Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 11 (1.6.1931)
- Article
- Der Bildungswert des Hebräischen
- Date
- 1931-06-01
- Page
- Seite 163 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 163 zentrale Stellung unter den semitischen Sprachen machen es zu einem äußerst lohnenden Gegenstand sprachgeschichtlicher Forschung; seine praktische Bedeutung wächst von Tag zu Tag, da es in Palästina wie in anderen Gebieten geschlossener jüdischer Siedelung "mehr und mehr zur Sprache des Tages, der Schule, ja auch der Literatur und der Wissenschaft wird. Die hebräische Literatur umfaßt im Alten Testament höchste Blüten erzählender und lehrhafter Prosa und religiöser Rede und Dichtung von unvergänglichem, allgemein-menschlichem Wert, im rabbinischcn Schrifttum eine über die spezifisch jüdischen Belange weit hinausreichende, fast das ganze mittelalterliche Denken umspannende, in ihrer Zeit vielfach führende wissenschaftliche Literatur und eine formal wie inhaltlich gleich vielseitige Poesie; in ihrer modernsten Entwicklung ist sie im Begriff, zu einem Glied der Weltliteratur zu werden. Die Aufnahme des Hebräischen in den Lehrplan einer jüdischen Aufbauschule würde zur Voraussetzung haben, daß das Hebräische, wie in anderen Ländern, so in Bayern unter die Prüfungsfächer der Staatsprüfung für das höhere Lehramt ausgenommen würde. Das gleichzeitige, der Würzburger Lehrerbildungsanstalt erstattete ausführliche Gutachten von Geheimrat Hehn (Würzburg) kann aus Raummangel erst in einer der nächsten Nummern abgedruckt werden. vie gegenwärtige Neubelebung des hebräischen Zur Ergänzung des Gutachtens von Professor Bergsträßer drucken wir aus seiner „Einführung in d i e s em i tis ch en Sprachen" (München 1928 bei Max Hueber) die Stelle über die gegenwärtige Neubelebung des Hebräischen ab. Die gegenwärtige Neulelebung des Hebräischen steht unter dem Druck der Notwendigkeit, alles auf hebräisch zu sagen, und der sich so aufdrängenden Aufgabe, den Ausdrucksbereich des Hebräischen so zu erweitern, daß es dem ungeheuren Ausdrucksbedürfnis des modernen Kulturlebens gewachsen ist. Die Lösung dieser Aufgabe könnte mit Aussicht auf vollen Erfolg erst dann in Angriff genommen werden, wenn ein sicheres hebräisches Sprachgefühl neu aufgebaut worden wäre; selbst dann wären die Gefahren groß, wie das Beispiel anderer orientalischer Sprachen, die mit lebendigem und festem Sprachbewußtsein vor der gleichen Aufgabe stehen, beweist. Der Versuch, jene Aufgabe ohne diese Vorbereitung zu lösen, mußte zu einer Scheinlösung führen: zu einem Hebräisch, das in Wirklichkeit eine europäische Sprache in durchsichtiger hebräischer Verkleidung ist, mit gemeineuropäischen Zügen und einzelsprachlichcn Besonderheiten, aber nur ganz äußerlich hebräischem Charakter. Der Bruch zwischen dem gegenwärtigen Hebräisch und älterem ist daher unvergleichlich viel stärker als der zwischen älterem Mittclhebräisch und Althebräisch. vas hebräische im Religionsunterricht Von Rabbiner Dr. LeoBaerwald Wie immer man auch die Lehr- und Erziehungsziele des jüdischen Religionsunterrichts formulieren mag, sic werden stets etwa in folgenden Richtungen liegen: 1. Kenntnis der Geschichte, des Lehr- und Glaubensinhalts, der religiösen und ethischen Pflichten sowie der Einrichtungen des Judentums, 2. Vorbereitung zur Teilnahme am Gottesdienst in Synagoge und Haus sowie am Gemeindeleben, 3. Erziehung zu glaubenstreucm Judentum und charaktervoller Persönlichkeit. Keines dieser Ziele — weder die theoretische Lehre noch die praktischen Erziehungsziele — aber kann erreicht werden, ohne daß das Hebräische auch im Religionsunterricht seine feste Stellung hätte. Cs ist undenkbar, daß man von Bibel und Gebetbuch auch eine nur einigermaßen zutreffende Vorstellung erhalten kann, wenn man sie nur in Übersetzungen kennen lernt, wenn das Schulkind nicht wenigstens leichtere Partien in der heiligen Sprache in sich aufnimmt und danach auch besseres Verständnis für das erhält, was es in Übersetzungen kennen lernt. „Wer den Dichter will verstehn, muß in Dichters Lande gehn." Das bedeutet nicht gelehrte Kenntnisse in der betreffenden fremden. Sprache. So wenig verlangt werden kann, daß der Schüler ein vollendeter Lateiner oder Grieche wird, so notwendig ist aber Kenntnis der alten Sprachen, wenn er des klassischen Geistes „einen Hauch verspüren" soll. So ist es auch mit dem Hebräischen; die schlichte Größe der biblischen Erzählungen, die rührende Einfalt mancher Psalmen, die ruhige Kraft unserer Gebete wird sich auch dem Schulkinde offenbaren, selbst wenn es nur in unvollkommener Weise hebräisch gelernt. Auf eines kann der Religionsunterricht vollends nicht verzichten: Die Heranwachsende Generation zur Teilnahme am Gottesdienst zu erziehen. Daß dieser das Hebräische nicht missen kann, wird ja auch von der extremen Linken zugegeben. Cs muß als Gebetssprache erhalten werden und das äußerlich sichtbare Band zwischen allen Gliedern des Judentums bleiben. Das wird auch von denen anerkannt, die das Hebräische als Profansprache und als nationales Bindeglied ablehnen. Cs sei in diesem Zusammenhang an eine Äußerung des Führers des liberalen Judentums in Deutschland, Rechtsanwalt Dr. Heinrich Stern, erinnert: „Die Feier des Freitagabends und der Feste und insbesondere auch der Gebrauch der heiligen Sprache wird von uns hochgehaltcn, weil es heute die stärksten Bindemittel sind, die uns mit unseren jüdischen Brüdern auf der ganzen Welt verbinden und zugleich die Erinnerung wachhalten an die große Geschichte unseres Volkes, an die Väter unserer Religion und das, was von dem gewaltigen Schaffen unserer Väter und Urväter erhaltenswert ist. Ich will dafür sorgen, daß die Kinder Bibel und Gebet auch in der heiligen Sprache zu lesen verstehen; gerade weil das Beten keine gewöhnliche Sache ist, wirkt der Zauber der heiligen Sprache im Gegensatz zu der Alltagssprache besonders stark." Cs kann nicht genug unterstrichen werden, daß die hebräische Sprache einen eigentümlichen sakralen Charakter hat, für den offenbar auch das Kind, oder erst recht das Kind ein instinktives Verständnis besitzt. Was an jeder Religion, auch der rationalistischsten, mystisch ist, tritt uns hier entgegen, deutlich genug, um uns „mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele" daran teilnehmen zu lassen, dunkel genug, um es uns als anders denn das Profane zu zeigen. Die religiöse Bildung des Juden, sein jüdischer Charakter erhält durch das Hebräische eine eigene, durch nichts zu ersetzende Note. Aus dem Gesagten erhellt: Der Unterricht im Hebräischen soll kein Sprachunterricht sein, sondern in erster Linie die Jugend zur Teilnahme am Gottesdienst befähigen, das religiöse Gefühl und die Treue zur Religion mit Hilfe der Gebete und leichter Stücke der Bibel stärken. (Zur Erreichung dieses Zieles kann auch eine Reihe von Stücken, deren Behandlung in der Ursprache in qualitativer oder quantitativer Beziehung Schwierigkeiten bereitet, in Übersetzungen behandelt werden.) Demgemäß wird auch die Methodik sein, die der Religionsunterricht für das Hebräische verwendet. In älterer Zeit bediente man sich einer mechanischen Übersetzung von Wort zu Wort und entsprechenden Hilfsmitteln. Die alte Methode hat ihre unleugbaren Vorzüge gehabt; sic hat ein quantitativ großes Wissen vermittelt und — was heute leider zu sehr vernachlässigt wird — das Gedächtnis gestärkt. Aber die pädagogischen Erkenntnisse der Gegenwart und der Mangel an Zeit verpflichten uns, nach mehr systematischer Erfassung des Hebräischen zu streben. Ein rein grammatikalischer Unterricht wird hier nicht am Platze sein, schon wegen des notwendigerweise verhältnismäßig frühen Beginns des hebräischen Unterrichts auf einer Altersstufe, die einem rein grammatikalischen Unterricht noch nicht gewachsen ist. Die neueren pädagogischen Hilfsmittel für das Hebräische im Religionsunterricht, in den letzten Jahren entstanden, können, soweit unsere Erfahrungen reichen, die nur in mühseliger jahrelanger Arbeit gesammelt werden können, den Unterricht anregender, leichter und fruchtbringender gestalten, indem sie sprachlich und stofflich systematisch vorn Leichten zürn Schweren fortschrciten, das Maß von grammatischer Kenntnis darbietcn, das dem Schüler leicht faßlich ist, seine eigene Denkarbeit anrcgen und ihn befähigen, in höheren Klassen mit größerer Freiheit Stücke aus Bibel und Gebetbuch mit Hilfe eines Vokabulariums zu übersetzen.