Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 10 (15.5.1931)
- Article
- Zeitigreg [Rezension]
- Date
- 1931-05-15
- Page
- Seite 150 (sequence 2)
- Language
- German
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150 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 nur nach dem gebieterischen Anspruch des wörtlichen Textes; er rückt in jener Abhandlung weit ab von einer „falschen, überflüssigen, bedenklichen, spätromantischen Ungeläufigkcit" aus ästhetischen oder literarischen Reflexionen. So hat auch Rudolf Borchardt seinem eben erschienenen bewunderungswürdigen, aber für den Laien unlesbaren deutschen „Dante"i eine Rechtfertigung , seiner Verdeutschungsbemühungen nachgesetzt, wie Bubcr in dem Streben, die literarische Sprachfarbe, natürlich auch alles Geläufige oder gar Gefällige unter allen Umständen zu meiden, die „unübersetzbare" Comedia doch für die deutsche Zunge einzufangen. „Wie das heiße Blut hinsagt, es könne für die Geliebte stehlen, mit solchen Blicken, um ihm für mein Vaterland etwas uns zu Unrecht Versagtes zu entwenden, las ich nun wieder Dante in einem dunklen Spiele, mir halb vortäuschend, Geschehenes könne noch ungeschehen gemacht werden, und Ungeschehenes immer noch geschehen." So entstand auch bei Borchardt eine neue, schwer verständliche Sprache. „Die Sprache in die ich übertrug, kannte ich weder als solche noch konnte es stc als solche gegeben haben; das Original warf erst ihren Schatten gegen meine innere Wand: sic entstand wie eine Dichtcrsprache entsteht, ipso actu des Werkes." Auch die Sprache Borchardts, mehr mit dem Ohr als mit dem Auge gebildet, kann nur laut gelesen, gewürdigt werden; wie Bubcr übersetzt auch Borchardt peinlich wörtlich: „Vielleicht, wenn das höchste Ziel verboten schien, das bescheidenste nicht verschmähen: genau übersetzen, ganz genau, wortgetreu, wendungsgctreu, rhythmisen Abschnitt uin rhythmischen Abschnitt, Cäsur und Pause bewahrend, Reimwort durch Reimwort." So entstand Rudolf Borchardts „Dante Deutsch" und so entstand „Die Schrift — Zu verdeutschen unternommen von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzwcig". Ernst des Sprachgcwisicns, Sicherheit des Sprachtaktcs, die gleiche Sicherheit der Haltung zu den Gesetzen der übcrtragungssprachc nötigen vor beiden Schöpfungen trotz aller auf 1 Dante Deutsch. Von Rudolf Borchardt. Gr.-Z", 524 Seiten (1930. München und Berlin. Verlag der Bremer Presse und Verlag Ernst Rowohlt). den ersten Blick fremder Neubildungen, trotz des Seltsamen, Ungebräuchlichen, Verschollenen, ja grammatisch Unmöglichen in der Worrwahl, im Satzbau und im Rhythmus zur ungeteilten Bewunderung vor der sprachlich-künstlerischen Leistung. Bei den Wortbildungssonderlingcn handelt es sich allerdings weder bei Buber noch bei Borchardt um unbemühte, ungezwungene Prägungen; aber cs ist immerhin so: „Weil der Begriff in der Verdeutschung, vom Gewohnten abgehoben, seine sinnliche Grundbedeutung nachdrücklicher vorträgt als im Original, wo im begrifflichen Gebrauch das Sinnliche, Bildhafte nur eben mit anklang, wenn auch in einer oft recht wirksamen Weise; aber eben daraus wird sich hier für den ernsten Leser die Aufgabe einer Einarbeitung, Cinlcbung ergeben, die fruchtbar werden muß." So ist es. Aber eben so wahr bleibt: Von einer wicdergcwonnenen Bibel für den unbefangenen, philologisch und literarisch nicht speziell ausgebildetcn Laien kann bei dem Buber-Rosenzweigschen Bibclwerk ebensowenig die Rede sein wie bei Borchardt von einem neuen deutschen „Dante" für jeden gebildeten Deutschen. So außerordentlich Belehrung und Genuß — namentlich wieder bei den letzten herrlichen Bänden „Iesaia" und „Ieremia" — für denjenigen sind, der an der Hand von „Buber-Rosenzweig" den hebräischen Text Wort für Wort, Satz für Satz durchnimmt und sich in den Besitz eines wertvollen Kommentars voll wichtiger Neuentdeckungen gesetzt sieht, so wenig ergiebig ist die Bibel-Lektüre nach Buber-Rosenzweig für den, der ohne hebräische Sprachkenntnisse, den unverstellten und unentstellten Inhalt der heutigen Schrift unmittelbar — ohne vermittelnde Erklärung — auf sich wirken lassen will. Die elf bis jetzt vorliegenden Bände, für deren Vollendung wir Martin Buber, dem verewigten Franz Rosenzwcig und einem großzügigen, opfermutigen Verleger unseren Dank mindestens durch Erwerb eines Cxemplares des auch buchgewerblich hochwertigen sehr preiswürdigen Werkes abstatten sollten, schreien geradezu nach einem ergänzenden Band, der den kritischen Apparat zu der Übersetzung bringt, ähnlich wie jüngst Bubcr die Erklärungen zu einzelnen Icsaia-Stellen in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" geboten hat. Kein Umweg soll zu weit und zu schwer sein, um wieder einen Zugang zu den verschütteten Schätzen des Buches der Bücher zu finden. F. Zur jüdischen Samilienforfcbung In demselben Maße fast, in dem die jüdische Familie in Deutschland an lebendiger Substanz verliert, die Kinderzahl immer mehr zurückgeht, hat das Interesse an Familienforschung bei uns zugenommen. Das ist wohl kein zufälliges Zusammentreffen. Der Baum, dessen Wipfel nicht mehr breit ausladen kann, sucht Trost in der Tiefe seiner Wurzeln. Freilich darf sich jüdische Familienforschung nicht auf die Sicherung von Daten und Personalnotizen beschränken, und eitelkeitskitzelnde Ahnengalerie nicht letztes Ziel sein. Erst wenn die Einzelfunde aus ihrer Isoliertheit erlöst und in größere Zusammenhänge hineingestellt werden, offenbart Familiengeschichte ihren eigentlichen, gemeinschaftsbildenden Sinn. So wird sie jedem einzelnen bestes Hilfsmittel zur Durchdringung und Erkenntnis gesamtjüdischer Vergangenheit. Zweifellos gewinnt das Bemühen um diese Erkennmis einen besonderen Reiz, wenn man seiner Geschlechterreihe einen festen Platz innerhalb der Gemeinschaftsgeschichte, und sei er noch so winzig, anweisen kann, wenn die Spur der eigenen Herkunft nicht allzu schnell im Dunkel der Anonymität abgleitet. Darum ist die allgemeine Familienforschung gewiß auf dem richtigen Wege, wenn sie immer wieder eine Fülle von Namenslisten veröffentlicht und damit ungeahnt vielen eigenbetonte Beziehung zur Vergangenheit schafft. Für die jüdische Familienforschung in Deutschland konnte bisher trotz anerkennenswerter Rührigkeit einfach aus Mangel an Mitteln noch nicht genug auf diesem Gebiet geschehen. Deshalb schon ist jede Veröffentlichung zu begrüßen, die dazu beiträgt, diese Lücke zu schließen. Eine Bereicherung dieser Art verdanken wir dein mecklenburgischen Landesrabbiner Dr. Silberstein in Rostock. Seinen vielen Arbeiten zur Geschichte der mecklenburgischen Juden hat er neuerdings eine Abhandlung über „die Familiennamen ber auben unter besonderer Berücksichtigung der gesetzlichen Fe stl e g u n g in Mecklenburg" hinzugefügt.i Der Titel deutet schon an, daß die Arbeit über die Grenzen der beiden kleinen norddeutschen Territorien hinausgehen will. Tatsächlich hat der Verfasser auch neben einem sehr aufschlußreichen Literaturverzeichnis eine Menge von kritischen Notizen und von Zusammenstellungen beigebracht, die dem umfassend genommenen Thema dienen sollen. Aber auf dem knappen 1 Sonderdruck aus der Festschrift zum 75jährigen Bestehen des jüdisch theologischen Seminars Fraenkelscher Stiftung, Breslau 1929. 2 Ich darf bei dieser Gelegenheit darauf Hinweisen, daß ich vor kurzem auf einem verlassenen, aber jetzt vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden betreuten Friedhof der Provinz Brandenburg in Wusterhausen a. d. D o ß e das Grab eines C m a n u e l Cohn entdeckte, der am 31. Oktober 1774 in Markbrcit geboren wurde und am 15. Oktober 1827 in W. starb. F i l> l r i> L HA US MÜNCHEN KARLS PLATZ 5 DER QUALI7 Ä 7 SST OF FE N. STARK & Ol d NÜRNBERG! LUITPOLDSTRASSE 11 J