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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-06-01 · 11 (1.6.1931) · p. Seite 165

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
11 (1.6.1931)
Article
Vom Schicksal der hebräischen Sprache
Date
1931-06-01
Page
Seite 165 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 165 gen der Juden durch ihr schönes Hebräisch hindurch nachfühlen, welche sprachlichen Eigenheiten den Dichtern in der Umgangssprache des Landes vertraut waren, in denen sie lebten. Cs ist also gar nicht verwunderlich, wenn das moderne, gesprochene und geschriebene Hebräisch, jedes freilich in anderer Art, von den Sprachen mit abhängig ist, die es umgeben. Die Syntax und der Stil europäischer Sprachen hat auf die Gestaltung des lebendigen, modernen Hebräisch in Rede und Literatur stark eingewirkt. Besonders das Deutsche hat durch Vermittlung des Jiddischen einen bestimmenden Einfluß auf die Gestaltung der neuhebräischen Sprache. Das Jiddische mehr auf die gesprochene Sprache, das Hochdeutsche auf die Sprache der Gelehrten und Schriftsteller. Aber es gibt auch polnische und erst recht rustische Spuren. Bei den mogrebinischen, jemenischen und szefaradischen Juden des Orients merkt man die Fäden, die das Arabische, vor allem aber die verschiedenen arabischen Judendialekte, in das hebräische Sprachgewebe eingewirkt haben. Das palästinische Hebräisch ist als gesprochene Sprache noch ganz jung. Nicht daß jemals das Hebräische aufgehört hat, auch gesprochen zu werden. Schon, daß die szefaradischen- Juden des Orients es immer für eine besonders fromme Pflicht hielten, am Sabbath in ihren Häusern sich der heiligen Sprache zu bedienen, hat ihr ein Leben erhalten. Aber sie hat überhaupt niemals ganz aufgehört, in Palästina das Verständigungsmittel zwischen den verschiedenen Judenstämmen zu sein. Jedoch als allgemein gesprochene Sprache, als nationale Umgangssprache mit politischen Ansprüchen ist sie doch wieder ganz jung. Wir haben als junge Menschen in Crez-Jsrael ganz bewußt daran gearbeitet, die Möglichkeiten einer allgemeinen hebräischen Umgangs- und Familiensprache in uns selbst zu schaffen. Der „Schöpfer" dieser Sprache Clieser Ben-Jehouda ist — nicht gar so alt — erst vor wenigen Jahren gestorben. Darum ist aber das Hebräische in voller jugendlicher Entwicklung begriffen. Das Hebräische ist in den letzten zehn Jahren mehr gewachsen als in vielen Jahrhunderten. Die Sprache ist wieder beweglich geworden. Sie befindet sich in einem vollen Fluße. Der alte Reichtum der Sprache, wie er in den Schätzen von Bibel und Talmud, in den Midraschim und in der ganzen großen mittelalterlichen und auch neuzeitlichen Literatur vorliegt, wird gehoben. Dazu kommt, daß das neue politische und wirtschaftliche, technische und geistige Leben in jedem Augenblicke neue Wörter und Begriffe, neue Verbindungen und neue sprachliche Beziehungen schafft. Diese Sprache ist daher gleich von vornherein ungeheuer reich, wenn auch im Munde der Einwanderer vielfach arm. Dazu kommt, daß die Sprache durch die Neuankömmlinge verballhornt wird. Wie oft übertragen sie ganz mechanisch Germanismen und Rustismen, erst aber Jiddischismcn in das von ihnen angenommene Hebräisch. Daher die immer wiederkehrende Klage über die „Jargomsierung" der Sprache in Palästina. Diese Klage ist unangebracht. Denn gerade darin äußert sich das Leben, daß von außen immer neue Elemente in die Sprache cindringen. Wollte man aus dem deutschen die lateinischen Elemente entfernen, so rnüßte man rund ein Drittel aller Wörter hinauswerfen, und einen großen Teil aller Syntax und des Stiles abzuschaffcn versuchen. Das ist ja gerade das Lebendige im Hebräischen, daß es aus allen diesen Quellen neue Nahrung hernimmt, daß es aber die volle Lebenskraft hat, sich nicht in diese fremden Elemente zu verlieren, sondern sie zu Eigenem umzuarbciten und umzuschaffen, so daß es Blut von seinem Blut und Geist von seinem Geiste wird. Diese fremden Elemente werden als Nahrungsmittel und als Fermente assimiliert und helfen den organisch gesunden Baum aufzubauen, der aus den uralten Wurzeln des lebendigen Hebräisch emporschießt. Denn letzten Endes steht am Anfänge aller hebräischen Entwicklung doch die Sprache der Bibel, die in sich auch durchaus nicht gleichmäßig, durchaus nicht ohne Unterschiede ist, durch die aber ein einheitlicher Geist hindurchweht, der von so ungeheurer nationaler und Kulturkraft ist, daß alles neue Hebräisch trotz aller Neubildungen und Neuschöpfungen, trotz aller Mischungen und Assimilationen, in engem Zusammenhangs mit dem Geiste und der Sprache der Bibel bleibt. Dieser historische Zusammenhang/— das ist das wahrhaft Nationale im Judentume und in seiner Sprache. Das neue Hebräische nimmt zu, wie es seit der Eroberung Palästinas zu den Zeiten unseres Josua niemals gewachsen ist. Cs lebt und breitet sich aus. Cs weitet sich und wird reich. Aber es bleibt immer im Zusammenhänge mit der Sprache der Bibel, deren unverkennbare Züge auf seinem Antlik beweisen, daß es ein echter Abkömmling dieses erlauchten Vorfahren ist. vie hebräiscke Kulturbewegung in Deutschland Von Dr. Simon Rawidowicz (Berlin) Vorbemerkung der Schriftleitung: Simon Rawidowicz, der vorzügliche Herausgeber des siebenten Bandes der großen Mendelssohn-Jubiläumsausgabe, schien der berufenste Kenner dieses Themas. Cr hat mit dieser umsichtigen Edition mit ihren klärenden Einleitungen, die eigene wissenschaftliche Monographien von besonderem Rang darstellen, besonders aber mit seinem jüngsten Hauptwerk über Ludwig Feuerbach gezeigt, daß die — freilich unentbehrlichen — Methoden der modernen europäischen Geisteswissenschaft, angewandt auf eine nur im jüdischen Osten erlangbare Fülle jüdischen und hebräischen Wissensstoffes die denkbar günstigste Disposition für echte Kennerschaft so schwieriger Fragen schafft. Was diesen Autor der Schriftleitung für eine Einladung diesen Aufsatz zu schreiben, besonders empfahl, war sein maßvolles und ohne die häufig beobachtete Übertreibung abgegebenes Urteil über die junghebräische Literatur, über ihre noch lange nicht erreichte Fähigkeit, die geistigen Brdürfnisse des kulturellen Menschen zu befriedigen; dieses sehr fein abgewogene Urteil ist in der Monatsschrift „Der Jude" (besonders 6. Jahrgang, 1922, S. 324 ff.) enthalten. Die Wiege des modernen hebräisch-profanen Schrifttums, der neuhebräischen Literatur, die mit etwa der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihre Existenz beginnt, stand in Deutschland. Der Anstoß zur Renaissance des Hebräischen, zur modernen hebräischen Kulturbewegung der Neuzeit gaben die Zeitgenossen, die Freunde und die Jünger Moses Mendelssohns, die Measfim-Schule, der Kreis um den jüdischen Klopstock, Hartwig Vessely u. a. Denn „Berliner Geist" war noch im 19. Jahrhundert im jüdischen Osten Europas identisch mit der aus Deutschland stammenden „Haskala" (jüdische Aufklärung), die Hand in Hand mit der Wiederbelebung der hebräischen Kultur ging. Die „Berliner" (auch „Deutsche" überhaupt) waren in Litauen, Polen, Rußland u. a. die Maskilim, die Aufklärer und die Aufgeklärten, die Förderer des Studiums der profanen Wissenschaft von Judentum und der hebräischen Sprache. Diese Träger der neuen „Haskala"-Kultur führten auch dann noch den Namen „Berliner" als die wirklichen Berliner wie die deutschen Juden überhaupt über Mendelssohn, Vessely und ihre Jünger längst hinausgegangen waren und durch radikalste Assimilation den Anschluß an die deutsch-christliche Welt erzwingen wollten. Die Renaissance des Hebräischen hatte also während des 19. Jahrhunderts keinen Platz in Deutschland gehabt. Cs schien als ob die deutsche Judenheit mit dem modernen Hebräisch für immer gebrochen hätte. War damals schon das Hebräisch der Bibel sogar den intellektuellen Kreisen der deutschen Juden nicht mehr besonders vertraut, wie konnte man da noch Interesse oder sogar Teilnahme an dem sich im 19. Jahrhundert vollziehenden großen historischen „Wunder" der Neubelebung der „toten" hebräischen Sprache, des Entstehens der modernen hebräischen Kulturbewegung erwarten, an diesem entscheidenden Ereignis, das auch einmal die allgemeine Kultur- und Geistesgeschichte sehr interessieren wird? Die Loslösung der deutschen Judenhcit von der Ursprache des Judentums sollte sich aber doch als eine territoriale, wenn auch länger anhaltende Erscheinung, erweisen. Zu Ende des 19. Jahrhunderts beginnt sich hier die Erkenntnis vor dem großen Verlust für das Judentum, den der Verzicht auf den Zusammenhang mit dem Hebräischen und mit den hebräischen Kulturgütern mit sich gebracht bah durchzusetzen. Der damals an die Judenhcit ergangene Ruf: Zurück zum Judentum, zu den Quellen des Judentums, bedeutete auch: zurück mr Sprache des historischen und interterritorialen Judentums, zur Sprache der Bibel und Misckma, des Midrasch und der Halacha, zur Sprache der Dichter von Jehuda Halevi bis Jehuda Leib Gordon, dem führenden Dichter der Haskala-Bewegung. Auch in Deutschland besinnt man sich auf die

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