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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-06-01 · 11 (1.6.1931) · p. Seite 162

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
11 (1.6.1931)
Article
Von den drei Zugängen zur hebräischen Sprache und von ihrer Pflege
Date
1931-06-01
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
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162 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 III, S. 44 f., 51 f.) die eigentliche jüdische Sprachheimat in dem der täglichen Rede unzugänglichen Bezirk der heiligen Sprache sah. „Die Sprache der Völker folgt bis ins allerfeinste dem lebendigen Wechsel der Schicksale des Volkes, aber diese Nachfolge des Lebendigen reißt sie auch mit hinein in das Schicksal des Lebendigen, zu sterben;" das „ewige Volk" habe dagegen seine eigene Sprache als Sprache des täglichen Lebens verloren; deshalb sterbe seine heilige Sprache zwar nie, aber nie werde der Jude in dieser heiligen Sprache ungezwungen das Alltägliche, alles, was er meint, sagen können. Er bezeichnet es an anderer Stelle als Unwahrheit, daß das Hebräische die gesprochene Sprache eines Volkes wie alle Völker sei. Aber er setzt auch orakelnd hinzu: „Diese Unwahrheit kann im Munde eines, der sie tut, unversehens zur Wahrheit werden." Jedenfalls ist das Hebräische als Gebets- und Kultsprache der Entwicklung bis zur Verwandlung in eine neue Sprache entzogen. Die hebräische Sprache im praktischen Gebrauch wäre dagegen wie alle anderen Sprachen gegen keinerlei Verweltlichung und Entwürdigung geschützt, ja.wäre im Gegenteil als lebendige gesprochene Sprache des Alltags daraus angewiesen. Ein übersichtlicheres, weniger mystisches Gelände, einen sicheren Boden betreten wir bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der hebräischen Sprache. Cm Überblick über den hohen gegenwärtigen Stand der semitischen Sprachwissenschaft, besonders des Hebräischen, kann hier nicht gegeben werden. Jüdische Gelehrte sind daran verhälmismäßig wenig beteiligt. Praktisch ist zu sagen, daß nur ein systematisches Studium der semitischen Sprachen, besonders des Altarabischen und Aramäischen, zur Einsicht in den Wert oder Unwert des Neuhebräischen verhelfen kann, well nur so der Sprachaufbau und seine innersten Gesetze verständlich werden. Hugo Bergmann, einer der führenden Kenner des Hebräischen und der semitischen Sprachen, stellte jüngst die vollständige Bezichungslosigkeit der nach Palästina eingewanderten erwachsenen Juden zur hebräischen Sprache, trotz Intelligenz, und gutem Willen, fest; das Hebräische bleibt ihnen Volapük, sie sprechen es in deutschem, englischem, russischem Sprachgeist. Der religiöse, der national-politische und der wissenschaftliche Weg zu unserer Sprache verdienen unsere gleichmäßige, gespannte Aufmerksamkeit. Diese Fragen sind im Folgenden mit voller Absicht aus allem Politischen und Parteiischen streng herausgehoben und der objektiven Beurteilung unterstellt. Die vollkommen einzigartige Situation des Hebräischen als Kult- und Alltagssprachc kann vielleicht aus den folgenden phonetischen Wahrnehmungen anschaulich und gemeinverständlich gemacht werden: Der Engländer schiebt zum Sprechakt den Unterkiefer etwas vor; aus dieser Stellung erklärt sich seine ruhige Lippenhaltung, die bei ihm zur Anstandsregel wird. Das Bild, das der Deutsche mit dem Namen „Dobbel-w-Mund" bezeichnet, steht vor unserem Auge. Ahmt man diese Organstellung nach, so beobachtet man, daß die englischen Lautfärbungen, vor allem die ständige dumpfe Abtönung aller Vokale nach der Enge, zu, eine natürliche Folge dieser Zwangsstellung sind. Umgekehrt der Franzose: Cr spreizt die Lippen bei e und i, als ob er den Mund bis an die Ohren aufreißen wollte, und er rundet die Lippen, als ob er schmollte, wenn er o und u sagt. Man sehe einen Franzosen un pot — au feu oder c’est ici artikulieren: sein Gesicht ist in heftiger, mimischer Bewegung, alle Arbeit konzentriert sich aus die vordere, dem Zuhörer sichtbare Muskulatur; der ganze Vokalismus verschiebt sich nach vorn. Der Jude spricht oder besser noch „sagt" Hebräisch in der Artikulation, in der Färbung seiner Heimatsprache, nur unter der arabischen Bevölkerung so guttural und gaumig wie es im innersten Gefüge des aus dem Althebräischen noch erkennbaren Sprachaufbaues begründet ist, unter den Persern oder Türken wieder ganz anders, in Europa mit den Lauten der Verkehrssprache und des heimischen Dialekts, in unseren Synagogen also bayrisch-hebräisch, in Ostpreußen ostpreußisch-hebräisch usw. Auch die Syntax und der Sprachgeist in den hebräischen Neuschöpfungen verraten ihren landsmännischen Ursprung. Das Schicksal der hebräischen Sprache spiegelt also doch (wenn auch Rosenzweig dies nur von den „Sprachen der Völker" wahr haben will) das Schicksal der jüdischen Gemeinschaft wieder; beide Schicksale gehen uns gleich nah. Denn das gemeinsame Geschichtserlebnis der Juden war nur möglich durch die besondere Eigenart ihrer Sprachgemeinschaft in der Zerstreuung. Die Schönheit der biblischen Poesie Von Professor Wilhelm V o l l e r t Mit Absicht sei hier — nur in einem mittelbaren Zusammenhang — dieses Urteil aus der „Neuen kirchlichen Zeitschrift" (Bd. 32, 1921, S. 401 s.) über das Alte Testament abgedruckt. Das Alte Testament, das großartigste Literaturwerk der Welt, ebenso groß durch die ergreifende Schönheit und durch die geschichtliche Bedeutung seiner Erzählungen wie durch die Fülle und Tiefe seiner Gedanken, die Macht und Mannigfaltigkeit seiner Rede und den Reichtum und die Schönheit seiner Poesie! Lange bevor Pindar in seinen Siegesgesängen die Zieger von Olympia verherrlichte, hat David seine Psalmen gedichtet, und lange bevor Homer an den Küsten Kleinasiens die lauschende Jugend seines Volkes durch die Taten der Helden von Troja entzückte, haben Moses und seine Schwester ihre Siegeslieder über den Untergang des ägyptischen Königs gesungen oder hat die Dichterin Debora mit den kühnen Bildern ihrer Phantasie den Sieg ihres Volkes gefeiert. Ms man auf den Hügeln des Tiber erst noch die Grundsteine der künftigen Weltstadt Rom legte, haben in Israel die Propheten mit dem vom Geist erleuchteten Blick die Geschichte der Völker überschaut und ihre Zukunft geweissagt und mit einer'Gewalt der Rede, die mehr ist als Demosthenes, und mit einem Schwung der Poesie, die großartiger ist als Aeschylus, die Gerichte Gottes über ihr Volk verkündigt oder von der Gnade Gottes mit Worten geredet, die lieblicher sind als die liebliche Rede des Sophokles. Cs gibt keinen Ton auf der Stufenleiter menschlicher Empfindungen, der hier nicht zum Ausdruck käme, von den Dornen heiligen Zorns oder den herzzerschneidenden Klagen der Verzweiflung an bis zu den sanftesten Tönen des Erbarmens oder den feurigsten Liedern der Liebe. Was ist die Weisheit der sieben Weisen Griechenlands gegen den Schatz, von Lebensweisheit in den Sprüchen des Alten Testaments? Wir versenken uns in die Tiefen platonischer Anschauungen und bewundern den Adel seiner Ideen; aber die Schrift redet von der Welt der ewigen Ideale als von der bekannten Heimat ihres Geistes und spricht die tiefsten Gedanken und umfassendsten Anschauungen mit einer Sicherheit und Schlichtheit aus, als handle es sich um die einfachsten Wahrheiten der Welt oder die selbverständlichsten Sätze, die alle kennen. ver vildungswert des kebraifchen Ein Gutachten von Prof. Dr. Gotthelf Bergsträßer ord. Professor der semitischen Philologie an der Universität München Den Wunsch des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden, daß bei der Neuordnung der Lehrerbildung in einer zu schaffenden jüdischen Aufbauschule das Hebräische als zweite Fremdsprache dem Lateinischen oder Englischen gleichgestellt werde, unterstütze ich auf das wärmste. Das Hebräische besitzt vermöge seines von dem Deutschen grundverschiedenen Sprachcharakters, vermöge seiner farbenreichen und anschauungskräftigen Lebendigkeit einen sehr hohen. sprachlichen Bildungswert; seine für fast drei Jahrtausende überblickbare Sprachgeschichte und seine

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