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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-06-01 · 11 (1.6.1931) · p. Seite 164

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
11 (1.6.1931)
Article
Das Hebräische im Religionsunterricht
Date
1931-06-01
Page
Seite 164 (sequence 2)
Language
German
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164 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 In manchen Kreisen herrscht die Meinung, Hebräisch sei eine schwere Sprache. Das Hisst nicht zu, sicher nicht, wenn das Kind schon verhältnismäßig früh an das Hebräische herangetteten ist, am allerwenigsten, wenn der Unterricht, wie es in unserem Falle geschieht, sich auf leichte Stücke beschränkt. Die meisten unserer Gebete sind in einem ganz besonders leichten Hebräisch geschrieben und auch die Prosa der Bibel bietet nicht viele Schwierigkeiten, wenn nicht gerade die letzten grammatischen Feinheiten erschlossen werden sollen. Es darf erwartet werden, daß die Eltern der Schulkinder den Bemühungen der Lehrerschaft gerade um den Unterricht im Hebräischen soviel Aufmerksamkeit schenken, um sich davon zu überzeugen, daß das Hebräische keineswegs eine Überbürdung unserer Schulkinder darstcllt. Das Minimum an Opfern, das es erfordert, muß allerdings um der Religion willen getragen werden, die — darin liegt ja das Wesen der Religion — Opfer verlangt. Uns scheint aber das Opfer, das man mit dem Lernen des geringen Maßes von Hebräisch bringt, immer noch erheblich kleiner zu sein als das Opfer, das man den Kindern durch ihr Fcrnhalten von diesem geistigen Gut auferlegen würde. Wieviele, die früher nicht oder nicht genügend Hebräisch gelernt haben, sehen das als erwachsene Menschen ein und beklagen sich über das Versäumnis ihrer Jugend. Das erleben wir immer wieder. Cs steht in der Hand der heutigen Elterngeneration, ihren Kindern diese Enttäuschung zu ersparen. Des Juden Stolz und — sagen wir cs ruhig — auch sein Vorteil war seine geistige Regsamkeit, die gewiß durch seine geistige Arbeit entstanden und erhalten war. Sollten wir diese Waffe im Lebenskampf heute, da sic mehr denn je gebraucht wird, verkümmern lassen? Sollten wir uns selbst die Quellen unserer geistigen Der ergänzende Aufsatz von Herrn Dr. Josef Prys „Die traditionelle einer der nächsten Nun und seelischen Bildung verstopfen? „An drei Stätten liegen die Wurzeln unserer Bildung: Rom, Athen, Zion. Die beiden erstgenannten soll jeder Gebildete kennen lernen; und wie mit der dritten? Gerade in ihr liegt die Herzwurzel unserer Humanität, und nur von ihr brauchte der Gebildete nichts zu wissen?.... Von dem Juden, der eine höhere Bildung erstrebt, erwarte ich, daß er auch Hebräisch lerne. Wer Wert darauf legt, Integer vitae und Gaudeamus singen zu können, müßte sich schämen, wenn ihm die viel schöneren Psalmen fremd blieben." Was H. Steinthal im Jahre 1890 geschrieben hat, dürfte heute an Bedeutung nichts eingebüßt, im Gegenteil gewonnen haben. An anderer Stelle dieser Nummer stehen so treffliche Worte sachkundiger Männer über den Kultur- und Bildungswert des Hebräischen, daß dieser Gedanke hier keiner weiteren Ausführung bedarf. Aber es darf doch wenigstens noch an die eine Tatsache erinnert werden, die heute nur allzuoft vergessen wird, daß zum Beispiel Goethe, Herder und Kant Hebräisch gelernt hatten. Es war für sie ein unentbehrlicher Bildungsquell. Die Namen dieser Männer dürften genügen. Nur ein Wort sei noch zitiert, das aber um so schwerer wiegt, weil er, der es gesprochen, ein Meister der deutschen Sprache war und weil das, was er sagt, Zeugnis ablegt von der Kraft und Innerlichkeit seines Gefühls: Martin Luther: „Diese Sprache ist vor anderen wohl einfältig, aber majestätisch und herrlich, schlicht und wenig von Worten, aber da viel hinter ist, also daß es ihr keine nachtun kann; sie ist die allerbeste und in Worten reichste Sprache und rein, bettelt nicht, hat ihre eigene Farbe. Ohne sie kann man die heilige Schrift nimmermehr verstehen." kethode des Unterrichts im Hebräischen" kann aus Raummangel erst in rern abgedruckt werden. Vom Schicksal der hebräischen Sprache Ursprung und Zukunft Von Professor Heinrich L o e w e (Berlin) Wir kennen Sprachsiämme und beobachten Familien. Der in Europa am meisten in die Augen fallende Sprachstamm ist der indogermanische, der anderswo auch der indokeltische genannt wird. Wir sehen zwei klar erkennbare Klassen, die wir nach der Form der Hundertzahl Kentum- und Sad-Gruppen nennen, in Familien und Sippen zerfallen, die dann wieder Sprachen und Mundarten aller Art umschließen. Ein anderer nicht minder bedeutender Sprachstamm hat seine Heimat in Vorderasien, besonders in Syrien und Arabien, in Nord- und in Ostasrika. Zu ihm gehören, außer den lybischen und osiafrikanischen Sprachen, vor allem das Altägyptische mit seinen koptischen Ausläufern und die semitische Sprachsippc. Das sind Sprachen, die sich vor allem durch die merkwürdige Gestalt ihrer Wurzeln, die drei Konsonanten enthalten, von anderen Sprachen abheben. Sie haben auch in ihren Personalsuffixcn und in ihrem Pronomen personale gemeinsame Eigentümlichkeiten. Besonders aber weichen sie vom Indogermanischen durch die vielen Verbalformen ab, die man Konjugationen oder Genera verbi nennt, die beides nicht sind, und doch an beides erinnern. Vor allem haben sie neben vielem Eigenbesitze jeder einzelnen Gruppe, doch einen großen gemeinsamen Wurzelschatz, der erst jetzt allmählich als gemeinschaftliches Erbgut von Vorfahren her, die man nicht kennt, gewürdigt werden muß. Wenn bei eingeschlechtiger Fortpflanzung das Junge dem Alten auf ein Haar gleicht, so ist das eigentlich selbstverständlich. Anders ist es aber bei zweigeschlechtiger Herkunft.. Da kann der Sprößling mehr dem Vater oder mehr der Mutter gleichen, oder er zeigt ein Gesicht, bei dem man die volle Ähnlichkeit zu erkennen glaubt, je nach der Beobachtungslinie, mit dem Vater oder mit der Mutter. Nun sind aber Sprachen keineswegs immer eingeschlechtig gezeugt. Vielmehr gibt es eine sehr große Reihe von Sprachen, bei denen wir die Wirkung der Mischung zweier Elemente deutlich fühlen. Cs gibt eben auch bei Sprachen nicht immer bloß einen Stanrmvater, sondern auch eine Stammutter, die dem Kinde ihre Gesichtszüge und ihren Charakter zum Teil vererbt hat. Ein sehr erheblicher Teil aller Sprachentwicklung geht nicht aus der geistigen Entwicklung eines Volkes, nicht aus den Eigenheiten seiner Kindersprache oder aus veränderten Lebensbedingungen eines unvermischten Volkes hervor, sondern hat seine Gründe in der Mischung mit arrderen Sprachen oder in der Übertragung der.Sprache auf einen ursprünglich anders redenden Volksstamm. Die lebendige europäische Welt kennt solche Mischsprachen in ihrer eigenen Mitte. Englisch erscheint uns seinem Charakter nach als eine germanische Sprache. Aber auch dieser Teil seines Bestandes ist nicht einheitlich. Denn dem Angelsächsischen sind skandinavische Elemente beigesellt. Aber schließlich hat — wenn man sogar die keltischen Einschläge übersehen wollte —, ein germanischer Volksstamm, der kurz vorher französisicrt worden war, seine neu angenommene romanische Sprache dem germanischen Grundstamme ausgepfropft. So ist das Englische zu einer rechten Mischsprache geworden. In ähnlicher Weise ist das Osmanische eine Türksprache mit so starken arabischen Elementen und so bedeutender persischer Beimischung, daß der Versuch, es wieder zu entmischen, von vornherein zu Unfruchtbarkeit verurteilt ist. Endlich haben wir im Jiddischen eine Mischsprache, in der ein zum Teil ganz konservativ festgehaltener deutscher Charakter neben solchen Änderungen der Sprache steht, daß man das deutsche Element kaum noch zu fassen vermag. Doch ist der überwiegende Teil aller Wörter deutschen Ursprungs. Aber dieses Fleisch und Gewebe, oft mit Slavischem, zumal Polnischem stark untermischt, lagert sich um ein hebräisches Knochengerüst, daß dadurch das, was man linguistisch als Dialekt fassen möchte, sich kulturell als selbständige Sprache gibt. Das Hebräische, das im Jiddischen enthalten ist, und die ganze jüdische Kultur, die in ihm lebt, machen es aus einer deutschen Mundart zu einer selbständigen Sprache. Das will nichts Besonderes besagen. Denn die Juden sind und waren zu allen Zeiten das typische Volk der Sprachenübertragung. Diese und die Sprachmischung kann bei keinem Volke der Erde öfter und besser beobachtet werden als beim jüdischen Volke. Das gilt zum Teil auch vom Hebräischen. Und zwar von der Sprache in allen ihren Perioden. Denn das Altägyptische war nicht bloß ein Urverwandter der semitischen Sprachen, sondern es hat auf die Sprache des Israelstammes, der in seinen Toren weilte, abgefärbt. Fremdwörter und Lehngut sind ebenso wie ganze gedankliche Zusammenhänge und Bilder aus dem Sprachschätze des vieltausendjährigen Kulturvolkes in das Hebräische Israels eingedrungen. Aber in dieser ältesten Zeit hat auch das Aramäische stark auf das Hebräische der Israeliten und Juden eingewirkt. Dieser Zusammenhang des Aramäischen mit dem Hebräischen hat durch die Jahrtausende angedauert, hat verschiedene Wege eingeschlagen und hat zur Bildung jüdischer Mischsprachen geführt. Beide Sprachen umarmen sich noch heute, so daß sie unzertrennlich geworden sind. Zu bestimmten Zeiten hat das Persische, viel mehr aber das Griechische auf die Gestalt des Hebräischen und des Jüdisch-Aramäischen eingewirkt. Und alle asiatischen und europäischen Sprachen, mit denen Juden in nahe Berührung gekommen sind, haben in bestimmten Perioden dem Hebräischen als Kultus- und Kultursprache der jüdischen Nation etwas von ihrem eigenen Gepräge abgegeben. Das Arabische hat namentlich während der Blütezeit der Chalifate eine tiefe Einwirkung auf das Hebräische gehabt, freilich auch eine solche vom Hebräischen empfangen. Man kann den mittelalterlichen Dichtun-

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