Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 11 (1.6.1931)
- Article
- Die deutsche Akademie nimmt die wissenschaftliche Erforschung des "Jiddischen" auf
- Date
- 1931-06-01
- Page
- Seite 168 (sequence 1)
- Language
- German
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168 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 Die Deutsche flhaöemie nimmt die wissenschaftliche Erforschung des „Jiddischen" aut Der Name „Ji d d i s ch" hat sich nach dem englischen Wort „Yiddish" im Laufe der beiden letzten Jahrzehnte im Deutschen eingebürgert. Früher sagte man „Jargon", noch älter ist die Bezeichnung „Judendeutsch". Die Bedeutung dieses eigentümlichen Dialekts für die Ausbildung der ehemaligen jüdischen Eigenkultur wird nur von der Bedeutung des Hebräischen übertroffen. Im Deutschen längst verschwundenes Sprachgut lebt im „Jiddischen" bis heute weiter. Die Deutsche Akademie, die Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und zur Pflege des Deutschtums, veröffentlicht soeben (1931) einen Programmentwurf für die „Jiddische Abteilung des Nahsprachen- JnstiMts", verfaßt von Dr. Salomo Birnbaum, Lektor für Jiddisch an der Universität in Hamburg. Dr. Birnbaum umreißt die Stellung der jiddischen Sprache in der jüdischen Welt und in der nichtjüdischen Umwelt und gibt dann einige Bemerkungen über das Programm der ausgebaut gedachten „Jiddischen Abteilung des Nahsprachen-Jnstituts". Die Arbeit gliedert sich in drei Teile, die etwa als Mittler-, Forschungs¬ und Lehrtätigkeit zu bezeichnen wären. Das Gebiet der Mittlerarbeit wird im Anfang im Vordergrund stehen. Hierher gehört die laufende Veröffentlichung von Berichten über innerjüdische Zustände und Vorgänge. Die kulturelle Stellung des Jiddischen in verschiedenen Ländern ist regelmäßig zu schildern. Dabei kommen in Betracht genaue Darstellungen des jiddischen Schul- und Bildungswesens mit aufmerksamer Beobachtung der jüdischen und nichtjüdischen Stellen, wo es vernachlässigt wird. Die politische Lage des Jiddischen in den verschiedenen Staaten mit ostjüdischer Siedlung wird dauernd ebenso reichen Stoff für Berichterstattung bieten, wie die innerjüdische Konstellation, in der es sich befindet. Hierher gehören auch laufende Referate über philologische Arbeit, die in jiddischer Sprache geleistet wird. Besonders bedeutsam ist endlich die Herausgabe jiddischer Bücher in Umschrift. Das Institut könnte eine jiddische Antiqua-Bibliothek ins Leben rufen. Die philologische Arbeit bildet den zweiten Hauptzweig der Tätigkeit des Institutes. Die Wichtigkeit dieses Zweiges gilt besonders in der Gegenwart, wo Jiddisch keine Pflege an den deutschen Universitäten findet, sowie in der nächsten Zukunft. Aber auch später wird die Forschung nicht vernachlässigt werden dürfen, um die Berücksichtigung des Nahsprachlichen zu gewährleisten. Die Schaffung eines Wörterbuches des Jiddischen ist von großer Wichtigkeit und würde auch ein wachsendes praktisches Bedürfnis befriedigen. In zweiter Linie kommt die Bearbeitung einer größeren siddischen Grammatik, sowohl einer historischen, als auch einer der heutigen Sprache. Wissenschaftlich ebenso bedeutsam wäre ein etymologisches Wörterbuch. Eine literaturgeschichtliche Kommission, die eine allgemeine Literaturgeschichte, sowie Werke über einzelne Perioden und sonstige Monographien herausbrächte, fände breites Interesse. Im Anschluß daran fände die Geschichte des jiddischen Theaters und die Verfolgung seiner gegenwärtigen Produktion ihren Platz. Ein großes Desiderat sind der Druck und die Herausgabe jiddischer Quellenwerke. Diesen Unternehmungen hätte sich ein weites Feld von Einzeluntersuchungen über wichtige Probleme der jiddischen Sprache und Literatur in Gegenwart und Vergangenheit anzuschließen; Untersuchungen zur Geschichte, zur äußeren Gliederung, zur inneren Gliederung der Sprache, zur Grammatik. Auch das Gebiet der L eh rar beit darf nicht vernachlässigt werden. Die Lehrarbeit hätte in einen mehr praktischen und einen wissenschaftlichen Teil zu zerfallen. Zu schaffen sind Lesebücher, die auf gegenüberstehenden Seiten jiddischen Text und seine Umschrift in Antiqua zu bringen hätten, ferner solche, die jiddische Übersetzungen deutscher Originale in Umschrift bieten, schließlich eine Verbindung beider Arten. Es steht zu hoffen, schließt Birnbaum, daß die Bearbeitung dieses flüchtig umrissenen Programms bald im Nahmen des zu gründenden Nahsprachen-Jnstituts in Angriff genommen werden kann. Es handelt sich um ein Äußerst bemerkenswertes und bedeutendes Werk, das sich durchsetzen muß und durchsetzen wird. 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