Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 11 (1.6.1931)
- Article
- Von der Eignung der hebräischen Sprache zum Philosophieren [Rezension]
- Date
- 1931-06-01
- Page
- Seite 167 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 167 man neue Worte erfinden. Dazu sind auch alle anderen Sprachen genötigt; nur daß im Hebräischen auf einmal nachgeholt werden mußte, wozu dort Jahrhunderte Muße zürn sorgfältigen und langsamen Wortbilden gegeben hatten. Das eigentliche Problem sind nicht die neuen Dinge, sondern die neuen Begriffe. Ist es nicht so, daß die Seelenlage des antiken Hebräers gänzlich anders war wie die unsrige? Kann es gelingen, eine Sprache unserer Denkart gefügig zu machen, die andere Voraussetzungen hat, sich andere Ziele setzt und vollkommen verschiedene Wege einschlägt? Das deutlichste Beispiel für das Gemeinte bietet die Philosophie. Die Bibel enthält die tiefsten Gedanken, aber sie philosophiert nicht. Sie führt keine Beweise, sie zieht keine gedanklichen Schlüsse, sie erstrebt keine systematische Vollständigkeit und keine logische Geschlossenheit. Das Philosophieren haben die Griechen erfunden. Wie kann man nun aus Hebräisch philosophieren, in der Sprache, die sich durch die Bibel und an der Bibel gebildet hat? Diese Frage ist allerdings nicht erst in unseren Tagen in der Renaissancebewegung des Neuhebräischen aufgetaucht, sondern schon im Mittelalter, als es nämlich zum ersten Male jüdische Philosophen gab. Diese Philosophen schrieben (und dachten) freilich alle nicht hebräisch, sondern in der damaligen Kultursprache, dem Arabischen. Aber erstens war das Problem für das arabische fast das gleiche; denn auch die Araber waren von Hause aus ein unphilosophisches Volk. Und zweitens wurden die arabischen Werke dieser jüdischen Philosophen schon bald ins Hebräische übersetzt. Also scheint doch damals die Frage schon gelöst worden zu sein? und ein modernes Philosophieren könnte auf dem weiterbauen, was diese mittelalterlichen Übersetzer und Philosophen an philosophischer Ausdrucksmöglichkeit im Hebräischen geschaffen haben? Cs wird jedem Kenner und Liebhaber der biblischen, hebräischen Sprache schwer, mit einem Ja zu antworten, gerade wenn er jetzt durch ein großartiges Unternehmen in die Lage versetzt ist, das Problem im vollen Umfang zu überblicken: durch den hebräisch geschriebenen Thesaurus Philosophicus linguae Hebraicae et veteris et recentioris von Jacob Klatzkin, von dessen vier geplanten Bänden bereits drei vom Cschkolverlag in glänzender Ausstattung vorgelegt worden sind (seit dem dritten Band wirkt M. Zobel als Mitarbeiter). In diesem Buche entfaltet sich vor uns der ganze Wortschatz des bisherigen philosophischen Schrifttums in hebräischer Sprache. Jeder Ausdruck ist erläutert und präzise ins Deutsche übersetzt und mit reichlichen Zitaten, auch aus der karäischen Literatur für seine Anwendung belegt. Dabei ist das Gebiet der Philosophie ganz weit gefaßt worden, so daß auch die hebräischen Bezeichnungen der Mathematik, der Astronomie und anderer Naturwissenschaften einbezogen worden sind. Dieses Buch stellt sich eine praktische Ausgabe: es will das Studium der Quellenwerke hebräischer Philosophen erleichtern, die oft sprachlich größere Schwierigkeiten bieten als inhaltlich; es will die Möglichkeiten der hebräischen Sprache erweitern, hauptsächlich durch Wiederbelebung vergessener Termini, aber auch durch eigene Neubildungen. Cs soll in seinem letzten Bande Jndices in deutscher und englischer Sprache für den Gebrauch von Übersetzern enthalten. Diese praktischen Ziele werden erreicht, wie es bei einem Hebraisten und Philosophen wie Klatzkin zu erwarten war, dem Übersetzer von Spinoza's Ethik und antiker Philosophen ins Hebräische, dem Verfasser geistvoller hebräischer Essays, dem Darsteller der Philosophie Spinoza's und Hermann Cohen's in der altneuen Vätersprache. Aber darüber hinaus eröffnet dieses Werk die Aussicht in große, fast unbekannte Arbeitsfelder: in die Sprachgeschichte und Sprachkritik des philosophischen Hebräisch. Die Sprachgeschichte: Die Ausdrücke der hebräischen Philosophie sind fast nicht zu verstehen, wenn man nicht weiß, wie sie entstanden sind, nämlich meistens in engster Anlehnung an arabischen Sprachgebrauch. Eigentlich kann man diese hebräischen Übersetzungen nur lesen, wenn man sie nicht braucht, nämlich wenn man das arabische Original zu Hilfe nehmen kann. Und im Arabischen selbst wieder handelt es sich meistens um Lehnübersetzungen im Sinne Fritz Mauthners aus dem Griechischen, d. h. Verwendung eines Wortes in einem ganz anderen Sinne, als es ihn bisher in dieser Sprache hatte nach dem Vorbild jener anderen Sprache. Welcher Semit, Araber oder Jude kannte den Begriff, den das Griechische mit dem Worte Logos verbindet, das im Griechischen auch „Wort" heißt, weiter aber „Geist", „Vernunft", „Denken". Nun wurden alle diese Bedeutungen auch dem arabischen und hebräischen Ausdruck für „Wort" aufgepackt, jedem Semiten zunächst unverständlich. Freilich durch Einübung können Worte Gemeinsprache werden. Vergessen wir nicht, daß auch im Deutschen unzähligemal sich der gleiche Vorgang abgespielt hat, z. B. „Entwicklung" oder „Gegenstand", „Unterbrechung" oder „Wahrscheinlichkeit" sind nichts als gut eingebürgerte Lehnübersetzungen aus dem Lateinischen (nach Mauthner). Nächst dem Studium der Geschichte dieser Ausdrücke käme die Kritik an ihrer Bildung. Aber vielleicht ist hier das einzig richtige Kriterium der Erfolg. Hat sich ein Wort durchgesetzt, so nützt alles Gezeter der Sprachrichter und Puristen nichts. Und doch sind solche sprachrichtende Urteile und Aburteile schwer zu unterdrücken. Wie grausam wird ein Ohr, das an das Hebräisch der Bibel gewöhnt ist, berührt von Worten, die im Deutschen'mit Wieheit (für Qualität), Diesheit (für Identität) nachgczeichnet werden könnten, von denen aber noch weiter abgeleitet wird: wieheitlich usw. Anderes ist dafür geschickt und geistreich verwandt oder weitergebildet und glücklich erfunden, z. B. das hebräische Sefira für Sphäre; das hebräische Wort für „Wurzel" für Prinzip. Oft steckt in einem Worte eine ganze Ideengeschichte, etwa im Worte für Glauben, das in der Bibel nur Treue oder Wahrhaftigkeit bedeutet und eine Lehnübersetzung des griechischen Pistis ist. Am aufrichtigsten ist die Übernahme von Fremdworten für fremde Begriffe; damit ist die hebräische Philosophie ziemlich sparsam gewesen; bezeichnend ist aber, daß sie gerade das Wort „Philosophie" mit allen seinen Ableitungen unverändert übernommen hat. Eignet sich die hebräische Sprache zum Philosophieren? Diese Frage kann heute noch nicht beantwortet werden, denn sie ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem großen Problem unserer Tage: ist eine eigene jüdische Kultur möglich? Weder Hoffnungen noch Antipathien vermögen. Tatsachenfragen zu entscheiden. Freilich Hoffnung ist eine schöpferische Kraft und hat schon oft das Unmögliche verwirklicht. lüdifcke Weisheit im Meph-velh Die Ausführungen von Herrn Rabbiner Dr. Jacob werden ergänzt durch die folgenden wichtigen Bemerkungen, die uns Herr Dr. Ernst Simon über Klatzkins Thesaurus aus Haifa sendet: Im Verlag der großen Enzyklopädia Judaica, dem Verlage Cschkol, Berlin, erscheint ein zweites, weniger umfangreiches, aber kaum weniger gewichtiges Werk, das gleichfalls Jacob Klatzkin zum Initiator und Hauptverfasser (Dr. M. N. Zobel zum wichtigen Helfer) hat: das Lexikon der hebräischen philosophischen Terminologie. Drei Bände liegen vor, beginnend bei: „Aw", dem Vater des Grundprinzips allen Lebens und aller Philosophie, und vorläufig, im dritten Bande, schließend bei: „Keschet", dem Bogen des Bundes. Ein vierter Band wird bis zum letzten Buchstaben des hebräischen Alphabetes führen. Jacob Klatzkin erzählt im Vorwort zum ersten Bande, wie er dazu kam, dieses Werk zu schaffen, nämlich: nebenbei! Im Verlaufe seiner eigenen philosophischen Verfasser- und übersetzerarbeit — er hat ja bekanntlich M. G. Spinozas „Ethik" in vorbildliches Hebräisch übertragen und schon damals eine Liste der wichtigsten Termini beigegeben — hat sich ihm so viel lerikographisches Abfallprodukt angesammelt, daß er es allmählich zu einem systematischen Werke auszugestalten beschloß. Man darf sagen, daß gerade ein philosophisches Lexikon wohl auf keinem anderen Wege zustande kommen darf als gerade auf diesem. Die philosophische Literatur unseres Mittelalters ist so außerordentlich reich und in ihrem sprachlichen Ausdruck, gerade auch dadurch, daß es sich zum großen Teil um spätere (oft mehrere) Übersetzungen arabischer Originale handelt, so außerordentlich kompliziert und differenziert, daß man ihren Wortschatz nur heben kann, wenn man nicht ihn, sondern ihren Inhalt zu suchen ausgezogen ist. Und es ist nun überaus belehrend, die Früchte dieser Ernte in so bequemer und schöner Form vor sich aufgestapelt zu sehen. Eigentlich birgt jeder einzelne Artikel eine kurze Geschichte der gesamten jüdischen Philosophie in sich, da der Weg des hebräischen Wortes durch die Zeiten an Hand ausgedehnter Literatur nachgewiesen wird und dieses Lexikon so zugleich in gewisser Weise die Aufgabe einer Anthologie der jüdischen Religionsphilosophie erfüllt. Es ist hier nicht möglich, Einzelbeispiele zu geben. Doch soll auch in einer allgemeinen und nicht gelehrten Interessen dienenden Zeitschrift wie dieser der Hinweis darauf nicht fehlen, daß derartige Werke in unseren heutigen jüdischen Zeiten entstehen, damit der Anreiz nicht fehle, sie durch Kauf und Verbreitung zu fördern. Wenn auch die ältere Generation, mit Ausnahme ihrer Rabbinen und Gelehrten, im allgemeinen kaum in der Lage sein wird, ein solches Buch zu benutzen, so wächst doch heute, gerade in Deutschland, eine Jugend heran, für die jene Fragen wieder fragwürdig und ihre Sprache wieder sprechbar und verständlich geworden ist. Daß sie heranwächst, dafür ist Klatzkins Buch zugleich ein Symptom und ein förderndes Moment. Dr. Ernst Simon