Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 7 (1.4.1931)
- Article
- Mazzen
- Date
- 1931-04-01
- Page
- Seite 101 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 101 „Mazzen"' Von Anna Hagen-Treichel (Frankfurt a.M.) Eine unvergeßliche Erinnerung aus Jugendzeit find mir, dem westpreußischen Landkind protestantischer Konfession, die Mazzen, weiche uns die jüdische Kaufmannsfamilie, bei der wir im nächsten größeren Dorfe unseren Bedarf an Textilwaren deckten, jedes Jahr freundlich zu übersenden pflegte, wenn sie ihr Pesachfest feierte! Stets wurden sie mit der gleichen Überraschung und Freude empfangen, mit Ver- und Bewunderung begrüßt. Ist es doch so, daß Kindern, wie das alte Sprichwort sehr wahr sagt, des Nachbars Brot besser schmeckt als der Mutter Kuchen. Diese Mazzen bedeuteten uns Romantik im All.ag. Auf den Wellen ebenmäßigen, wohlvertrauten Geschehens kamen sie dahergetrieben, wie kleine, geheimnisvolle Jnfelchen, die sich fernab losgelöst von der Scholle einer fremden Welt! Sieverschafften dem Kinde tagelange interessante Beschäftigung. Schon ihre Form, das tellerartige Rund, war so ganz anders als der dicke, braunglänzende Laib des eigenen Brotes. Immer wieder konnte man sie anschauen, das eigentümliche fahle Weiß, hie und da leicht gelb getönt von der Flamme, die zahlreichen „Grübchen" und daneben die blasigen Höcker der Oberfläche, welche man gern mit dem Fingerlein eindrückte. Man versuchte auch, sie zu zählen oder zu raten, wie viel wohl ihrer seien. Herrlich war auch das krachende Geräusch, welches entstand, wenn man ein Stückchen, vorsichtig oder gewaltsam, abbrach, und das sich dann zwischen den malmenden Zähnen angenehm fortsetzte. Schmierte man Butter auf das Gebäck und obendrein noch Honig, so war es ein vollkommenes Fest. Dann knüpften sich Fragen daran, Betrachtungen, Gespräche mit den Eltern, dem Inspektor, den Leuten. So vieles wollte man wissen, Sinn und Bedeutung ihrer Art, wie, warum und wozu sie gefertigt wurden. Ein jeder wußte etwas zu erzählen. Die Wirtin kannte verschiedene Mazzenrezepte, So Makronen von Mazzen gebacken, desgleichen Klöße und ein in Danzig übliches Gebäck: Riemfel, Rimfel oder Chrimsel, aus Mazzenteig, mit Rosinen durchsetzt und in Form einer Roulade zusammengerollt. In Graudenz war eine andere Art der Zubereitung gebräuchlich. Die Mazzen wurden gestoßen, ein Teig daraus gemacht, „mit allem Guten versehen", nämlich Schmalz (es mußte aber Gänseschmalz sein), Eiern, Zucker, Rosinen und Mandeln, je nach Wunsch und Börse, und dann gebacken. Die Kundigen und Kenner mögen mir verzeihen und beachten, daß ich mir keinesfalls anmaßen möchte, hier etwas Neues, Selbsterforschtes zu bringen. Ich will nur aus lebendiger Erinnerung heraus erzählen, allerdings in der Erwägung, daß sich doch vielleicht etwas nur für unser Gebiet (Westpreußen) Charakteristisches darunter befindet. Auch dürste es kulturhistorisch interessieren, wie das jüdische Pesachfest, das nach allgemeinem Volksglauben stets von schönstem, sonnigstem Wetter begünstigt ist, sich in einem andersgläubigen Hause auswirkt und besprochen wird. Eins unserer Mädchen hatte aus ihrem Ort ein Spielliedchen mitgebracht. Es lautete: „Moritz will ein Zicklein schlachten, Schalemachei, scherum! „Sarah muß die Mazzen backen, Schalemachei, scherum!" Beim Absingen ging man paarweise auf und ab, sich über Kreuz an den Händen haltend, die man beim Umkehren mit einem kräftigen Ruck „wechselte". Der Ruck war äußerst beliebt, man konnte ihn kaum erwarten. Von meinem Vater aber, dessen Studien ihn ja zu alten Kultgebräuchen und daher auch zu den Speiseriten besonderer Feste hinführten, empfing ich eine richtige kleine Vorlesung. Ich vernahm, daß Mazzen: „Süßigkeit" oder „Zusammengedrücktes" bedeutet und daß das „Freudenfest der ungesäuerten Brote" der Erinnerung gelte an die Erlösung Israels aus ägyptischer Fron. Der ursprünglich geübte Brauch, die Mazzen an der Sonne zu trocknen, stamme wahrscheinlich daher, weil die Juden bei ihrem Auszug nicht mehr Zeit hatten, den bereits angerichteten Teig zu säuern und zu backen und ihn deshalb roh auf die Fahrt mitnehmen mußten. Erst später wurden sie im Ofen des Hauses gebacken. Jetzt kommen sie natürlich aus der Fabrik wie jede Ware. Diese Fabrikation ist ein anderen Bevölkerungsschichten kaum bekannter blühender Geschäftszweig. In 1 Diese Pluralbildung (statt der bei den aschkenasischen Juden viel gehörten abgeschliffenen Bildung „Mazzes") ist in Deutschland bei Christen und dem jüdischen Am-Haarez seit etwa 1750 häufig. Westpreußen versandte damals die Bäckerei von Kamnitzer in Dirschau ihre Erzeugnisse weithin, ebenso in der Nachbarprovinz Posen die Fabrik Gutkind in Filehne. In kleineren Städten, z. B. unserer Kreisstadt Berent, wurden die Mazzen vom Vorbeter oder Kantor für alle Familien gemeinsam in Wagenladungen bestellt und an sie verteilt. Der Teig wird „maschinell" ausgewirkt und zu Fladen gerundet. Über die Fläche geht das Radeisen zur Schaffung der Vertiefungen, die wohl das Durchbacken erleichtern. Die Mazzen sind von verschiedener Größe, bis anderchalb Fuß im Durchmesser; ihrer acht bis zehn gehen auf ein Pfund. Verschenkt sollen vornehmlich die blasigen Stücke werden. (Vielleicht entsprechen sie nicht den Vorschriften!) Vom Abfall der trockenen Mazzen wird ein besonderes und sehr feines Mehl, das Mazzenmehl, gemahlen, das wir auch kaufen konnten. In den jüdischen Familien unserer Gegend wurden, der Sitte gemäß, an den beiden ersten und heiligsten Abenden, den „Cedernabenden", wie es dort hieß (richtiger ist wohl Seder), Gebet und Segen über die Mazzen gesprochen. Reich und Arm mußte auch Wein trinken, den sich die „Armut", wie man sagte, selbst bereitete aus mit Wasser gegorenen Rosinen. Alljährlich, wenn mir der Kalender das Pesachfest verrät, kommt mir die Erinnerung an die freundliche Gabe der Mazzen von einst, die so viel Freude und Interesse auslöste. Gegessen habe ich sie seltsamerweise nicht wieder seit jenen Tagen. Geschenkt hat sie mir keiner mehr, denn wer sollte wissen um mein ganz persönliches Verhältnis zu ihnen! — und nur geschenkte Mazzen, daran halte ich fest, würden mich mit dem alten Wohlgeschmack und Jugendglück erfüllen. 6us dem Verbände Ludwig Rosenzweig 70 Jahre all Am 25. März 1931 beging Herr Kommerzienrat Ludwig Rosenzweig, der 1. Vorsitzende der Nürnberger Kultusgemeinde und Schatzmeister des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden, sein 70. Geburtsfest. Die Feier gab den zahlreichen Körperschaften und Vereinen, denen der Jubilar seine Arbeit widmet, den willkommenen Anlaß, ihm ihre Verehrung und Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Für den Landesverband überbrachte die Glückwünsche der Präsident des Rates, Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer. Wir behalten uns vor, auf das umfassende Wirken dieses ausgezeichneten Mannes noch in besonderen Ausführungen zurückzukom- Am 15. März 1931 verschied in Stuttgart Herr Regierungsrat Dr. Karl Nördlinger, das lang'ährige rechtskundige Mitglied der früheren Israelitischen Oberkirchenbehörde und des Israelitischen Oberrats, dessen Präsident er in den Jahren 1924—1930 gewesen ist. Der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden und die in der süddeutschen Arbeitsgemeinschaft vereinigten jüdischen Verbände werden dem hochverdienten Manne für alle Zeiten ein treues und ehrendes Gedenken bewahren. ttus der tzemeinde Müncken Vortrag von Herrn Rabbiner Dr. Baerwald in Wiesbaden. Am 18. März sprach Herr Rabbiner Dr. Baerwald im Rahmen der Wiesbadener Veranstaltungen des Jüdischen Lehrhauses über „D i e Juden in der Groß- und Klein st ad t". Wir entnehmen der „Jüdischen Wochenzeitung für Wiesbaden und Umgebung" vom 20. März den wesentlichen Inhalt des Vortrages: Der Redner gab zunächst ein Bild der beiden Lebensräume Groß- und Kleinstadt und schilderte den Einfluß beider Atmosphären auf die Juden. Er stellte zunächst Gleichheit der Einzelschicksale von Juden und Christen unter den gleichen Bedingungen fest, deutete aber auch die besonderen Wirkungen aus die jüdische Gemeinschaft an, die besonders darin bestehen, daß mangelnde Schollengebundenheit, Neigung zu kaufmännischer Betätigung, starker Drang nach Bildungsgelegenheiten sowie ländlicher und kleinstädtischer Antisemitismus fast alle