestellt. Wir geben das Bild hier noch einmal in der richttgen Stellung wieder.