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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-04-15 · 8 (15.4.1931) · p. Seite 118

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
8 (15.4.1931)
Article
Bekanntmachung
Date
1931-04-15
Page
Seite 118 (sequence 1)
Language
German
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118 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 0ir. 6 Aus der ßemeinbe Müncben Bekanntmachung Der nächste Iugendgotkesdienst findet nicht, wie im Gemeindekokender angegeben, am 25., sondern anläßlich des Beginns des neuen Schuljahrs am 18. April 1931 nachmittags 4 Uhr in der Synagoge Herzog-Max-Slraße stakt. München, den 10. April 1931. Das Rabbinat Schulentlasfungsfeier Die Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde München Halle für Sonntag, 22. März, die Schüler und Schülerinnen, die jetzt die Schule verlassen, und deren Ellern zu einer Entlassungsfeier in den Sitzungssaal der Gemeinde eingeladen, die in eindrucksvoller und erhebender Weise verlief. Herr Rabbiner Dr. Vaerwald -verabschiedete namens der Rabbiner und Religionslehrer die Schüler, die zehn bzw. dreizehn Jahre den Religionsunterricht der Gemeinde genossen haben. Anschließend an das Goethesche Wort: „Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom der Welt" sagte er den Absolventen, daß mit dem Ende der Schulzeit das Lernen und Ausbilden nicht zu Ende sei. Jetzt in der Welt gelte es den Charakter zu bilden. Diese Charakterbildung sei wichtiger als die Erlangung von Wissen und dazu sollen die in der Schule — besonders im Religionsunterricht — erworbenen Kenntnisse Hilfe und Stütze sein. Erst durch diese Formung des Charakters erlangen Kenntnisse und Weisheit Wert und Dauer, entsprechend einem Worte eines unserer alten Weisen (Spr. d. V.), das vielleicht als Parallele zu dem obigen Wort Goethes gedeutet werden kann: „Nur die Weisheit des Menschen hat Bestand, dessen Sündenscheu und gute Taten größer sind als seine Weisheit." Im Namen der austretenden Schüler und Schülerinnen dankte der Absolvent des Max-Gymnasiums Kitzinger der Kultusgemeinde, daß sie diese Abschiedsfeier veranstaltet habe und einem Vertreter der Schülerschaft Gelegenheit gebe, deren Gedanken und Gefühle zu dieser Feier Ausdruck zu geben. Er dankte den Religionslehrern für den während der Schulzeit erhaltenen Unterricht und gab das Versprechen, daß die jetzt in die Hochschule oder in den Berus eintretenden Schüler trotz der schweren Zeit ihrer Aufgabe als junge Juden bewußt seien, daß sie ihr Leben im Geiste des Judentums, den chnen der Religionsunterricht vermittelt habe, gestalten wollen. Als Vertreter der Gemeinde richtete Herr R.-A. Dr. Werner das Wort an die Schüler und Schülerinnen. Er betonte, daß diese Schlußfeier ein Zeichen dafür sein möge, daß durch die Beendigung des Religionsunterrichts die Bindung an die Gemeinde nicht aufgelöst sein soll; daß die nun die Schule Verlassenden treue Glieder der Judenheit und der Israelitischen Kultusgemeinde München und eifrige Mitarbeiter an den Aufgaben des Judentums und unserer Gemeinde werden mögen. Er schloß seine zu Herzen gehenden Worte mit einer alten Legende, die — besonders für die Schüler und Schülerinnen, die bei der Feier nicht anwesend waren, denen die Worte des Herrn Gemeindevertreters auch gegolten haben — dem Sinne nach angeführt sei: Der Prophet Elia — der Vorläufer des Messias — saß traurig vor den Toren Roms. Viele Menschen, alte und junge, reiche und arme, gingen an ihm vorbei und frugen ihn: „Auf wen wartest Du?" Sie erhielten keine Antwort. Da kam ein jüdischer Jüngling und richtete an den Propheten dieselbe Frage. Er erhielt die Antwort: „Auf dich!" Auf Euch, ihr jungen Juden, und auf Eure Mitarbeit wartet die jüdische Gemeinschaft! Zum Schluß erhielt jeder Schüler und jede Schülerin «Is Geschenk der Gemeinde ein Buch. Jakob Krämer. „Kalenderreform" in den Lehrkursen der Münchener Kultusgemeinde Die neuesten Bestrebungen zur Reform des bürgerlichen Kalenders veranlaßte die Lehrkursleitung zu einer Vortragsreihe von drei Abenden, an denen Herr Studienrat Adolf Schaalmann über den bürgerlichen Kalender und schließlich über die Reformbestrebungen berichtete. Einleitend gab der Referent einen Überblick über die Entstehung der verschiedenen Zeitbegriffe: Tag, Monat, Jahr, Woche, ferner der Stunde und der kleineren Zeitabschnitte. An der Geschichte des jüdischen Kalenders zeigte er, wie in einem Volk allmählich ein Kalender enfftehen kann, der die Schwierigkeiten in der Verschiedenheit von Mond- und Sonnenjahr so ausgleicht, daß auf Jahrtausende hinaus Berechnungen möglich sind, die mit den astronomischen Beobachtungen übereinstimmen. Von besonderer Bedeutung ist die Fesfftellung, daß das Judentum der Verkünder eines Ruhetages — des siebenten Tages — und damit der Verkünder der Woche im Abendland geworden ist. Am zweiten Abend wurde die Geschichte des Julianisch-gregorian. Kalenders und des griechisch-orthodoxen Kalenders dargestellt bis zur Kalenderreform der Sowjet-Union. Zuletzt wurden die Beweggründe aufgezeigt, welche den Völkerbund zur Vorbereitung einer Kalenderreform veranlaßt haben, die die religiösen Interessen des Judentums aufs schwerste gefährden können. Dabei zeigte der Redner, daß die nach einigen Vorschlägen beabsichtigte Einführung eines namenlosen Tages für viele Interessengruppen gar nicht die Verbesserung bringe, die sie von der Einführung erwarte. Für eine stetige Erhaltung der Woche sei nur dann Gewähr geleistet, wenn die Kalenderreform eine Schaltwoche vorsehe. Rabbiner Dr. H. Levy (Regensburg) in den Münchener Lehrkursen Eine Fülle der Anregung ging von diesen drei Abenden aus, an denen Herr Rabbiner Dr. Levy eine feinsinnige und gewählte Einführung in die Geistesgeschichte des deuffchen Judentums des 19. Jahrhunderts durch Deutung des Lebenswerkes von S. R. Hirsch, Hermann Cohen und Franz Rosenzweig gab. An der Gedankenwelt dieser Gestalten zeigte der Redner drei typische Verhaltungsweisen des jüdischen Denkens zur abendländischen Philosophie: Ablehnung der Philosophie (Hirsch), Gleichsetzung von Philosophie und Judentum (Cohen), Überwindung der Philosophie (Rosenzweig). Wie der Vortragende diesen Rahmen mit lebendem Inhalt fühllte, kann durch ein notwendig stark abgekürztes Referat nicht vermittelt werden. 70. Gehurkslag. Herr Hermann Weinberg in München, Kaulbachstraße 65, konnte am 11. April seinen 70jährigen Geburtstag in voller Frische feiern. Jabotinsky in München Am Samstag, den 25. April, wird der bekannte Führer des extremen Flügels der Zionisten Wladimir Jabotinsky im Rahmen der „Münchener Gruppe der Zionisten-Revisionisten" einen Vortrag „England, Araber und Juden" halten. Jabotinsky ist jüngst 50 Jahre geworden; er ist vor allem als Begründer und Anführer eines jüdischen Freiwilligen-Korps im Weltkrieg, der sog. „Jüdischen Legion" bekannt geworden; seine (im Jüdischen Verlag in Berlin erschienenen) autobiographischen Aufzeichnungen hierüber sind jüngst in der Gemeindezeitung (Nr. 6 dieses Jahrgangs, S. 90) besprochen worden. In den Kämpfen aus Gallipoli erwarb sich Jabotinsky mit seiner Truppe unvergänglichen Kriegsruhm, der auch von seinen Gegnern rückhaltlos anerkannt wird. Als bedeutender russischer Schriftsteller und Regenerator der hebräischen Sprache (er hat z. B. Dante ins Hebräische übersetzt) ist er auch in der kulturellen Friedensarbeit ein jüdischer Führer scharf nationalistischer Prägung geworden. Der Vortrag am 2 5. April findet abends 8.30 Uhr im Konzertsaal des Hotels Bayerischer Hof statt und darf jenseits aller Richtungen auf allgemeines Interesse rechnen. Aus der Semeinde Augsburg Macht und Recht Über dieses Thema sprach am 30. März Herr Rechtsanwalt J.-R. Eugen Gunz vor der Augsburger Ortsgruppe der „Vereinigung für das liberale Judentum". An Beispielen aus dem täglichen Leben zeigte der Vortragende die Verflochtenheit des Rechts mit dem Alltag. Als Ordnung des Gemeinschaftslebens ist das Recht eine Macht, die den egoistischen Urtrieb des Menschen begrenzt. Wenn die Macht des Staates zur Verwirklichung des Rechtes nicht immer ausreicht, so ist dies kein Beweis gegen das Recht, sondern beweist nur die menschliche Unvollkommenheit. In Anlehnung an Jherings „Kampf ums Recht" betonte J.-R. Gunz, daß' man um das Recht stets ringen müsse, wenn es nicht verloren gehen solle. Die Schlußfolgerung hieraus sei, daß die deutschen Juden, deren faktische Gleichberechtigung noch nicht vollständig durchgeführt sei, stets von neuem darum kämpfen müßten. Da zudem das Recht vom Willen des Volkes getragen sei, dürften die Juden nicht abseits stehen und ihre Blicke nach einem anderen Staate richten, sondern müßten eifrig am Leben der deutschen Nation teilnehmen. Reicher Beifall lohnte die

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