Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1931
- Issue
- 5 (15.4.1931)
- Article
- Der jüdische Lehrer von heute
- Date
- 1931-04-15
- Page
- Seite 124 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern 11 2. Als Kämpfer für die Rechte der Minderheit wird der jüdische Lehrer um so leichter ein Bannerträger der Vermittlung, der Überbrückung und des Friedens sein können, als er als Mitglied dieser Minderheit von Natur aus außerordentlich friedlich gesinnt ist und es gewiß, wenn auch oft nur unter Überwindung oft stärkster Hemmungen, solange bleibt, solange die Rechte derselben von der Mehrheit nicht mit Füßen getreten werden. Er läßt sich unbeirrbar von dem alten talmudischen Satze leiten: „En K'li machasik Tobo jother min haschalom" — es gibt kein Gefäß, das mehr Glück enthalten kann, als der Friede. 3. Das Verständnis für politischen Druck und wirtschaftliche Not, das Bemühen, diese zu erleichtern, steigert unsere Hilfsbereitschaft in ökonomischen und gesellschaftlichen Nöten: „Alles für andere, für sich nichts", diese Devise des vorbildlichen Pestalozzi, zugleich seine Grabsteininschrift, stehe uns gerade in der Gegenwart besonders mahnend vor Augen. 4.In großen Nationen bemerkt man nur die einzelne überragende Persönlichkeit, in einer Minorität dagegen zählt jeder und jeder wird gewogen. Jeder bedeutet etwas und ist etwas; aber jeder ladet auch die Verantwortung für das Ganze auf seine Schultern. Der jüdische Lehrer wird daher nie den talmudischen Satz vergessen: „Kol Iisroel arebim seh boseh". — „JederJude bürgt für den andern." Er selbst wird dadurch zu erhöhter Aktivität angeeifert und gleichzeitig zu sittlichen Hebung jedes einzelnen seiner Gemeinschaft. 5.Kritik am eigenen Ich ist daher ein weiteres ethisches Moment in diesem Zusammenhänge. Dr. Ziegler sagt hierüber: Jeder Mensch ist dieser Kritik mehr oder weniger abhold. Man sieht regelmäßig gerne den Span bei anderen, nicht aber den Balken bei sich selbst. Nun setzt aber gerade iy der Minorität die Kritik, intra et extra muros, gewöhnlich sehr scharf ein. Wie die Majorität mit Argusaugen über jedes Glied der Minderheit wacht, wie da trotz unseres Sträubens und unseres Protestes selbst für den Geringsten die Verantwortung der Gesamtheit aufgeladen wird, die Sünden des Einzelnen die Gesamtheit büßen muß, wie die Majorität — vielleicht nicht ganz ohne Berechtigung — die Forderung aufstellt, daß die Minorität, die im Rahmen der Majorität Ehrenämter und Würden zugeteilt haben will, geistig und sittlich doppelt so viel leisten muß als der Gleichgestellte der Majorität, so verlangt das die Minorität selbst von sämtlichen ihrer Mitglieder, namentlich aber von denen, die an ihrer Spitze stehen. Keine Gesamcheit richtet so streng über die Verfehlungen ihrer prominenten Menschen, als die Minorität (namentlich unsere. Der Verfasser). Dieser Umstand ermahnt nicht nur zu Vorsicht — Vorsicht ist noch nicht ethisch — sondern zwingt zur Selbstkritik. Diese aber ist ein ethischer Wert höchster Art (ja — der höchste Grad sittlicher Reife. Der Verfasser). So darf behauptet werden, der beste Erzieher zum Verantwortungsgefühl ist die Minorität, und zwar in dem Sinne der dreifachen Verantwortung: für sich selbst, für die Stellung zur Majorität und schließlich zur Menschheit. Weltgebietende Nationen haben es nicht nötig, die Frage aufzuwerfen, wozu sie da seien. Ihr Existenzrecht ist etwas Selbstverständliches. In ihrem breiten <Älbstbewußtsein hat diese Frage gar kein Recht. Eine Minorität aber muß sich ununterbrochen fragen: Wozu bin ich da? Was will ich? Was soll ich? Die für den jüdischen Lehrer speziell nötigen ethischen Qualitäten ergeben sich hieraus wohl von selbst. Wir glauben, sie hiermit genügend begründet zu haben Wir schließen unsere Abhandlung, im Zusammenhang mit dem verlangten Verantwortungsgefühl, mit Martin B u b e r. Wer diesen hervorragenden Geist zu hören schon beglückt war, wird seine zum Erlebnis werdenden Ausführungen nie vergessen. Für unseren Endzweck glauben wir aus seiner „Rede über das Erzieherische" folgende Stellen auswählen zu sollen: Dieses brüchige Leben zwischen Geburt und Tod kann doch eine Erfüllung sein: Wenn es eine Zwiesprache ist. Erlebend sind wir Angeredete; denkend, sagend, handelnd, hervorbringend, einwirkend vermögen wir Antwortende zu werden. Die Entzündung der Antwort in jenem „Fünklein" der Seele, das jeweilige En brenn-n der Antwort auf die unversehens andringende Rede nennen wir „die Verantwortung". Für welchen Bereich des uns zugeteilten, anvertrauten Lebens wir zu antworten vermögen, das heißt, zu welchem wir eine Beziehung haben und betätigen, die als — in all unserer Unzulänglichkeit — rechtschaffene Antwort gelten darf, für diesen üben wir Verantwortung. Möge jeder von uns diesen Lebens-„Dialog" im Buberschen Sinne führen! Er wird dann auch dessen Worte richtig erfassen, die er über das „Wesen der Erziehung" überhaupt zu uns spricht: „Indem der Erzieher so Mal um Mal gewahr wird, was dieser Mensch in diesem Augenblick braucht und was nicht, führt es ihn immer tiefer in die Erkenntnis, was der Mensch braucht, damit er werde; aber auch in die, was er, der „Erzieher", von dem Gebrauchten zu geben vermag, was nicht, — was schon, was noch nicht. So weist ihn die Verantwortung für diesen ihm zugeteilten und anvertrauten Lebensbereich, je und je für diese lebende Seele, auf jenes unmöglich Scheinende und doch uns irgendwie Gewährte, auf die Selbsterziehung, hin. Selbsterziehung aber kann hier, wie überall, nicht dadurch geschehen, daß einer sich mit sich selber, sondern dadurch allein, daß er, wissend um was es geht, sich mit der Welt besaßt. Die Kräfte der Welt, die der Zögling zum Aufbau seines Wesens braucht, soll der Erzieher aus der Welt „lesen" und „in sich ziehen". Erziehung von Menschen durch Menschen bedeutet Auslese der wirkenden Welt durch eine Person und in ihr. Der Erzieher sammelt die aufbauenden Kräfte der Welt ein. In sich selber, in seinem welterfüllten Selbst scheidet er, lehnt ab und bestätigt. Die aufbauenden Kräfte — es sind ewig die gleichen, es ist die Welt in der Verbundenheit, die Gott zugewandte. Der Erzieher erzieht sich zu ihrem Organ." Wahrlich, eine höhere Bewegung unseres Erzieherberufes ist nicht denkbar. Als ein Schutof schel Hakkodosch Boruch h u als Gehilfe Gottes die Welt erhalten helfen — welch wunderbarer Beruf, aber auch welche außerordentliche Verantwortung! Seien wir uns dieser bis zum letzten Atemzuge stets bewußt! Sprechen wir mit dem Dichter: „Das eine weiß ich, daß durch Raum und Zeit ein Wille geht in ewigen Gesetzen, aus dessen seingewebten Ordnungsnetzen sich nicht ein einzig Menschenkind befreit. Ich bin ein Werkzeug dieses einen Willen, der nicht nach Lust und Leid des Werkzeugs frägt, der in sich selber seine Zwecke trägt, die wir bestimmt sind, fraglos zu erfüllen. W i e wir das Werk vollenden, das wir müssen, das gibt dem Leben Deutung und Gewicht: nur dem zeigt sich sein edleres Gesicht, der sich als Werkzeug fühlt im innersten Gewisse n." personalia Oberlehrer Wähler (Hörstein) wurde ab 1. April an die Volksschule Neustadt a. d. Saale versetzt. Die Volksschulstelle Hörstein wurde eingezogen, wird aber — wie wir hören — als Privatvolksschule weitergeführt. Einzahlungen im TNärz 1931 Von: Dr. Bamberger (Nürnberg) 30.—, Strauß (Windsheim) 5.—, Dr. Fränkl (Augsburg) 30.—, Regensburger (Kriegshaber) 30.—, Heimann (Augsburg) 15.—, Steinfeld (Augsburg) 15.—, Frank (Uffenheim) 30.—, Berlinger (Schweinfurt) 15.—, Stein (Haßfurt) 15.—, Neuberger (Niederwerrn) 15.—, Gutmann (Fürth) 15. —, Grünbaum (Obbach) 15.—, Bernstein (Zweibrücken) 15.—, Sonn, D. (Würzburg) 15.—, Sonn (Buttenwiesen) 30.—, Lautmann (Ems) 15.—, Seliger (Lichtenfels) 8.— RM. Durch: Dr. Bamberger (Nürnberg) 100.—, Frank (Uffenheim) 16. —, Hellmann (Würzburg) 20.— RM. Scheckkonto: Nürnberg 6479. Würzburg, 1. April 1931. M. Hellmann Achawa Aus einer Mitteilung der Achawa entnehmen wir: Zur Ausschüttung der Jahresquoten steht ein Betrag von.rund 3000 RM. zur Verfügung. Im Laufe des Jahres 1931 soll die Frage der Zukunft der Achawa in einer eigens einzuberufenden Sitzung behandelt werden. Die Höhe des Mitgliedsbeitrages wurde nicht geändert. Die aktiven Mitglieder werden gebeten, ihren Beitrag von 4 RM. ohne weitere Aufforderung einzusenden, für Ehrenmitglieder beläuft sich der Mindesbeitrag auf 6 RM. Für den Inhalt der „Mitteilungen" verantwortlich: Max Adler, München.