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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-04-15 · 8 (15.4.1931) · p. Seite 113

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
8 (15.4.1931)
Article
Inhalt
Date
1931-04-15
Page
Seite 113 (sequence 1)
Language
German
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Bäuerliche Israelitische GemeinüeZettung Kachrichtenblatt üec Israelitischen Kultusgememüen in München/ Augsburg/ Hamberg unö ües VerbanöeS Bayerischer Israelitischer Gemeinöen Erscheint am 7. unö 75. seüen Monats. — Verlag: V. Heller, München, Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für üas plinganserstraße <$4, Kernruf 73 6 <54 unö 73669/ Postscheck München 3987/ Jahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Rerchspfeuutz vchristleitung: Sr. Luöwig Keuchtwanger, München, Grillparzerstraste ZS Kamillenanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 75 Reichspfenolg VII. Aahrgang München, 15« April IpZs Kr. S Inhalt: Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der deutschen Juden; Zusatzleistung und Berufswahl — Reichsbund für jüdische Siedlung in Deutschland — Klärung über den Nationalsozialismus — Ein neues Werk über das Recht der jüdischen Volksschule — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus bayerischen Gemeinden — Vereine — Bücherschau — Lehrerzeitung — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayer. Ist. Gemeinden: Bekanntmachung: Erlaß des Herrn Reichsministers des Innern betr. Beschimpfungen von Religionsgemeinschaften — Bekanntmachung über Reichsunfallversicherung der Chewroth Kadischoth — Bekanntmachung über die Erweiterung, des Gebietes der Ist. Kultusgemeinde Kleinwallstadt — Perfonalia Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der deutschen Juden, Zusatzleistung und iZeruiswahl In dem unvergeßlichen humoristischen Roman von Thomas Mann „Königliche Hoheit", den die ernst-heiteren Geister von Dickens und Jean Paul noch heute jugendfrisch umschweben, läßt der Verfasser den Prinzen bei einem Rundgang durch das Krankenhaus der Residenzstadt an den jüdischen Spitalarzt die landesväterlich-huldvolle Frage richten: „Haben Sie Ihre Herkunft je als Hindernis auf Ihrem Weg, als Nachteil im beruflichen Wettbewerb empfunden?" Und Doktor Sammet, der jüdische Arzt, blickt etwas verlegen auf feine Uhrkette nieder und antwortet dem Kronprinzen Klaus Heinrich: „Man ist gegen die regelrechte und darum bequeme Mehrzahl nicht im Nachteil, sondern im Vorteil, wenn man eine Veranlassung mehr als sie zu ungewöhnlichen Leistungen hat." Der Dichter, den wir als den guten Geist Deutschlands zu verehren uns gewöhnt haben, rührt hier an eine der Hauptursachen, die dem deutschen Juden im 19. Jahrhundert zu dem großartigen Ausstieg verhalfen, dessen rückläufiger Gang uns jetzt so heftig bewegt; diese Hauptursache war das unausgesetzte Gespanntsein der Juden im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf wie im ideellen Wettbewerb der Geister, ihre Klugheit, ihr überlegenes Verzichtenkönnen, ihre soliden geschäftlichen Grundsätze, ihr Fleiß, ihre Bescheidenheit, vor allem ihre noch ungebrochenen überdurchschnittlichen geistigen Gaben. Die Fähigkeit zur „zusätzlichen" kulturellen und wirtschaftlichen Leistung ist vom deutschen Juden ebenso selbstverständlich aufgebracht worden, wie sie von der Umwelt von ihm als selbstverständlich gefordert worden ist. Der noch heute übriggebliebene Rest führender Persönlichkeiten unter den deutschen Juden, hohe Beamte, Wirtschaftsführer, anerkannte Männer der Presse, erfolgreiche, über ihre Kollegen hervorragende Anwälte, Ärzte, Künstler und Gelehrte sind mit durch jene eben charakterisierten Fähigkeiten, also mit Hilfe ihrer zusätzlichen Leistungen zu Rang und Ansehen gelangt. Heute ist ein Absinken, ein Nachlassen oder Verschwinden dieser Befähigung und Bereitschaft zum doppelten Einsatz der Energien, namentlich bei der jüdischen Jugend allgemein festzustellen, obwohl die Veranlassung dazu in verstärktem Maße gegeben wäre. Mit der größten Deutlichkeit und Schärfe sind diese Feststellungen für die reinen Erwerbsfähigkeiten von Alfred Marcus in seinem grundlegenden Werk über „Die wirschaftliche Krisis der deutschen Juden" (Berlin, Stilke 1931) gemacht worden. Der junge Jude, der gegenwärtig im Begriff steht, sich die Grundlagen seiner ökonomischen Existenz zu schaffen, sei statt anspruchsloser und arbeitsamer als der nichtjüdische Deutsche anspruchsvoller und viel weniger arbeitsam, er versucht in sehr viel kürzerer Zeit viel mehr vom Leben zu erhaschen und „mitzunehmen" als dieser, aus begreiflichen Gründen, aber deshalb mit nicht geringeren unheilvollen Folgen. Da hier die statistisch und empirisch erfaßbaren Tatsachen allein beurteilt werden sollen, möge jene Feststellung der offenkundigen Leistungsverminderung nicht auf die allgemeine verminderte Neigung zu geistigen Anspannungen bei der jüdischen Jugend ausgedehnt werden, besonders da das Nachlassen der intellektuellen Intensität durch eine Mehrung unmittelbarer vitaler, vielleicht auch gemütlicher Anlagen angeblich ausgewogen wird. Wir wollen aber hier bei den greifbaren Tatbeständen der Wirtschaft und Erwerbssähigkeit Halt machen. Das jüdische Schrifttum aller Richtungen hallt wieder von den Problemen der wirtschaftlichen Krise der deutschen Juden. Die Vertretungen in den Gemeinden, Verbänden und in den großen Parteiorganisationen befassen sich immer häufiger mit diesen Fragen. Sieht man näher zu, welches Tatsachen- und Zahlenmaterial sich außer den verminderten Steuereinnahmen als Grundlage der Beurteilung bietet, so sieht man sich trotz einer stattlichen Reihe neuester gründlicher Werke zu dem Problem (die jüngsten Arbeiten von Silbergleit, Ruppin, Zielenziger sind hier öfters behandelt worden) enttäuscht. Denn für eine künftige spezifische jüdische Wirtschafts¬ und Sozialpolitik wäre die möglichst exakte Kenntnis des jüdischen Anteils an der deutschen Wirtschaft in allen Teilen und Verflechtungen notwendig. Von einer derartigen Kenntnis kann aber tat» sächlich nicht die Rede sein. Aus einfachen Gründen: Die amtliche deutsche Statistik über Bevölkerung, Berufe, Wirtschaft, Staatsfinanz kann nur für die Gesamtbevölkerung statistisch-technisch richtigen Fragestellungen und entsprechenden Ausgliederungen enthalten, läßt aber notwendigerweise die für die Juden wichtigsten Fragen außer Acht. Beispiel: In dem Silbergleit'schen Grundwerk ist (für das Jahr 1925) der Anteil der Juden in Preußen an Handel und Verkehr mit 60,8 Prozent der überhaupt berufstätigen preußischen Juden ermittelt, gegen einen Anteil von 17,9 Prozent der in dieser Wirtschaftsabteilung Tätigen bei der preußischen Gefamtbeoölkerung. Es ist nun ein grundlegender Unterschied, ob ein Vevölkerungsteil zu 60 Prozent oder nur zu 17,9 Prozent im Handel sitzt. „Zwei so unterschiedene Schichtungen bedürfen zu ihrer Erfassung in lebendiger Statistik völlig verschiedener statistischer Methoden" (Marcus). Ferner: Während nach den Feststellungen des gleichen Silbergleitschen Werkes nur 17,1 Prozent aller preußischen Erwerbstätigen im Jahre 1925 zu den Angestellten rechnen, sind es bei den Juden 33,8 Prozent; nach einer früheren preußischen Statistik von 1907

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