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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-05-01 · 9 (1.5.1931) · p. Seite 129

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
9 (1.5.1931)
Article
Inhalt
Date
1931-05-01
Page
Seite 129 (sequence 1)
Language
German
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Kachrichtenblatt öer IsraelMschen Kultuügemeinöen in München/ Augsburg/ Hamberg unü öes VerbanüeS Vaperischer Iseaeüüscher Gemelnöm Dagerilche Israelitische Gemeinöezeitung Kachrichtenblatt öer IsraelMschen KultuSgemeinöen in München/ Augsburg/ Hamberg Erscheint am r. unü -5. jeüen Monats. — Verlag: V. Heller/ München/ Bezugspreis für nicht eingewiesene Verletzer: Reichsmark 4.S0 für Los plinganserstraste 64/ Kernruf 7)664 unü 7)66)/ Postscheck München )-S7/ Jahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Reichspfenmg Schriftleitung: Sr. Luüwig Keuchtwanger/ München/ Grillparzerstraße )S Kamilienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote if Reichspfenntg VII. Jahrgang München, t. Mai 1??1 Nr.p Inhalt: Zum l25 jährigen Bestehen der Münchner Chewra Kadischa — „Etzel Andergast" — Jüdische Kultur und Geschichte im neuesten jüdischen Schrifttum —' Jüdische Archaeologie — Benjamin Disraeli — Wolfratshausen — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Vereine — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayer. Jsr. Gemeinden: Bekanntmachung über Ersatzwahl — Bekanntmachungen der Jsr. Kultusgemeinde München: Betreff: Josef Kronheimer'sche Ausstattungsstiftung — Personalia Zum 125 jährigen bestehen der Münchner chewra kadischa (IsraelMscher Verein für Krankenpflege, vesiattungswesen und religiöse velehrung) Am Lag-Beomcr-Tag des Jahres 5566 (Z. Mai 1806) wurde in der neuerstehenden jüdischen Gemeinde Münchens der erste Verein gegründet. Er trug den Namen „Chewra d'Talmud Tora" und sein Ziel war, tägliches Talmudstudium gemeinsam zu pflegen. Jene dreizehn Männer, die ihn schufen — ihre Namen sind uns noch erhalten — hatten erkannt, auf welchem Fundament das jüdische Gemeinschaftsleben aufzubauen ist. Am Rosch-Chodesch Jjar 5576 (26. April 1816) erstand ein neuer Verein „Chewra d'Gemilut Chasiodim". Seine Aufgabe war die „Beschäftigung mit den Toten und deren Bestattung". Nach weiteren zehn Jahren, am 28. Adar 5586 (7. März 1826) gingen diese beiden Vereine in einen, auf, der den Namen „Chewra Kadischa d' Talmud Tora, Bikkur Cholim u' Gemillut Chassodim" annahm. Ein neuer Zweig der Betätigung war hinzugefügt: Krankenpflege. In dem folgenden Jahrhundert macht der Verein manche Wandlungen durch; die wiederholten Statutenänderungen bezeugen es. Aber auch im Rahmen des durch die Satzungen festgelegten Arbeitsbereiches vollziehen sich Änderungen. Die Aufgaben, die er sich gesetzt hat, sind zu umfassend, als daß er sie bei dem Wachstum und der Entwicklung der Gemeinde dauernd allein durchführen könnte. Sie werden von anderen Vereinigungen mitübernommen. So wird Tora- und Talmudstudium im besonderen Maße bettieben. Und auf dem Gebiete anderer Aufgaben sichert sich die Chewra Kadischa die Mitarbeit neugegründeter Vereine. Die jüdische Gemeinde als solche wendet sich intensiv sozialen Aufgaben zu. Cs ist das geschichtliche Verdienst der Chewra Kadischa, daß sie als erste das gesamte Arbeitsgebiet pflegte, wie es der Name des im Jahre 1826 konstituierten Vereins klar umschreibt. Sie legt auch heute noch darauf Wert, daß diese Aufgaben innerhalb ihres Kreises weiterhin erfüllt werden. Tora wird gelernt an den Sabbaten, an den Abenden von Hoschana Rabba und Schewuot. In der Krankenfürsorge arbeiten an erster Stelle führende Mitglieder der Chewra Kadischa. Notleidende werden wie bisher unterstützt; die alljährliche Mazzotverteilung an Bedürftige wird von dem Verein durchgeführt. Aber die Haupttätigkeit unserer „Chewra" liegt heute wie in anderen Gemeinden auf dem Gebiet der Fürsorge für Sterbende — ihnen in den letzten Lebensstunden nahe zu sein, für Tote — sie nach heiliger Lehre und alter Vätersitte dem Erdboden zu übergeben. Was Menschenliebe an Hingabe zu leisten vermag, welcher Aufopferung auch Menschen unserer Zeit fähig sind, zeigen die „Mis'- askim", die tätigen Männer und Frauen der Chewra. Bei Tag und Nacht, am Alltag und Festtag, ob Krankheiten wüten, ob Krieg durch die Lande, Revolution durch die Städte, Aufruhr durch die Straßen zieht — schwerste Erlebniffe in den-letzten zwei Jahrzehnten stehen vor unseren Augen — immer sind sie zur Stelle, wenn die „Chewra gerufen wird". Andere gehen ungestört ihrem Berufe oder ihrer Erholung nach; die Mis'askim aber unterbrechen Berufstätigkeit und Muße, eilen dorthin, wo einem höheren Berufe gelebt wird: der Menschenpflicht. Die Tätigkeit der Chewra hat nicht allseits die Anerkennung gefunden, die ihr gebührt. Winzig klein die Zahl derer, die dem Mitmenschen letzte Bruderliebe erweisen; gering die Zahl der Mitglieder. Und doch ist es die Chewra, deren Fürsorge unser Körper anverttaut ist, wenn wir selbst nicht mehr über ihn wachen können.... Der Toten der Chewra werden wir gedenken, wenn am bevorstehenden Lag-Beomer-Tag (Dienstag, 5. Mai) 125 Jahre seit ihrer Gründung vergangen sein werden. Man wird am Friedhof wandern von Grab zu Grab, Gebete sprechend, Erinnerungen in sich wachrufend an Führer und Lehrer, an Brüder und Schwestern, die einst im Leben Bruder- und Schwesterpflicht kannten. Viele von denen, die vor fünfundzwanzig Jahren an der festlich begangenen Hundertjahrfeier teilnahmen, weilen nicht mehr unter uns. Der Verfasier der damaligen Festschrift — sie erzählt die Geschichte der jüdischen Gemeinde Münchens vom Jahre 1210 bis 1906 — Rabbiner Dr. Heinrich Chrentteu y/; hat am 28. Tebet 5687 (2. Januar 1927) das Zeitliche gesegnet. Wir gedenken des Rabbiners der Gemeinde, Professor Dr. Coßmann Werner , der am 12. Tammus 5678 (22. Juni 1918) von dieser Erde schied. Stets bestrebt der Chewra den ihr zustehenden Einfluß innerhalb der Gemeinde zu sichern, fand er am Ende jedes Arbeitsjahres wärmste Worte der Anerkennung und des Dankes für das Geleistete. Rabbiner Dr. Chrentteu hielt als Lehrer des Vereines dreiundvierzig Jahre lang Sabbat für Sabbat Vorttäge über die Sidra vor Zuhörern aus allen Kreisen der Gemeinde. Eine seltene Leuchtttaft war es, die von dem Geist dieses Mannes ausging und dunkle Stellen der Tora zu erhellen vermochte. Beide Rabbiner, in Freundschaft verbunden, lösten gemeinsam im Geiste jüdischer Überlieferung die religionsgesetzlichen Fragen, die auf dem Betätigungsgebiet der Chewra — besonders zahlreich und schwerwiegend in der Kriegs- und Nachkriegszeit — auftauchten. Sv wurde die Linie gewahrt, die dem Verein seine Begründer vorgezeichnet hatten. Cs entsprach dies auch ganz dem Geist der Männer, die an -seiner Spitze standen: Moritz Feuchtwanger, Max Wolf, Josef Spanier Unauslöschlich ist die Geschichte der Münchener Chewra Kadischa mit ihrem Andenken verbunden. Nach jüdischer Tradition, in der sie wurzelten, war ihnen der Dienst am Menschen hohe religiöse Pflicht. Heute wird die Chewra von einem Manne geführt, der ebenfalls sein Letztes, Bestes hingibt für seine Menschenliebe: Leo Oppenheimer.

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