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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1931-04-01 · 4 (1.4.1931) · p. Seite 9

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1931
Issue
4 (1.4.1931)
Article
Der jüdische Lehrer von heute
Date
1931-04-01
Page
Seite 9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern 9 zu sein? Die3. Frage lautete: Welchen sachlichen und persönlichen Umständen verdankt der jüdische Lehrer von heute seine gehobene Stellung? Der Raum gebietet jedoch, diese drei Fragen zu verschmelzen. Da nun die erste Frage eine rein psychologisch-pädagogische Studie ist, welche in Form eines Vortrages für interne Kreise gedacht war, anderseits der dritte Teil in dem Festvortrag des Kollegen Rosenfeld eingehend eröttett wurde, habe ich mich entschlossen, nur den zweiten Teil in Druck zu geben und versucht, einige Gedanken der übrigen zwei Teile in diese ethische. Studie einzuflechten. Die verschiedene Möglichkeit und Art der hohen Kulturarbeit des jüdischen Lehrers in seinen geheiligten Stätten, Bech Hakneseth, Beth Hammidrasch und Veth Olam (in Gotteshaus, Schule und auf dem Friedhof) ist des öfteren schon erörtert worden. Uns reizte, im Zusammenhang mit dem gegenwärtig so brennend gewordenen Problem der Minoritäten, diese Aufgabe einmal von einem ganz anderen Gesichtswinkel aus zu betrachten, nämlich von dem folgenden Gedankengang. Jede Minorität hat vom Schicksal ihre ewige Aufgabe oorgeschrieben. Es ist der Kampf um ihre Eigenkultur und um ihr Recht. Die Minoritätstugenden pflegen, sie steigern, zu immer reinerer Blüte entfalten, anderseits alle ethischen Schattenseiten zu mindern und zu beseitigen, die aus dem Minoritätsschicksal sich ergeben, das ist die große Mission der führenden Geister jeder Minderheit — auch der jüdischen. Zu den Mitführern der jüdischen Minderheit zählt nun auch der jüdische Lehrer. Seine Aufgabe ist in unserer Zeit in dieser Beziehung die richtige und segensvolle Synthese zwischen Eigenkultur und Kultur der Umwelt herzustellen. Nun trägt von Natur aus jede dieser Minoritäten präformiert ganz bestimmte ethische Qualitäten in sich. Der Kulturträger hat also, ethisch gesprochen, diese Werte spezieller Art nicht nur zu besitzen, sondern muß mit dem Maximalwert ausgezeichnet sein. Welche echischen Werte sind nun speziell für den jüdischen Lehrer von höchstem Belang? Um uns ganz verständlich zu machen über das, um was es sich hier handelt, verweisen wir auf das maßgebende Werk „Lebensformen" von Spranger Für unsere Zwecke sei folgendes angeführt: Die sechs Sellentypen (der Wissenschaftler, der Künstler. der ökonomische Mensch, der mit möglichst geringem Kraftaufwand, größtmöglichen Nutzen erreichen will, der Machtmensch und der religiöse Mensch) zeigen sich auch in allen ethischen Fragen grundverschieden eingestellt. Wer sein sittliches Leben bewußt gestalten will, steht vor der Aufgabe, sein Wertleben zu organisieren. In der Rangordnung, die jeder mit wählender Kraft den einzelnen Wertansprüchen zumißt, liegt angedeutet, daß nicht alle in gleicher Stärke zur Geltung kommen können. Daher der Satz: Sage mir, was dir wertvoll ist, und ich sage dir, wer du bist! Es kann nun Vorkommen, daß gewisse Wertrichtungen sich sogar völlig ausschließen. Spranger weist hier besonders darauf hin, daß in der Struktur des Lebens selber ethische Antinomien enthalten sind, daß der Mensch immer wieder vor Kollisionen persönlicher Wertbestimmung gestellt wird, aus denen er das Herz nicht völlig rein zurückbringt. Er schreibt wörtlich: „Das Herz ist von einem Ideal totaler, ungebrochener Lebensentfaltung geschwellt. Aber wie oft kreuzt sich die wirtschaftliche Notwendigkeit mit den Wünschen der Liebe, wie oft der Wille zur Wahrheit mit dem Willen, einen andern echten Wert durchzusetzen, wie oft die ästhetische innere Harmonie mit der Realistik des Daseins in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Diese Gegensätze sind nicht fortzudeuteln. Sie sind da, und an ihnen entzündet sich die Tragik unseres Lebens; denn das Leben ist durch und durch tragisch." Diese Tragik des Lebens zeigt sich nun auch in dem Schicksal jeder Minorität. Ihre Aufgabe haben wir bereits bezeichnet als Kampf um das Recht ihrer Existenz und um ihre Eigenkultur. Wir wiederholen ferner: Die Minoritätstuaenden pflegen, sie steigern und anderseits alle ethischen Schattenseiten, die jede Minorität naturgemäß hat. zu mindern und nach und nach zu beseitigen, das ist die große Mission der führenden Geister jeder Minderhei — auch der jüdischen. Zu den Mitführern der jüdischen Minderheit zählt nun auch der jüdische Lehrer. Seine Aufgabe, die richtige und segensvolle Synthese zwischen Cigenkultur und Kultur der Umwelt herzustellen, ist in unserer Zeit nicht gerade leicht; denn uns erdrückt ja fast die Umwelt mit ihrer mächtigen Kultur. Was heißt nun ..Eigenkultur" leben? Nichts anderes als religiös ein Sonderleben führen, eigene Welt- und Lebensanschauung haben, den eigenen Ahnenkult mit Stolz hüten und pflegen. Das aber heißt wahrlich durchaus nicht sich isolieren oder gar lossagen von der großen Kultur der Umwelt. Nein — nur die richtige Synchese beider Kulturen kann Ziel und Sinn unserer Kulturarbeit sein. Freuen wir uns, daß wir beglückt sind, in zwei Kulturen zu wurzeln und pflegen wir beide mit gleicher Liebe! Sie sind wahrlich beide größter Verehrung würdig. Die Verschmelzung gerade unserer beiden Kulturen ist und wurde um so leichter möglich als ja unbestritten kein anderes europäisches Volk den Geist wahrer Humanität höher pflegte als gerade unser deutsches Volk'. Man denke an die Zeit seiner Klassiker! Bibel und wahre Humanität aber ist bekanntermaßen völlig identisch. Möchte — dieser Wunsch ergibt sich in diesem Zusammenhang von selbst — die Menschheit dessen eingedenk sein, daß die Ideale der „Heiligkeit" und der „Gerechtigkeit" dem kleinen Volke Israel zu verdanken sind, daß keiner der in der Geschichte glänzenden Namen — Ägypten, Athen, Rom — an ewiger Größe in Vergleich kommt mit Jerusalem. Möchte immer mehr eingesehen werden, was Dr. Hertz (London) in seinen „jüdischen Gedanken" über den Begriff wahrer Kultur uns sagt: Sie ist nicht so sehr das Beherrschen der „Dinge" als das Beherrschen „seiner selbst". Wenn diejenigen Nationen eine Kulturnation genannt werden können, welche den Geistesschutz der Menschheit vermehrt oder ausdehnt, welche eine unterscheidende Note in das Seelenleben der Welt eingeführt, welche der Menschheit einen neuen Gesichtswinkel zum Unendlichen hin erschlossen und durch ihr Leben und nötigenfalls durch ihren Tod die ewigen Werte des Lebens — Gewissen, Ehre Freiheit — verteidigt haben und verteidigen — wahrlich, dann stehen einige der kleinsten Völker, Judäa und Griechenland, an der Spitze der Kulturnationen, als Vorkämpfer des heiligen Erbes der Menschheit." Fortsetzung folgt VereinsmMeilungen Drei liebe treue Kollegen sind im letzten Monat von uns gegangen: Abraham Strauß (Uffenheim), Ascher Eschwege (Frankfurt am Main), früherer Volksschullehrer in Thüngen, und Wähler (Neustadt a. d. S.). An anderer Stelle unserer Mitteilungen haben wir Ihrer gedacht. Ihr Andenken sei zum Segen. Unser Vereinsmitglied Seminarlehrer Bernhard Bamberger (Würzburg) hat das philologische Assessorenexamen abgelegt. Dar Ehrenmitglied unseres Vereines Ehrmann (Friedberg) feierte vor kurzem seinen 75. Geburtstag. Beiden Kollegen auch an dieser Stelle herzlich 212 Oberlehrer S. Freudenberger und Hauptlehrer Fulder (Treuchtlingen) wurden wegen Erreichung der Dienstaltersgrenze un.er Anerkennung ihrer Dienstleistung in den Ruhestand versetzt. Der Bayerischen Lehrerzeitung entnehmen wir, daß nach einem Erlaß des Reichsministers der Finanzen vom 20. Dezember 1930 — S. 2242 A — 6000 III — vom 1. Januar 1931 an, die im Kirchendienste neben- oder ehrenamtlich tätigen Personen insoweit vom Lohnsteuerabzug befreit werden, als im einzelnen Falle die Vergütung für die Dienstleistung insgesamt 40 RM. im Monat nicht übersteigt. München, den 16. März 1931. M. Rosenfeld M. Adler Bezirkskonferenz Fürth. Nächste Konferenz Sonntag, 12. April. Blumenthal. Einzahlungen im Februar 1931 Von: Mannheimer, Dettelbach 15.—; Eldod, Höchberg 25.—; Kahn, Hirfchaid 30.—; Blum, Nürnberg 15.—; Marx, Rothenburg 15.—; Schmid, Ansbach 15.—; Gundersheimer, Brückenau 15.—; Schloß, Aschaffenburg 15.—; Nußbaum, Dahn 20.—; Strauß, Frankfurt 20.—; Schapiro, Bamberg 33.—; Fuchs, Cronheim 30.—; Kissinger, I., Frankenwinheim 7.50; Kissinger, M., Frankenwinheim 7.50; Blumenthal, Hofheim 15.—; Blumenthal, Neustadt 30.—; Lion, Grünstadt 15.—; Ehrenreich, Berlin 10.—; Zielinski, Emden 20.—; Rosenbaum, Ingolstadt 15.—; Lehmann, Eschau 15.—; Krämer, München 30.—; Arler, München 15.—; I. Kissinger, München 15.—. . Durch: Gundersheimer Brückenau 10.—. Postscheckamt Nürnberg 6479. Würzburg, 1. März 1931. M. Hellmann. vüctterschau Iwri Onauchi» illustr. Hebe. Fibel. Von M. Stengel. Verlag Jos. Bels, Wien. Ein erneuter Beweis für die ernste Beschäftigung unserer Zeit mit dem Problem des Erstunterrichtes im Hebräischen. Mit den übrigen neuzeitlichen Fibeln teilt sie alle Vorzüge bezüglich Anlage und Ausstattung (ganz besonders erfreuen die farbigen Bilder): sie bringt aber auch die gleichen Fehler, deren Ursachen aus dem Bestreben, die profane Leselehrmethode auf das Hebräische zu übertragen, erwachsen. Der Fibelbenutzer wird bei der Entscheidung des zu verwendenden Lehrbuches auch dieses in die engere Wahl ziehen. Kissinger. Für den Inhalt der „Mitteilungen" verantwortlich: Max Adler, München.

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