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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-05-01 · 9 (1.5.1931) · p. Seite 130

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
9 (1.5.1931)
Article
Etzel Andergast [Rezension]
Date
1931-05-01
Page
Seite 130 (sequence 1)
Language
German
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130 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 „Etzel ttndergast', - Das „Iudenlied" und der Nationalsozialismus in Jakob Wassermanns neuestem Roman Jakob Wastermann griff erst verhältnismäßig spät aktiv in den politischen Gegenwartskampf um die Iudenfrage ein, mehr gezwungen als aus ursprünglichen jüdischen oder politischen Neigungen. In seinen: - außerordentlichen, vielleicht am wenigsten gekannten Buch „Lebensdienst" (Leipzig, Grethlein 1929), das auf fast 600 Seiten Studien, Erfahrungen und Reden des Dichters aus drei Jahrzehnten umfaßt, stehen nach den bitteren autobiographischen Blättern und Betrachtungen aus den: Jahre 1921 („Mein Weg als Deutscher und Jude") die wichtigsten Äußerungen zu dem Problem. Hier ist vor allem die programmatische Besprechung von Aage Madelungs Roman aus dem Jahr 1913 „Die Gezeichneten" wieder abgedruckt. Als sich Wastermann anläßlich dieser großen Anklageschrift des schwedischen Autors mit dem Kiewer Ritualmordprozeß beschäftigte, schrieb er — 1913 — den noch heute gültigen Satz, der den nutzlosen Aufwand von „Abwehr" und „Aufklärung" schon vor fast zwanzig Jahren hätte beenden sollen: „Cs (er meint die russische Prozeßführung) ist Politik, meuchlerische Politik, und auf solche Politik mit Attesten zu antworten, die beweisen sollen, daß man artig und fromm war, ist so, wie wenn einer, der. aus dem Hinterhalt mit vergifteten Pfeilen beschosten wird, ausruft: Warten Sie ein bißchen, bis ich mein Schulzeugnis geholt habe." Jakob Wassermann interessiert das Iudenschicksal nur in seinen: Kampf um Gerechtigkeit. Sein jüdisches Lebensgefühl ist ein rein negatives,' das Gefühl der Trostlosigkeit und der ungerechten Behandlung. Wie er um die Iudenfrage gerungen hat, zeigt sein neuester Rornan „Etzel Andergast": keine Fortsetzung des „Falls Maurizius", mit den: nur der Name der Hauptfigur gemeinsam ist. Das Thema des neuen Romans ist die menschliche Verwirrung der Nachkriegsjugend und ihre Konfrontierung mit dem herrschenden Geist und Ungeist der Vorkriegszeit. Wie dieses Thema durchgeführt wird, soll hier nicht weiter erörtert werden. Nur um die Behandlung des Iudenproblems soll es hier gehen: Die Gestalt eines zweiundzwanzigjährigen Grafen namens Grünne geistert über die Szene, „in einer alten ledernen Automobiljacke", „das dazugehörige Auto garagiert auf dem Mond", glühender Pattiot, ohne Subsiistenzmittel, Nationalsozialist. „Bei irgend einem zufälligen Anlaß kam die Rede darauf, Grünne ging scharf ins Zeug und sagte, die Juden seien das tödliche Gift im nationalen Körper, ohne sie wäre solches Unheil nie über Deutschland gekommen, sie unschädlich zu machen sei der erste Schritt zur Wiedergburt. Etzel (der Held des Romans) schien eine Weile sehr nachdenklich, er spürte die echte Verzweiflung und die echte Überzeugung in den Worten des Kameraden, er konnte nicht widersprechen und wollte es auch nicht, da er einsah, daß da mit Gründen nichts auszurichten sei, es war ein zugefrorenes Terrain, und es aufzutauen war eine Frage der Temperatur, nicht der Worte, nicht des Geistes. „Kennst du denn eigentlich Juden?" erkundigte er sich schließlich, „hast du schon mit welchen verkehrt?" Davor möge ihn Gott bewahren, erwiderte der Graf, er hoffe auch künftig von ihnen verschont zu bleiben. „Du bist ein Kamel", sagte Etzel, „ich wette mit dir, daß du mindestens einem halben Tausend schon die Hand gedrückt hast. Was stellst du dir denn vor? Glaubst du, sie wagen Hörner und sitzen nachts auf den Bäumen? Ich werde dich nächstens mit einigen zusammenbringen, es sind manchmal famose Kerls, sag ich dir,, du wirst deine blauen Wunder erleben." — „Danke bestens", hatte Grünne erwidert, „dann kannst du gleich deine Karte mit p. p. c. bei mir abgeben." Was für ein Satan ist in die Menschen gefahren? war Etzels verwunderter Gedanke gewesen; sie hasten, und warum? weil sie hasten. Ohne Kenntnis des Objekts; sozusagen aus unschuldigen Herzen; der gute Grünne wenigstens und viele von seiner Gilde. Ein soziologisches Rätsel. Da ist offenbar kein Kraut dagegen gewachsen, man müßte die Köche in den Giftküchen zu fasten kriegen, die ihnen den Haß schmackhaft und appetitlich auf den Tisch liefern..." Das Gegenstück zu diesem jungen Grafen eine jüdische Kreatur, namens Mewer, Sekretär einer amerikanischen Philanttopin, dürr und armselig von Statur! „Sein Gesicht denunzierte ihn bei allen Spöttern und Hassern, das empfand er als sein Spezialpech und bezeichnete es als ethnologische Schlamperei." „... Die ätzende Bitterkeit seiner Seele bewirkte nicht nur, daß er sich bekannte, sondern auch, daß er sich, halb schmerzlich, halb zynisch, übertrieb. Darin lag ein gewisser schamloser Trotz, besten Quelle die Aussichtslosigkeit einer demütigenden Situation von weltgeschichtlichem Ausmaß war. Im Jahr 1920, er war damals noch ein Knabe gewesen, hatte sich sein um zwölf Jahre älterer Bruder aus diesem Grunde erschossen. Nachdem er als Freiwilliger den ganzen Krieg mitgemacht und viele Auszeichnungen erhalten hatte, wurde er von einer studentischen Verbindung, der er seit vielen Jahren angehörte, wegen seines Judentums ausgeschlossen. Die besondere Roheit dieses Aktes und die Folgerung, die der Bettoffene daraus zog, hatten dem Fall seinerzeit die allgemeine Aufmerksamkeit zugewendet. Cs war an einem Festabend geschehen. Erst sollte eine Programmdebatte stattfinden> daran anschließend Konzert und Tanz. Einer der ersten Anttäge lautete, es solle darüber abgestimmt werden, ob Juden in der Verbindung fernerhin verbleiben dürften. Hermann Mewer, der einer der Gründer war und im Vorstand saß, meldet sich zum Wort. Der Vorsitzende verweigert es ihm zunächst und fragt die Versammlung, ob sie Mewer hören wolle. Die meisten sind dagegen, erst nach langer Beratung versteht man sich dazu. Kaum hat er seine Rede begonnen, als einer der „alten Herren" dem Kapellmeister ein Zeichen gibt. Mewer redet, die Kapelle spielt. Mitten im Satz verstummt er, verläßt seinen Platz, geht ins Nebenzimmer und jagt sich eine Kugel in den Kopf. Er ist mit geladenem Revolver zu dem Abend gegangen. Er hat um die Verschwörung gewußt. Cr war entschlossen zu sterben, wenn ihn die Freunde von einst aus ihrer Gemeinschaft ausstoßen würden. In einem hintcrlastenen Brief war es zu lesen: „Die Erwägung, daß es einem gerecht empfindenden Menschen unmöglich ist, in einer so aller Ehre, allen Anstandes baren Welt zu leben, zwingt mich, dieser Welt den Rücken zu kehren. Gewissenlosigkeit, Verblendung und Haß haben sich der Männer bemächtigt, denen ich ehemals mit Stolz und Freude Kamerad war, und da man mir auch den ritterlichen Waffenschutz nicht zubilligt, ich andererseits zum Verbrecher nicht werden, niedriger Rachsucht nicht nachgeben will, bleibt mir nichts als der Tod." Ein unbefangener Chronist richtete kurz nach dem Selbstmord an die Kommilitonen Mewers die sarkastische Frage: Darf man erwarten, daß die abgebrochene Debatte jetzt noch einmal und ohne Musikkapelle ausgenommen wird? Dieses Erlebnis bestimmte die Lebens- und Geisteshaltung Max Mewers. Als er eines Tages Etzel den Vorgang erzählte, konnte sich dieser vor Verwunderung nicht fassen. „Warum hat er sich denn da erschossen?" fragte er. „Das versteh ich nicht. Nimm mal an, beispielsweise, eine jüdische Gesellschaft setzt mich vor die Tür und aus Kummer darüber schieß ich mich tot. Wäre doch geradezu blödsinnig, was? Well sie sicher besser oder vornehmer oder was weiß ich dünken, soll ich mich umbringen? Damit liefere ich doch keinen Cbenbürtigkeitsbeweis? Siehst du nicht ein, daß das ein kompletter Stiefel ist?" Nein, Mewer sah es keineswegs ein. Mit verbissener Miene antwortete er: „Du stellst die Dinge auf den Kopf, Andergast, weil du sie so, wie sie sind, nicht wahr haben willst. Und damit gehörst du noch zu den halbwegs Anständigen." Etzel wußte von seinen Waremme-Tagen her viel von Juden, viel von jener tiefreichenden Erschütterung des Selbstbewußtseins, an der sie litten wie an einem Erbübel. Er war sich natürlich darüber klar, daß das Argument, mit dem er sich gegen Mewer für den Augenblick salviert hatte, eine dreiste Spitzfindigkeit war, eher eines schlauen Winkeladvokaten wie Etzel Andcrgasts würdig, aber die ganze Frage ging ihm nicht nah, sie bettaf ihn zu wenig, er verstand sie nicht recht, wenn er sich mit ihr zu beschäftigen hatte, geschah es wohl in seiner mutigen und ehrlichen Weise, aber er ermaß weder die Schuld auf der einen Seite, noch fühlte er das Leiden auf der anderen." Dieser nämliche jüdische Sekretär Mewer singt in dem Roman die furchtbaren Strophen des „Iudenlieds", halb Gassenhauer, halb Tempelklage; sechs oder sieben Strophen, die in drastischer Verkürzung das Schicksal seines Volkes schildern. Iahrtausendleid zu einer Iahrmarktsballade verarbeitet und im Moritatenstil vorgetragen. Ahasver als Bänkelsänger! Ein Lied wie in der Dreigroschenoper, aber in dem Zusammenhang der grandiose Ausdruck der Trostlosigkeit und gleichzeitig ein echtes Bekenntnis Wassermanns. Man muß dieses Lied selber Nachlesen. Wie der Dichter mitten in der Behandlung des Generationenproblcms das Iudenlied „auf einem in Fließpapier gewickelten Taschenkamm" aufspielen läßt, gehört wohl in der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit dem Iudenproblem zu den erschütterndsten und großartigsten Dokumenten von dauernder Gültigkeit.

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