Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 8 (15.4.1931)
- Article
- Das Hohelied [Rezension]
- Date
- 1931-04-15
- Page
- Seite 120 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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120 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 neue deutsche Interpretationen des berühmten althebräischen Liebesliedes bekommen: ich möchte nach kritischer Prüfung gleich hinzufügen, alle drei von hohem Rang und für das Verständnis des Liedes von entscheidender Bedeutung. Joseph Carlebachs Buch — es tritt auch buchgewerblich als Geschenkbuch für das jüdische Haus auf und ist „Allen Brautpaaren in Israel" gewidmet — ist schon in der vorigen Nummer der Gemeindezeitung zitiert worden; der Abschnitt daraus über das Hohelied im Gottesdienst war hier abgedruckt. Wir haben in erster Linie eine homiletische Leistung der deutschen Orthodoxie vor uns, in der bekannten historischen Prägung von S. R. Hirsch. Diesen Geist atmet das Buch. Ganz fern liegt chm das Ideal des Interpreten, der das menschenmögliche Minimum von Vorurteilen an den Text oder das Kunstwerk heranttägt und seinen Geist willig der Führung des Geistes hingibt, der in dem Objekt lebt. In den so gezogenen Grenzen werden auch die wissenschaftlichen Probleme, die das biblische Buch aufgibt, überlegen, geschmackvoll, scharfsinnig und vor allem mit einer kongenialen Liebe zur Sache und zur großen Idee des gesetzestreuen Judentums behandelt. Darum verschlägt es auch nicht, daß der im Mittelpunkt stehende moralisierende „neue Deutungsversuch" mit einer unbefangenen Betrachtung des reinen Textes nicht vereinbar ist: Die Gliederung des Liedes in die einmalige Geschichte einer bräutlichen und einer ehelichen Liebe. In der Frage „Allegorie oder Liebeslied?" ist Carlebach maßvoll und schließt sich Raschi an: „Ein einziges hat Gott gesprochen, ein zweifaches ist das, was ich daraus gehört" (Psalm 62,12). Beim schwierigsten Vers 6,12: ’DV JTQ31Ö '»JnötP ’tPSJ Tiy-p wird Raschi dagegen ganz übergangen. Carlebach übersetzt: Nicht weiß ich, wie's kommt, die Seele macht zu Vorspann mich und Wagen dieses adligen Geschlechts". Der allegorische Charakter und der wirkliche Sinn der Dichtung schneiden sich nach Ansicht des Verfassers in dieser Stelle. Raschi sieht in dem Vers nicht Vorgänge aus den ruhmreichen, sondern aus den schmachvollen Abschnitten in der Geschichte Israels (sedinas-edlnnow: Zwistigkeiten untereinander usw.) angedeutet. Eine stteng sachliche, wissenschaftliche Haltung kann hier nur feststellen, daß die Textverfassung von 6, 12 zu einer Übersetzungsmöglichkeit nicht ausreicht, die bisherigen Deutungen vom Midrasch bis Carlebach können nur wieder ihrerseits Gegenstand der Deutung sein; sie zeugen nicht von dem Sinn der Stelle, sondern vom Zeitgeist ihrer Erklärer. Carl Gebhardt, der bekannte Spinoza-Herausgeber und Kenner hebräischer Poesie, nimmt die ältere Erklärung von Graetz von 1871 wieder auf, der mit guten Gründen in Schir haschirim eine Kunstdichtung aus der hellenistischen Zeit sah. Gebhardt entfernt aus dieser Interpretation die moralisierenden Tendenzen von 1871 und stellt den ursprünglichen natürlichen Sinn der Vorgänge wieder her. „Mit der Deutung des Liedes der Lieder als eines bukolischen Mimos aus der hellenisttschen Zeit und unter dem Einfluß Theokrits ist für die Interpretation des schwer verständlichen Gedichtes Entscheidendes gewonnen. Es ist Kunstdichtung, muß also aus der Einheit einer künstlerischen Konzeption heraus verstanden werden, und es ist Schöpfung einer kulturellen Spätzeit, die eine weitgehende seelische Differenzierung und psychologische Nuancierung anzunehmen erlaubt." Gebhardts bis ins einzelne durchdachte Neuerklärung von diesem leitenden Gesichtspunkt aus, seine schöne t Übersetzung und der gelehrte Kommentar (6, 12 wird vom Verfasser , mtt Recht nach umsichtiger Auseinandersetzung als hoffnungslos - korrumpiert festgestellt) machen das Studium seiner Schrift zu einer besonders genußreichen und anregenden Lektüre. Der beste Kenner des Alten Testaments in der modernen protestantischen Theologie mit ihrer großen Tradition, aber auch mit ihrer Einseitigkeit, ist jetzt Johannes Hempel. In dem monumentalen Handbuch der Literaturwissenschaft, das kurz vor der Vollendung steht und in mehr als zwanzig textlich und illustrativ außerordentlichen Bänden die Literaturen der ganzen Kulturwelt darftellt, behandelt Hempel in einer vollständig neuen, sehr intensiven Art die althebräische Literatur. Bis jetzt sind zwei sehr reichhaltige Lieferungen erschienen: darin befindet sich die ausführliche Behandlung des Hohenlieds, als Typus des althebräischen Hochzeitsgesanges. Der Verfasser reiht das Buch in die allgemeine Geschichte der Lyrik ein und gibt ihm namentlich in der religiösen Hymnik außerisraelitischer Herkunft seinen Platz. Man kann diese Darstellung jetzt als die modernste, stteng wissenschaftliche Ergänzung zu Carlebach und Gebhardt bezeichnen. Der wissenschaftliche Gesamtbefund über das Hohe Lied ist von dem Referenten der vorliegenden Besprechung in dem (im Druck befindlichen) Band VIII der Enzyklopädia Judaica zusammengesaßt. Neuerwerbungen der Cohmann-Merner-vidUothek der IsraeMisMen Kultusgemeinde München Hebr. 996 Bamberger: Ntuah schel simcha. Hebr. 998 Mechilta ed. Hoffmann. Hebr. 1000 Megilath hamgaleh ed. Posnanski. 2518 Dreyer Karl: Die religiöse Gedankenwelt des Salomo Jbu Gabirol. 2519 Franz Rosenzweig: Eine Gedenkschrift. 2520 Driesen Otto: Bausteine praktischer Pädagogik: Zum Jubiläum des 125jährigen Bestehens des Philanthropins. Fortsetzung auf Seite 123 Brennstoffe aller Reviere in erster Güle Aufträge für Augsburg an Frau Dr. Lehrburger, Augsburg, Kaiserstrafee 431/2 Bayer. Kolli CIl~Kontor b. H. 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