Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 9 (1.5.1931)
- Article
- Benjamin Disraeli
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 133 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 133 venjamin visraeli Zum 50. Todestage am 19. April 1931 Von Dr. B. Scgalowitsch Vorbemerkung der Schriftleitung. Im Berliner Verlag „Kedem" erscheint soeben eine stoffreiche und eindringliche Arbeit von Boris Segalowitsch über „Benjamin Disraelis Orientalismu s". Der Verfasser ist der Schwiegersohn des bekannten Berliner Gelehrten und Folkloristen Professor Heinrich Loewe. Die vorige Generation schöpfte ihre landläufigen Kenntnisse über Disraeli aus der Biographie von Brandes, die 1879 zum erstenmal bei Paetel in Berlin erschien, rv i r nehmen Maurois, den französischen Emil Ludwig, zur Hand. Zu den großen, vielbändigen, gelehrten Biographien und Briefsammlungen von Monnypenny und Buckle, Matthew Arnold usw., ferner zu den großen einschlägigen Geschichtswerken des 19. Jahrhunderts greift fast nur der Fachmann. Segalowitsch kennt die ganze umfassende Literatur; aus feinem Buch lernt man viel mehr als aus Brandes und Maurois. Sein Hauptproblem ist das ununterbrochene Verbundensein des englischen Staatsmannes mit dem jüdischen und orientalischen Wesen, die Tatsache, daß Disraeli nicht nur von Juden stammte, sondern Zeit seines Lebens im Banne dieses Schicksals stand. Wir freuen uns, von dem ausgezeichneten Kenner die folgende Skizze bringen zu können. Der kürzlich verstorbene große Anglist Wilhelm Dibelius hat Benjarnin Disraeli als den „zweifellos bedeutendsten Staatsmann Englands iin 19. Jahrhundert" bezeichnet: und doch sei er dem „Herzen der Engländer stets fremd geblieben". Man vergegenwärtige sich einmal, wie bedeutungsvoll eine solche Erscheinung ist: Deutschlands größter Staatsmann sollte keinen Eingang in die Seele des deutschen Volkes gesunden haben . . .; Das Unausdenkbare eines solchen psychischen Vorganges läßt uns die von Dibelius paradox zugespitzte These in ihrer wahren Bedeutung erkennen. In der Tat stellt uns das historische Phänomen, daß die englische Nation einen Mann wie Benjamin Disraeli, den „alien Patriot" (den „Fremdling als Patrioten") — wie der Titel einer englischen Biographie lautet —, nicht nur zum Parteiführer, sondern auch zum höchsten Lenker des englischen Jinperiuins erwählt hat, vor fesselnde, freilich schwer lösbare Probleme der Soziologie und Völkerpsychologie. Als der zwölfjährige Knabe auf das Drängen der Freunde seines Vaters hin inr Jahre 1817 die Taufe enrpfängt, ahnt er gewiß nichts von der Cntscheidungsschwere, die dieser Schritt für sein Leben haben sollte. Welch ein Gegensatz zu dein bewußten, schwer abgerungenen Entschluß, mit dem Disraelis kontinentaler Kollege, der Enkel von Abraham Uhlfelder, des Vorstandes der jungen jüdischen Münchener Gemeinde, der spätere Führer der Preußisch-Konservativen, Friedrich Julius Stahl, alias Jolson, das Band zwischen sich und der jüdischen Welt seiner Väter zerschnitt. Man lese die neue, so lange erwartete Stahl-Biographie von Gerhard Masur, um an diesem Analogiesall die Stärke des jüdischen Elements bei Disraeli ermessen zu können. Während der Heidelberger Student seiner Burschenschaft einen Versassungsentwurf ausarbeitet, der Juden und Ausländern die Aufnahine versagt, sitzt der Londoner Autodidakt in der reichen Bibliothek seines bücherfreudigen Vaters und vertieft sich in die Geschichte seiner Vorfahren, stets bemüht, zu den verschütteten Quellen seiner eigenen Existenz vorzudringen. Cr stößt bei diesem Studium auf die legendäre Gestalt des David Alroy, jenes Pseudo-Messias, der im 12. Jahrhundert eine jüdische Freiheitsbewegung entfachte. Die bald darauf unternommene Orientreise führt Disraeli zum Durchbruchspunkt seiner „ideal ambition": noch in Jerusalem beginnt er mit der Abfassung seines „David Alroy". Das 183Z erscheinende Buch bildet den Schlußpunkt seiner bis zum Nihilismus treibenden Jugendkämpfe und ist gleichzeitig der Beginn einer politischen und literarischen Produktivität, die ihm 1837 den Unterhaussitz verschafft, um den er sich mehrmals vergeblich beworben hatte. Der vorher als Radikaler auftretendc Politiker schließt sich nunmehr den Konservativcn an und rückt durch seine scharfe Opposition gegen Robert Peels Getreidefreihandelsgesetze an die Spitze des Schutzzollflügels seiner Partei. So steigt er von Stufe zu Stufe, wird in den fünfziger Jahren zweimal Finanzminister und schließlich nach der Durchführung der staunenerregenden, die Liberalen übertrumpfenden zweiten Reform-Bill von 1867 zum ersten Male Premierminister. Die eigentliche Machtentfaltung, die Durchsetzung seines dreißig Jahre früher im Orient-Roman „Tancrcd, oder der neue Kreuzzug" angekündigten Orient-Imperialismus bringen erst die letzten Jahre seines kampferfüllten Lebens: die Erwerbung der Suez- Kanal-Aktien, die Proklamierung der Königin Viktoria zur Kaiserin von Indien, die Anexion der Insel Cypern sind Leistungen, die der über siebzigjährige Greis auf dem Höhepunkte seiner politischen Laufbahn vollbracht hat. Wenn es richtig ist, was Hermann Kantorowicz in seinem Buch über den „Geist der englischen Politik" sagt, daß der hervorstechendste Zug dieses Geistes die „Irrationalität" ist, so zeigt sich hier einer der tiefsten Gründe für die tiefe seelische Kluft zwischen Disraeli und dem englischen Volke: kein englischer Politiker hat dieses Maß an politischer Rationalität aufgebracht wie Disraeli. Das Orient-Reich, an dem er für England baute, entstand nicht „in einem Anfall von Ohnmacht", wie der Historiker John Sceley die Entstehung des englischen Weltreiches charakterisiert, sondern nur mit schärfster Berechnung und jener Zähigkeit, die das konservativste Volk der Erde auszeichnct, hat Disraeli sein politisches Gebäude errichtet. Und doch war er bei all seiner politischen Berechnung, die sich in der A r t der Durchführung seiner Pläne, in der Wahl und dem Einsatz seiner Mittel zeigt, doch gleichzeitig einer der größten Romantiker aller Zeiten auf dem Felde der Politik. Denn er gehört nicht nur struktur-psychologisch zu jener Mischform des ästhetischen Machtmenschen (Spranger), der auch den L>taat romantisiert, sondern ist seiner politischen Grundkonzeption nach ein typischer Romantiker. Das englische Imperium wird bei ihm gemäß der Definition von Carl Schmitt das „occasionellc Objekt" seiner romantisierenden Tendenzen, indem dieser „zufällig" in England geborene Jude dem englischen Weltbild den Stempel seiner jüdischen Eigenart aufdrückt. Denn daß seine irrationale Sehnsucht zum Orient jüdischen Urquellen entsprang, wird niemand bezweifeln, der Disraelis prophetischen Ausruf im „Tancred" vernommen hat: „Ein Volk, das seine Weinlese zu feiern nicht aufhört, obgleich cs keine Früchte zu ernten hat, wird seine Weingärten einstmals wieder erringen." »lolfratshausen I. Zur Ausbildung unserer Töchter Wenn man mit der Bahn von München aus sich Wolfratshausen nähert, so eröffnet sich dem Blick ein wunderbares Landschaftsbild, mit dem sich wenig Gegenden in deutschen Landen an Schönheit vergleichen können. Cs ist das großartig erweiterte Jsarbett, im Hintergrund sind die nahen Berge, und die nächste Umgebung bilden große Wiescnflächen, ausgedehnte Waldungen. Cs muß eine Freude sein für junge Menschen, hier eine Arbeitsstätte zu finden, und cs wirkt besonders für jüdische Mädchen in hohem Maße erzieherisch,' wenn sic auf so schöne Weise zurück zur Natur geführt werden. Denn cs ist wohl kein Zweifel, daß in dein starken geistigen Streben, das die Juden vielfach auszeichnet, ein wenig die Verbundenheit mit der Natur verloren gegangen ist. Und gerade die Natur ist und soll sein ein Trost in unserer schweren Zeit. Sie erstrahlt in ewig gleicher Ruhe und Schönheit, auch wenn Leidenschaften und Haß die Menschen quält; sie verjüngt sich alljährlich in ewig gleicher Üppigkeit und Fülle und soll uns hinleiten zur Bewunderung und zum Staunen vor der Größe der Schöpfung und des Werdens. Es ist ein Grundgedanke unserer Schule gewesen, daß eben gerade die H a u s h a l t u n g s s ch u l e auf dem Lande ein besonderes Bedürfnis für jüdische Mädchen sein müßte, und darum hat die Orts-