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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1931-04-15 · 5 (15.4.1931) · p. Seite 123

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1931
Issue
5 (15.4.1931)
Article
Karlmann Wahler, Neustadt a. S.
Date
1931-04-15
Page
Seite 123 (sequence 1)
Language
German
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(Mitteilungen Des Wischen ietjreroereins für kapern S ch r i f t l e i t u n g: Max Adler. München 1931 München. 15. April Nr. 5 | Karlmann Wähler, Neustadt a. S. >'■; | Unsleben, 20. März 1931. Wieder ist ein lieber, treuer Kollege von uns gegangen. Karlmann Wähler, Neustadt a. S., ist nicht mehr! Tiefe Trauer ist eingezogen bei allen, die ihn kannten. Denn wer ihn kannte, der schätzte und verehrte ihn auch, der weinte über seinen allzu frühen Heimgang. Am Dienstag, 17. März d. I., wurde er zu Grabe getragen. Der fast unübersehbare Trauerzug, in welchem alle Glaubensgemeinschaften der Stadtgemeinde Neustadt vertreten waren, bol ein Bild rührender Teilnahme und Ehrung des Verklärten. Herr Bezirksrabbiner Dr. Bamberger (Bad-Kifsingen) gedachte des Verstorbenen ny in einer tiefempfundenen Trauerrede, worin er das musterhafte Lebensbild, feine tiefinnerliche Frömmigkeit und fein segensreiches Wirken würdigte. Innige Worte der Verehrung und Dankbarkeit sprachen Herr Sanitätsrat Dr. Guggenheimer namens der Kultusgemeinde, Herr Oberregierungsrat Dr. Stümmer im Aufträge der Schulbehörde, Herr Prof. D. Guggenmos als Rektor der Mittelschule, Herr Hauptlehrer Blumenthal (Unsleben) als Freund und im Namen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern, Herr Lehrer Schmehling als Vorstand des Bezirkslehrervereins Neustadt a. S., Herr Rotschild, Kultusvorstand Hörstein, im Namen seiner Heimatgemeinde, eine israelitische Schülerin der Berufsschule und ein Schüler der israelitischen Volksschule. Besonders rührend wirkten zum Schlüsse die Abschiedsworte, die unser Kollege Israel Wähler (Hörstein) seinem scheidenden Bruder nachrief. Das Andenken dieses Gerechten sei zum Segen! Der jüdische Lekrer von heule Eine ethisch-psychologische Studie von Dr. Ernst F r ä n k l Fortsetzung und Schluß Dieses heilige Erbe zu bewahren, damit wir unsals würdiger Erbebewähren, ist nun der eigentliche und höchste Sinn und Zweck unserer Eigenkultur. „Noblesse oblige" — Adel verpflichtet. Unsere Eigenkultur ist nun unser Adel, der einzige, zugleich aber auch unser höchster. Wir sagten bereits, daß die zweite Aufgabe der Minderheit der Kampf um ihr Recht ist. Wer das Recht nun haben will, der muß selbstverständlich selbst Recht üben und die moralischen Kräfte in besonders hohem Grade besitzen. Um das, was wir hier meinen, wiederum psychologisch-ethisch zu fundieren, sei folgendes vorausgesetzt: Jedes Individuum wird, je nachdem ihm eigenen inneren Aufbaugesetz seiner geistigen Struktur, zunächst nur in den Werten erfaßt, die für sein Leben in erster Linie entscheidend sind. Das geistige Werden des Menschen ist jedoch kein bloß fließender Prozeß; es ist nicht bloß Entwicklung im engeren Sinne, sondern zugleich sittliche Bildung. Diese aber wiederum ist nicht nur Pflicht gegen sich selbst, sondern auch soziale Pflicht. Die höchste sittliche Bildung, das Ideal der persönlichen Vollendung, das in der Autonomie des sittlich gerichteten Menschen liegt, ergibt sich nun wiederum nach Spranger, wenn man dieses Ideal als die Resultante der Forderung des eigenen Wertwillens und des in ihm aufgenommenen gesellschaftlichen Wertwillens betrachtet. Daher die Forderung: Sei, was du sein kann st, aber sei es ganz! Und wenn man die negative Seite, das Moment der geforderten Beschränkung, auch zum Ausdruck bringen will, so wäre dieser Satz dahin zu überbieten: Sei das Höchste, was du in den Grenzen deiner persönlichen Wertsähigkeit und des sozialethisch Geforderten sein darf st und sollst! Was aber dieses Höchste, konkret genommen, ist, verkündet jedem nur die wertprüfende Stimme in der eigenen Brust, die wir das Gewissen nennen. Soweit Spranger. Für den jüdischen Lehrer nun ist diese Stimme in der eigenen Brust, die Stimme Gottes. „Gott" — Haschern Jisborach — ist für ihn der höchste Wert. Ein „Charakter" sein, eine „Persönlichkeit" werden, heißt für ihn nichts anderes als diesem höchsten Vorbilde nachzustreben, ein wahrhaft frommer Mensch zu werden. Als solcher sieht er in dem Bilde der Himmelsleiter Gott an der Spitze der Leiter. Die Sprossen derselben sind in diesem Bilde für ihn die Abstufungen der ethischen Werte. Je höher er sich selbst zu wahrem Menschentum bilden will, um so mehr Sprossen hat er zu ersteigen. Das Ideal selbst zu erreichen, ist uns Menschen ja versagt. Aber nach dem Satze: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen", ist und bleibt sein Wahlspruch: T o m i m Thi' je im Haschem elokecho! Vollkommen sollst du sein, d. h. in vollem Einklänge sollst du sein mit deinem Gotte! Ehrfurcht durchzuckt und durchbebt ihn, so oft er — und das ist stündlich in der beruflichen wie außerberuflichen Tätigkeit— seiner höchsten Lebensdevise eingedenk ist: „da, lifnemiatoh o me d!" Wisse, vor wem du stehst! Wisse, in wessen Auftrag du deine Mission aus Erden erfüllst! Wisse, vor wem du einst Rechenschaft abzulegen hast, ftir all dein Tun und Lassen während deines Erdenwandels! Daher sein alltägliches Morgengebet El Hakowod, Eten Lecho Schir Wehallel Weeewod Lecho Jom Woleil. Gott der Ehren! Dir will ich weihen Lied und Lob und dienen will ich Dir bei Tag und Nacht. In den Zeiten beglückender Freude wie schwersten niederdrückenden Leides; jedes Geschick will ich als von Dir gesandt, Dich verehrend, als eine Aufgabe betrachten. In Deinem Dienste will ich stehen: Dich will ich ins Leben ziehen undDichverwirklichen,nichtnur „im" Menschen, sondern „zwischen" den Menschen. In meiner eigenen Tat will ich Deine Stimme wahrnehmen und als „Vollendung" äußerster Einsatz für und unbedingte Hingabe an meinen heiligen Beruf, wie Dein heiliger Wille es verlangt, mir stets vor Augen halten. Die ethischen Höchstleistungen, die sich hieraus ergeben, verlangen von dem jüdischen Lehrer höchste Selb st erzieh ung. Nach der talmudischen Lehre: „Keschot, azmecho, weachar keschot acherim!" Schmücke dich erst selbst, und dann erst schmücke andere! wird sein inneres Spiegelbild ihm zeitlebens genügend Stoff hierzu bieten. Und nun diese These auf unsere Minoritätsfrage übertragen! Nach unserer Auffassung von den Aufgaben und dem Schicksale der Minorität —und wir Juden sind ja im Laufe der Geschichte zur Allerweltsminorität nach göttlichem Plane geworden — hat der jüdische Lehrer in dieser Aufgabe als Mitführer den Kampf um das „Recht" der Minorität mitzukämpfen. Da er in diesem Kampfe oft an führender Stelle zu stehen hat, wird er vor allem die Hauptforderung erfüllen müssen: We r R e ch t verlangt, muß vor allem selbst Recht üben. Dies namentlich heutzutage. In einer Zeit, in welcher Haßgebete möglich sind, wird der durch seine erhabene Religion in chm erzeugte Geist wahrer Menschenliebe und Versöhnung: der Überbrückung von Gegensätzen ihn erst recht restlos erfüllen müssen. In einer Zeit, in welcher die schwersten Ehrenkränkungen an der Tagesordnung sind, in der selbst die höchsten Werte ihre Heiligkeit verloren zu haben scheinen, wird der jüdische Lehrer diesen Kampf um das Recht der Existenz der Minderheit nur dann erfolgreich führen, wenn er nicht nur die durch die richtige Vor - und Fortbildung erhaltenen geistigen Qualitäten und Waffen besitzt, sondern auch —> und das ist hierzu ungleich wichtiger — mit moralischen Kräften hervorragend ausgezeichnet ist. Als Glied einer Minorität hat er nun bestimmte ethische Qualitäten schon präformiert in sich. Er hat als Führer der Minorität lediglich diese Qualitäten in erhöhtem Maße in sich zu entwickeln und zu übertragen, also in buchstäblichem Sinne ein wahrer Kulturträger zu sein. Als solche präformierte ethische Qualitäten dürsten sich (in teilweiser Anlehnung an die Arbeit von Professor Ziegler (Karlsbad): „Das ethische Moment der Minorität", veröffentlicht von der „Karlsbad-Loge" 1924) namentlich folgende ergeben: 1. In der Minorität werden geistige und moralische Kräfte sehr lange in Spannung gehalten. Werden diese aus der Latenz an den Tag gebracht, so kann, da sie potentiell und virtuell außerordentlich steigerungsfähig sind. Unmögliches möglich gemacht werden.

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