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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-04-15 · 8 (15.4.1931) · p. Seite 114

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
8 (15.4.1931)
Article
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der deutschen Juden, Zusatzleistung und Berufswahl
Date
1931-04-15
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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114 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 waren es damals nur 16,05 Prozent. Heute im Jahre 1931 ist der Anteil noch einmal so stark gestiegen. Diese Verteilung von Selbständigen und Angestellten von Handel treibenden und anderen Berufen bedeutet eine derartige Abweichung von der allgemeinen beruflichen und sozialen Schichtung, daß für die jüdischen Gruppierungen neue in der amtlichen Statistik unterbliebene Fragestellungen notwendig werden. Mit Gruppierungen wie „Handel", „Industrie", „Verwaltung", „Freie - Berufe" ist für die Erkenntnis des wirtschaftlichen Sonderschicksals der deutschen Juden wenig getan. Nur wenn es gelingt, wenigstens durch Aufstellung von Annäherungswerten in fest umrissenen Berussgruppen in Verbindung mit Einzeluntersuchungen in regional eng begrenzten Räumen nach soziographischer Methode Einkommensverhältnisse, Sicherheit der Position kombiniert mit der Lage der verschiedenen Berufs-, namentlich Handelszweige, vor allem aber ganz bestimmte Differenzierungen im Heer der Angestellten und der frei Berufstätigen, deutlich zu erfassen, wird es möglich sein über jenes Sonderschicksal mehr auszusagen als in den allgemeinen Klagen und in der Summe der zahllosen Einzelbeschwerden sich verbirgt. Mit der Feststellung zunehmender Proletarisierung dringt man in der hier zur Debatte stehenden Frage um keinen Schritt vorwärts; denn die Zunahme der unselbständigen Existenzen ohne weitere Unterscheidung ist erstens an und für sich eine sehr vage, nichtssagende Aussage über das soziale Schicksal einer Gruppe und bedeutet zweitens kein jüdisches Spezifikum, sondern ist im Strukturwandel der Weltwirtschaft und besonders der deutschen Wirtschaft begründet. Hier setzt nun das neue oben genannte Werk von Alfred Marcus ein, indem es abseits der amtlichen Statisttk völlig neue selbständige Untersuchungen über den jüdischen Anteil in Deutschland am Metallhandel, am Bankwesen, an der Textilwirtschaft und am Getreidehandel anstellt und diese Untersuchungen durch eine höchst wichtige und eigenartige regionale Behandlung der Berliner Juden ergänzt. Die Ergebnisse sind frappierend, sie zeigen die Tatsache und die Gründe des vor unseren Augen sich abspielenden radikalen Umwandelungsprozesses der wirtschaftlichen Existenz der heutigen deutschen Juden. Noch bedeutungsvoller ist vielleicht die oben schon berührte Deutung der festgestellten Tatbestände als einer verminderten geistigen Erwerbsveranlagung der deutschen Judenheit infolge des Mangels zusätzlicher Antriebskraft. Die bei allen Bevölkerungsgruppen gleichmäßig wirkenden inneren, sog. „strukturellen" Veränderungen der Gesamtwirtschaft, also die Wendung der kapita¬ Ueicbsbund für jüdische Der Reichsbund für jüdische Siedlung — „Ris" — bezweckt d i e Förderung der Ausbildung und Ansiedlung jüdischer Landwirte und Gärtner in Deutschland und die Förderung bestehender jüdischer landwirtschaftlicher und gärtnerischer Kleinbetriebe durch die gemeinnützige Siedlungsgesellschaft, die „Jüdische Landarbeit G. m. b. H." Über die letzte Generalversammlung des „Ris" berichtet die Jüdische Telegraphen-Agentur (ITA): Am 26. März fand in Berlin die Generalversammlung des Reichsbundes für jüdische Siedlung in Deutschland (RIS) statt. Nach einer Begrüßungsansprache des ersten Vorsitzenden des Bundes, 2r. Leo Loewenstein, erstattete Geschäftsführer Martin Goetz den Rechenschaftsbericht, aus dem hervorging, daß sich dem Reichsbund bereits zahlreiche Synagogengemeinden, Korporationen und Verbände als Mitglieder angeschlossen haben. Mit Hilfe eines von der Jüdischen Gemeinde Berlin im Juli 1930 gewährten Kredits von 100 000 RM. wurde von der Schwesterorganisation des RIS, der Jüdischen Landarbeit G. m. b. H. (ILA), das Gut Groß-Gaglow bei Cottbus erworben. Die auf dem Gute tätig gewesenen christlichen Landarbeiter wurde mitübernommen und die seither neu zur Beschäftigung herangezogenen 23 jüdischen Arbeitskräfte leben mit diesen in bestem Einvernehmen. Antisemitismus ist auf dem Gute Groß-Gaglow und in seiner Umgebung unbekannt. Die Wischen Gärtner gehören der Gärtnergenossenschaft Cottbus an und erfreuen sich größter Wertschätzung seitens ihrer christlichen Berufsgenossen. Gegenwärtig wird listischen Welt zur Organisationswirtschast und die damit verbundene Einengung selbständiger Unternehmerexistenzen, haben bei Beurteilung des jüdischen Sonderschicksals naturgemäß auszuscheiden und bilden keinesfalls einen stichhalttgen Einwand gegen die Berechtigung jener Mehrleistungsforderung an die jungen Juden. Allerdings, nur wer methodisch und stofflich so ausgereifte Studien über die Ursachen der Wirtschaftskrisis unter den Juden wie Marcus vorzulegen imstande ist, hat auch das Recht, so ernsthafte Anklagen und Forderungen bezüglich der Berufswahl und die Zukunftspläne des jüdischen Nachwuchses zu erheben. „Man hat sehr oft den Eindruck", sagt Marcus, „als ob der jüdische Nachwuchs in seinen wirtschaftlichen Plänen entweder überhaupt von keiner Energie mehr geleitet wird, oder aber diese Energie ganz ziel- und planlos, aus reiner Not heraus an Stellen einsetzt, die von vornherein diesen Einsatz völlig aussichtslos erscheinen lassen. Es ist nicht möglich, hier aus dem reichen Inhalt des Marcusschen Werkes Einzelheiten wiederzugeben, es ist vor allem auch nicht möglich, gegen den von dem Verfasser — zu Unrecht oder überflüssigerweise — geforderten freiwilligen Entschluß „zu einer gewissen Proletarisierung" zu polemisieren. Solche Fragwürdigkeiten in dem ausgezeichneten und selbständigen Buch werden ganz unwesentlich gemacht durch die tapfere Feststellung jenes Mangels von Zusatzleistungen, die früher den Juden zum Aufschwung verhaften, besonders des Mangels planmäßiger und gesteigerter Anspannungen des jüdischen Nachwuchses, dessen herabgeminderte Neigung zu vermeintlich „unpraktischen", geistig intensiven Leistungen schon oben konstatiert wurde. Die in diesem Grundwerk an die jüdische Jugend gestellte und wohl begründete grundsätzliche Forderung der Leistungssteigerung und der Anspruchsminderung machen es allein schon zu einer befreienden Tat, die den Dank der jüdischen Öffentlichkeit verdient. Die Hilfe kann nicht von außen kommen; mit ausgezeichneten Gründen hat sich jüngst Ende März bei der Tagung des preußischen Landesverbandes ein so hervorragender Sachverständiger wie Pros. Dr. Julius Hirsch gegen die besonders von Franz Oppenheimer propagierte landwirtschaftliche Ansiedlung von Juden auf deutschem Boden und auch gegen das System der Darlehenskassen bei Gemeinden oder Verbänden gewendet. Nur Selbsthilfe des Einzelnen kann zu Erfolgen führen: Die alte jüdische Einschätzung verdoppelter geistiger Anstrengung, vertiefter und erweiterter Bildung, vor allem aber Verzichtenkönnen und überdurchschnittliche Qualitätsarbeit bleiben die primitiven, aber aussichtsreichsten Rezepte für alle Ausstiegspläne der Jugend, namentlich für die Überwindung der außergewöhnlichen Schwierigkeiten der Gegenwart. Siedlung in veutfchland die Gutsgärtnerei in Größe von 15 Morgen angelegt, außerdem werden noch für dieses Jahr 8 Siedlerstellen mit je einem Haus und 10 Morgen Land besetzt werden. Von dem Boden jeder Siedlerstelle werden 4 Morgen nach den Vorschriften der Gutsleitung bepflanzt, 6 Morgen werden jedem Siedler zum Anbau für seinen persönlichen Gebrauch überlassen. Das gesamte Gut soll auf 40 bis 50 Siedlerstellen ausgeteilt werden. Die Gestehungskosten einer Gärtnerstelle in Groß-Gaglow dürften sich auf 19 000 RM. belaufen, von denen etwa 16 000 RM. im Rentengutsverfahren umgelegt werden, während der Betrag von 3000 RM. von den Siedlern anzuzahlen ist. Die zinsliche Belastung des im Rentengutsverfahren umgelegten Betrages von 16 000 RM. beträgt bloß 650 RM. p. a. Der Gedanke der jüdischen Siedlung hat überall stärksten Anklang gefunden und es besteht die Hoffnung, Mitarbeiter aus allen Organisationen und aus allen Lagern des deutschen Judentums heranziehen zu können. Der Verband der jüdischen Jugendvereine hat Mittel für die Ansiedlung seiner Mitglieder zugesagt, ein Fonds für minderbemittelte Siedler soll geschaffen werden. Mit der Versicherungsgesellschaft Phönix wurde ein Legatversicherungsvertrag abgeschlossen, der die Aussicht auf Beschaffung größerer Mittel für die Bundeszwecke eröffnet. Der Vorsitzende Dr. Leo Loewenstein gab eine Darstellung des Verhältnisses des Reichsbundes zu den anderen jüdischen Organisationen und seines Entwicklungsganges und richtete an die Vertreter der großen jüdischen Organisationen den dringenden Appell, die Arbeiten des Bundes ebenso zu fördern, wie es bisher der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten getan hat. Die Gewährung des Dar-

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