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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-06-01 · 11 (1.6.1931) · p. Seite 161

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
11 (1.6.1931)
Article
Inhalt
Date
1931-06-01
Page
Seite 161 (sequence 1)
Language
German
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Kachcichtenblatt 6er Israelitischen Kultusgemeinöen in München, Augsburg/ Hamberg unö 6eS AerbanöesBagertscher Israelitischer Gemeinden Erscheint am f. und ff. seöen Monats. — Verlag: B. Heller, München, Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für öas Plinganserstrafte 64, Kernruf 75 6 64 unö 73 6 65/ Postscheck München Z-87, Jahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Feile 40 Reichüpfennig vchristleitung: 9r. Luöwig Keuchtwanger, München, Grillparzerstraße fS Kamillenanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote ff Reichspfennig Vll. Jahrgang München, 7. Juni 1931 Hc.ft Anhalt: Sonderheft: Die hebräische Sprache. Von den drei Zugängen zur hebräischen Sprache und von ihrer Pflege. Die Schönheit der biblischen Poesie. Der Bildungswert des Hebräischen. Die gegenwärtige Neubelebung des Hebräischen. Das Hebräische im Religionsunterricht. Vom Schicksal der hebräischen Sprache. Die hebräische Kulturbewegung in Deutschland. Von der Eignung der hebräischen Sprache zum Philosophieren. Jüdische Weisheit im Aleph-Beth. Die deutsche Akademie nimmt die wissenschaftliche Erforschung des „Jiddischen" auf. Neuhebräische Sprachprobe. — Aus der Gemeinde München. — Aus der Gemeinde Augsburg. — Vereine. — Bücherschau. — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen der Jsr. Kultusgemeinde München. Bekanntmachung über den Straßenbahnverkehr zum Friedhof an der Ungererstraße. — Personalia. Sonderheft: Die hebräische Sprache Von den drei Zugängen zur hebräischen Sprache und von ihrer pflege Eine Judenheit, die (nach der religiösen und weltanschaulichen Zersplitterung) ihr letztes gemeinsames Gut, die hebräische Sprache, nicht mehr pflegt, hat sich selbst aufgegeben. In den Dienst dieser, Pflege will sich dieses Sonderheft stellen: ein Versuch, der hier zum erstenmal in einer deutschen Gemeindezeitung (in den Grenzen einer solchen Publikation) gewagt wird. Für diejenigen, denen das Hebräische das selbstverständliche wichtigste Bindemittel des Gesamtjudentums ist und denen (als religiösen oder nationalen Juden) die Bewahrung und liebevolle Pflege der alten Sprache problemlose lebenswichtige Aufgabe ist, für diese Minderheit sind die folgenden Blätter nicht bestimmt. Sie wenden sich, an die' jüdischen Kreise, denen die hebräische Sprache fremd und gleichgültig geworden ist, denen sie als Kultsprache wohl dann und wann noch im Ohr klingt, kaum rnehr verstanden und fern von Gottesdienst und Religionsunterricht nicht mehr gehört. Wenn es den folgenden Aufsätzen gelingt, über Geschichte, Kulturbedeutung und zentrale Stellung der hebräischen Sprache im Bildungsaufbau des modernen Menschen so Eindringliches auszusagen, daß der, dem Hebräisch fremd ist, aufhorcht, einen Verlust verspürt, sich noch einmal umzusehen vornimmt, dann ist der nächste Zweck erreicht. Für ein solches Ziel genügt nicht die Aneinanderreihung einiger wissenschaftlicher Aufsätze über die Fragen des hebräischen Sprachunterrichtes und über die heutige Situation des Hebräischen in Lehre und Leben. Cs war vielmehr darauf zu sehen, ein paar Dokumente und Urteile erster Sachkenner wählerisch zu sammeln und so jeden Gutwilligen unmittelbar darauf zu stoßen, daß Hebräisch mehr als ein lästiges und unwichtiges Fach im Stundenplan der Schule, im Religionsunterricht ist, nämlich: ein sehr kostbares, von den meisten Juden unseres Landstriches unbeachtet in den Winkel gestelltes Gut mit einem so.hohen Eigenwert wie irgendein anderes geistiges, nicht unmittelbar praktisches Instrument, dessen Beherrschung (sei es eine fremde Sprache, eine besondere künstlerische Fertigkeit oder eine sonst unbestritten gültige und hocheingeschätzte Anlage oder Befähigung) den illusionslosen Lebenstrott des Alltags belebt, Trivialität und Routine des ewig Gestrigen auflockert und uns in einen höheren Zusammenhang mit dem so oder so ausgelegten Sinn der Welt Drei breite Zugänge zur Aneignung des Hebräischen seien hier kurz beschrieben: das religiöse, das national-politische und das wissenschaftliche Ziel bestimmen diese drei Wege. Die überlieferte traditionelle Erlernung von der frühesten Jugend an lief auf eine eigentümliche Zweisprachigkeit des gesamten Denkens, ja der ganzen Vorstellungswclt hinaus, führte Jahrhundertelang am tiefsten und sichersten in den Geist der hebräischen Sprache hinein. Die heilige Sprache war neben der Verkehrssprache des Landes unendlich mehr als die Sprache des Gebets, als „Kultsprache", wie das Lateinische, eher dem Koran-Arabischen ähnlich, mit dem ganzen Leben verwachsen; ihr Gebrauch veränderte die profane Umgangssprache in der Artikulation und in der Wortbedeutung. Als dann mit der Emanzipation — nur von Westeuropa sei hier die Rede — die geistige Homogenität der Juden auscinanderbrach, da wurde auch Hebräisch Gebctssprache, Kultsprache, selbst bei den Orthodoxen des Westens. Der Leidensweg der hebräischen Sprache im ly. Jahrhundert soll hier nicht geschildert werden, er führte in Westeuropa fast bis zu ihrem Untergang. Eine dem „Heiligen", der Urform des Religiösen ganz entfremdete Epoche spürte nicht einmal mehr die Richtigkeit der folgenden, uns heute wieder geläufigen Beobachtung: Die zum Gottesdienst versammelten Gläubigen können gerade dadurch, daß sie die im Kultus gebrauchte Sprache nicht verstehen, sich desto inniger in ihrem Gott miteinander verbunden fühlen: ein Beweis, wieviel das Gemeinte vor dem Gesprochenen und Verstandenen im echt Religiösen voraus hat? Die national-politischen Motive begannen um 1900 der Erlernung des Hebräischen einen neuen Auftrieb zu geben. Das so entstandene Neühebräisch ist in den folgenden Aufsätzen hervorragender Kenner eindringlich charakterisiert, von verschiedenen Standpunkten und mit verschiedenen gewichtigen Argumenten. Cs bestand ursprünglich die Absicht, aus Franz Roscnzweigs Sang vom Ewigen Volk „Der Stern der Erlösung" die besonders eigenwilligen und ursprünglichen Ansichten dieses Sprach- und Übersetzungskünstlers über das Hebräische im Wandel seines Gangs durch die Welt vorzuführen. Zu viele Voraussetzungen, zu viele verwickelte Gedankengängc hätten wiedergegeben werden müssen, um diese Absicht durchzuführen. Aus den gleichen Gründen mußte es im letzten Augenblick aufgegcben werden, einen Begriff von dem imposanten Gcdankengebäude Ernst Cassirers über die Sprache aus seinem großen Werk „Philosophie der symbolischen Formen" zu geben. Nur erinnert sei hier, daß Rosenzweig (besonders „Stern der Erlösung", 2. Aufl., Bd. 1 Am schönsten von Voßler („Geist und Kultur der Sprache") für das Kirchenlateitt gezeigt.

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