Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 8 (15.4.1931)
- Article
- Reichsbund für jüdische Siedlung in Deutschland
- Date
- 1931-04-15
- Page
- Seite 115 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 115 lehens von 100 000 RM. werde stets einen Ruhmestitel der Jüdischen Gemeinde Berlin und der in ihrer Leitung vertretenen Parteien bilden. Für die Fortschritte in Groß-Gaglow gebühre den Herren Güterdirektor Dyk und Rittergutsbesitzer Masse besonderer Dank. Schatzmeister M. Rosenthal betonte die Notwendigkeit, den Betrag von 125 000 RM. für die Arbeit in Groß-Gaglow in diesem Jahre aufzubringen. Die Siedlungsarbeit werde nicht nur jüdischen Landwirten, sondern auch Handwerkern und Kleinkaufleuten die Möglichkeit zu einer Existenzgründung bieten. Es folgte eine Aussprache, an der sich u. a. die Herren Ing. Berliner vom K.j.V., Dr. Wollstein, Rittergutsbesitzer Masse und Sandelowski beteiligten. Herr Strauß vom Verband jüdischer Jugendvereine gab der Versammlung unter großem Beifall bekannt, daß sich sein Verband im Interesse der Herstellung eines lebendigen Kontakts zwischen jüdischer Jugend und jüdischer Siedlungsarbeit mit seinen 120 Ortsgruppen der Arbeit für den RJS restlos zur Verfügung stellen. Nach Annahme eines Antrags, mit den großen jüdischen Organisationen in sofortige Verhandlungen zwecks Beteiligung an der Arbeit des Reichsbundes einzutreten, wurde dem Vorstand Entlastung erteilt. Auf Vorschlag des zweiten Vorsitzenden, Dr. Elkeles, wurde eine Reihe von Statutenänderungen vorgenommen. Die Neuwahl des Geschäftsführenden Bundesvorstandes ergab folgendes Resultat: 1. Vorsitzender Dr. Elkeles, 2. Vorsitzender Chefredakteur Alfred Rosenthal, ferner die Herren Moritz Rosenthal, LGR., Dr. Rau, Dr. Leo Loewenstein, R.-A. Holländer und Dr. Ludwig Tietz. Klärung über den Nationalsozialismus Die folgenden Bemerkungen wollen nicht mehr als eine abgekürzte Übersicht über das seit 14. September riesig angeschwollene und verworrene Schrifttum zu der nationalsozialistischen Strömung bieten. Abwehr und Polemik sollen hier ausscheiden. Auch nach der Aufsatz-Reihe von Friedrich Franz v. Unruh in der „Frankfurter Zeitung" aus der allerletzten Zeit (jetzt auch als Broschüre im Sozietätsverlag erschienen), bleibt das staatspolitisch wichtigste Dokument der grundsätzliche Leitartikel des führenden Berliner Historikers Meinecke in der „Kölnischen Zeitung" (vom 21. Dezember 1930) „Nationalsozialismus und Bürgertum". Meinecke gelangt hier schon im Dezember zu der inzwischen bewährten und allgemeiner gewordenen Erkenntnis: „Sie (die Nationalsozialisten) zu der für das Gänze verantwortlichen Regierung heranzulassen, heißt den Bock zum Gärtner setzen, heißt wirtschaftliche und politische Erschütterungen schwerster Art riskieren." Vielleicht noch wichtiger als diese politische Einsicht und Warnung ist in dem Aufsatz Meineckes die Art, wie die Haltung des Bürgertums zu den Nationalsozialisten geklärt wird: „Man lacht über ihre wirtschaftlichen Forderungen, schilt auch in den Kreisen der oberen Zehntausend gesittet über ihren Stvaßenradau — und doch — merkwürdig, geht in diesen selben Reihen das Geranne über die Nützlichkeit und dermaleinstige Verwendbarkeit sachte weiter. Was steckt eigentlich dahinter? Zugegeben, daß dieser elementare Aufschrei aus den Tiefen deklassierter und zermürbter Volksschichten den Siegermächten einen handgreiflichen Beweis für die wahre Lage Deutschlands geben muß. Aber das allein ist es nicht, was die stille Gunst mancher mächtiger Wirtschaftler für diese so wirtschastswidrig sich gebärdende Bewegung erklärt. Sie sehen in ihr den Sturmbock gegen die verhaßte Sozialdemokratie. Zuweilen scheint es so, als fei der einzige politische Gedanke, von dem sie besessen sind, der, die unbequemen Gewerkschaften zu zerbrechen. Von den Tugenden und Untugenden der Gewerkschaften, die so manche Züge des alten Zunftgeistes übernommen haben, wollen wir heute nicht weiter sprechen. Wir stellen aber auch wiederum die Tatsache fest, daß neben der schlimmen und verheerenden Minuswirkungen der Wahlen vom 14. September auch die eine gute Pluswirkung herausgekommen ist, daß die Sozialdemokratie sich staatspolitisch wieder besonnen hat. Einer ihrer Führer hat das klassisch formuliert: „Hätten wir im Sommer mehr toleriert, so würden wir heute weniger zu tolerieren haben." Die Sozialdemokratie ist heute in dieselbe staatserhaltende Position wieder eingerückt, in der sie einst um die Wende 1918/19 den Bolschewismus von Deutschland hat abwehren helfen. Nur mit dem Unterschied, daß sie damals nur gegen eine Front, diesmal gegen zwei Fronten, gegen Kommunismus und Nationalsozialismus, zu kämpfen hat — genau gesehen, gegen drei Fronten, nämlich auch noch gegen jenen heimlichen oder offenen Haß gewisser bürgerlich führender Kreise. Wir stehen nicht an, einen solchen Haß als das Dümmste und Kurzsichtigste zu bezeichnen, was sich das deuffche Bürgertum in seiner jetzigen weltgeschichtlichen Gefährdung leisten kann." Soweit Meinecke, der weithin angesehene Verfasser von „Weltbürgertum und Nationalstaat", der von der Lehrkanzel Treiffchkes herab die Geschichte der neuesten Zeit zu lehren und zu deuten berufen ist. Von München aus war schon kurze Zeit vorher (im letzten Oktoknr-Heft des „Hochland") von Professor Karl Muth die Taffache eines antibürgerlichen Affekts bis tief in die Schichten des Bürgertums selbst zum Ausgang für den wirksamsten und ehrlichsten Appell der letzten. Zeit gegen die zerstörenden radikalen Gewalten von links und rechts gemacht worden, in dem programmatischen Aufsatz „Die Stunde des Bürgertums." Der Standort eines belehrten Bürgertums wird künftig (nach Muth) innerhalb der noch bürgerlichen Parteien dort zu suchen sein, wo das tiefste Verständnis für die Not des arbeitenden Volkes und die höchste Bereitschaft zur Hebung ihrer Ursachen, zur taffächlichen Vorbereitung einer neuen Wirtschasts- und Gesellschaftsordnung, einer neuen Volkseinheit vorhanden sind. „Das Christentum", das ist die Schlußfolgerung Muths, „das gerade in seinen gläubigen Elementen sich mehr und mehr in eine kleinbürgerliche Welt zu verpuppen droht, wird als geistige Macht nur wieder wirksam werden, wenn es, seiner Frühzeit getreu, sich dem Christophorus der neu aufsteigenden Gesellschaft anvertraut und von ihm sich durch die Wirbel des Zeifftroms an ein neues Ufer hinübertragen läßt." Männer wie Much, der Führer der geistigen Elite des deutschen Kacholizismus und Herausgeber der großen katholischen Kulturzeitschrift, und Meinecke, in dessen Person sich die besten Traditionen des protestantischen Idealismus verkörpern, sind davor geschützt, daß man ihnen die nationale Gesinnung absprechen könnte, weil sie die Frage entschieden verneinen, ob man nicht doch den Hitler und Goebbels den Vorzug vor den Braun und Severing geben sollte. Bis auf den Grund des inneren Gefüges, der Enfftehung und des organisatorischen Aufbaus des Nationalsozialismus dringen drei neuere Schriften: die schon erwähnte Artikelserie der „Frankfurter Zeitung" von Unruh, das stoffreiche und wohlunterrichtete Buch von Walter Oehme und Kurt Caro: „Kommt das Dritte Reich?" (RoWohlt Verlag, Berlin 1930) und die leidenschaftslose Untersuchung von Ernst H. Posse „Die politischen Kampfbünde Deuffchlands" (Junker & Dünnhaupt, Berlin 1930). In dem Abschnitte „Revolution der Spießer" fällt in der Unruhschen Schrift auf, daß er wiederholt Juden als charakteristische Anhängerschaft der Hitlerpartei nennt. „Ein Ehepaar, sie und ihr Mann sind Juden; sie fährt jedes Jahr an die See, schwimmt und spielt Tennis; punktrollert mir gutem Erfolg; flaggt fchwarz-weiß-rot; wäre gern gesellschaftsfähig..." Und kurz darauf: „Schließlich, viele jüdische Typen; Menschen, die jedem Verdacht durch Hakenkreuzschlagen begegnen." Man vermißt jede Spur eines Beweises, daß in den Reihen Hitlers Juden, noch dazu als typische Gestalten, eine Rolle spielen. Das Buch von Oehme und Caro rollt, unterstützt von vielen Lichtbildern, den ganzen Werdegang der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei auf, zeigt die Parteimaschine, die Einzelheiten der militärischen Organisation (Sturmabteilungen) von der „Gruppe" über den „Trupp", den „Sturm", die „Standarte", den „Gausturm" bis zu den fünf „Armeeinspektionen" einschließlich der Bekleidungsordnung und der- Führerabzeichen vom „Gruf" und „Truf" durch die lange Reihe der mittleren und höheren Führer hinauf bis zum „Osaf". Wichtiger und auch wissenschaftlich von Rang ist Passes Buch über die Kampfbünde. Passes gelehrte Arbeiten über den französischen Sozialismus, besonders über die Gewalt-Philosophie Georges Sorel sind wertvoll und geschätzt. Zu den eigentlichen Kampfbünden rechnet er nicht die Nationalsozialistische Partei als solche, sondern nur die Sturmabteilungen, deren Funktionen er mit denen