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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-04-01 · 7 (1.4.1931) · p. Seite 100

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
7 (1.4.1931)
Article
Charakterisierung der jüdischen Minderheit
Date
1931-04-01
Page
Seite 100 (sequence 2)
Language
German
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100 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 der internationalen wissenschaftlichen Gesellschaften zu beleucht ten. Reiche Literaturangaben und mehrere umfangreiche Verzeichnisse erhöhen den praktischen Wert dieses bislang umfassendsten Minderheitenproblems. Das im jüdischen Schrifttum noch nicht beachtete Werk zählt von jetzt ab zu den bedeutendsten Unterrichtsmitteln der für die Juden so wichtigen Minderheiten- Frage. Auch der folgende kurze Abschnitt nimmt einen rein wissenschaftlichen Standpunkt jenseits der bestehenden Richtungen und jenseits aller deklamatorischen innerjüdischen Parteistandpunkte ein. Darin liegt sein großer dokumentarischer Wert. Red. Eine starke Vermischung religiöser und nationaler Gesichtspunkte findet sich insbesondere bei der Behandlung des Problems jüdischer Minderheiten. Allerdings darf gesagt werden, daß erst das Einsetzen des zionistischen Gedankens die Möglichkeit gibt, von einem allgemeinen, umfassenden jüdischen Nationalgefühl zu sprechen. Bis dahin hatte die räumliche Zerstreuung der Israeliten über die ganze Welt und ihr jahrhundertelanges Zusammenleben mit den Angehörigen verschiedener Nationen die Bindung des israelitischen Gemeinschaftsgedankens an ein bestimmtes Territorium gelöst. Die Bildung eines jüdischen Staates erschien lange Zeit ausgeschlossen, wurde deshalb auch nicht angestrebt. Man kann nun gefühls- und erfahrungsmäßig geneigt sein, ein Gemeinschaftsgefühl, das sich nicht mit dem Anspruch auf ein Territorium verbindet, nicht als ein nationales Gefühl zu bezeichnen. Wir kennen keine Parsennation und keine Zigeunernation. Solange also die Israeliten in ihrer Gesamtheit keinen Anspruch auf ein nationales Territorium anmeldeten, wurde ihr zur Gruppenbildung und -erhaltung drängendes Gefühl allgemein nicht als nationalbestimmt angesehen. Die stärkste ersichtliche gemeinschaftbildende Kraft war religiöser Art. Allerdings wurde und wird vielfach übersehen, daß die Religiosität auch der westeuropäischen Juden mit ihrer gewollten tiefen Versenkung in die Erinnerungswerte einer alten, oft glänzenden Geschichte allenthalben Kraft aus nationalen Instinkten sog. Hinter dem reinen religiösen Fürwahrhalten auch der aus den Kreisen von Stammeseinheit, Volkssprache, Volkssiedlung (Ghetto) und Berufstradition losgelösten westeuropäischen Juden stand als stärkere Macht die Stammestradition, die im Zeitalter des Nationalismus alle Zeichen nationaler Bewertung aufzuweisen begann. Nie hätte sonst diezionistischeBewegung gerade auch in Westeuropa einen ähnlichen Einfluß gewinnen können. Aber diese nationale Bewertung der Stammestradition war in Westeuropa nicht so stark, daß sie die Masse der Juden zu einer im modernen Sinne nationalen Einheit mit allen Bindungs- und Trennungstendenzen hätte zusammenschweißen können. Das Judentum in Westeurova verharrte im Zustande eines subpolitischen Stammestums, das, keineswegs einheitlich, mehr oder minder einer nationalen Dämmerung sich hinzugeben schien. Immerhin blieb die Ass imilierung an das umgebende Volkstum in raschem Fortschreiten begriffen. Anders in Osteuropa, wo der Jude geschlossen siedelte oder doch numerisch bedeutende Bevölkerungsbruchteile ausmachte. Hier wurde die Assimilierung gehemmt, einmal durch die unten zu erörternde autonome Sonderstellung der Juden in Polen und Litauen im Mittelalter, zum anderen durch die Tatsache, daß sie fast nirgends einer geschlossenen nationalen Einheit gegenüberstanden, sondern selbst Zuschauer eines nationalen Kampfes zwischen mehreren Nationalitäten bildeten und sich scheuten, durch Parteinahme den Haß eines Teiles der Bevölkerung auf sich zu laden, endlich durch die Ablehnung seitens der fremden Nationalitäten (Progrom!). Diese Sonderstellung bewahrte der jüdischen Bevölkerung das Bewußtsein, eine stammesmäßige, sprachliche (Jiddisch), religiöse und nationale Minderheit zu sein. Soziologie der luden' Das neue Werk Ruppins^ Die vom bekannten Verfasser vor bereits 30 Jahren unter dem Titel „Die Juden der Gegenwart" veröffentlichten Untersuchungsergebnisse werden in vorliegendem Werk auf den neuesten Stand gebracht. Der bisher erschienene erste Band schildert in drei Hauptabschnitten Herkunft und Rasse der Juden, allgemeine Bevölkerungsverhältnisse und wirtschaftliche Verhältnisse. Im ersten Abschnitt wird der Versuch gemacht, das einigermaßen gesichert scheinende Erkenntnisgut über Rasse und Rasseneigenschaften der Juden zusammenfassend darzustellen, namentlich im Hinblick auf die noch immer ungeklärte Frage, ob die besondere jüdische Eigenart mehr durch Umwelt oder mehr durch Rasseanlagen bedingt ist. Der Beoölkerungsabschnitt behandelt Zahl und Verbreitung der Juden nach Ländern, Kulturkreisen und Sprachgebieten sowie nach Stadt und Land, Wanderungen, Geburtenbewegung, Eheschließungen, Sterblichkeit, Todesursachen und Krankheiten, Altersgliederung und Konversionsbewegung. Die gegenwärtige Zahl der Juden schätzt der Verfasser auf 15 bis 16 Millionen gegen etwa 2,5 Millionen um 1800. Diese Entwicklung ist das Ergebnis verschiedener für die Juden bedeutsamer demographischer Vorgänge. Zunächst kommt die Urbanisierung in Frage, welche durch jahrtausendelange Gewöhnung die Juden gegen die schädigenden Einflüsse des Stadtlebens immun machte und ihnen bei der neuzeitlichen Verbesserung der städtischen hygienischen Verhältnisse — als nahezu reinem Stadtvolk — besonderen Nutzen brachte. Ferner verschaffte die Abwanderung aus dem überfüllten ehemaligen russischen „Ansiedlungsrayon" nach Mitteleuropa und Nordamerika den Juden einen weiten und günstigen Lebensraum; die neuerliche Sperrung der amerikanischen Einwanderung hat die 1 A. Ruppin. Soziologie der Juden. Erster Band: Die soziale Struktur der Juden. Jüdischer Verlag Berlin 1930. 522 Seiten und 32 Bildtafeln. Preis Leinen RM. 14.—, Halbleder RM. 18.—. Ausbreitung der Juden über das ganze, ihnen früher verschlossene Gebiet der Sowjetunion zur Folge gehabt. Außerdem ergab sich als neue Erscheinung die im Rahmen der zionistischen Bewegung stattfindende Einwanderung nach Palästina. Im ganzen soll die ostjüdische Abwanderung von 1900 bis 1929 etwa 250 000 betragen haben. Die Zukunft der Juden beurteilt Ruppin ungünstig: infolge ihres besonders ausgiebigen Geburtenrückgangs dürfte die „bourgeoise Schicht" in West- und Mitteleuropa voraussichtlich bald aussterben und zunehmend durch die „proletarische Schicht" aus dem Osten ersetzt werden; dabei gewinnt die Austrittsbewegung immer mehr an Umfang. Im dritten Abschnitt werden dargestellt: Die wirtschaftlichen Wandlungen bei den Juden seit Beginn des 19. Jahrhunderts, allgemeine Berufsgliederung und Einkommensverhältnisse in den verschiedenen Ländern Europas und in Amerika, die Juden in der Landwirtschaft, in Handwerk, Heimarbeit und Großindustrie, im Handel, öffentlichen Dienst und in den fteien Berufen, Beruf und Kriminalität. Aus der Fülle des Stoffes erfährt die allgemeine Erkenntnis vom „Handelsgeist" der Juden eingehende sachliche Begründung. Nicht nur daß die eigentlichen Handelsberufe allgemein eine überdurchschnittliche Besetzung zeigen, auch die meisten sonstigen Berufe der Juden sind in der Regel irgendwie mit dem Handel verknüpft oder Durchgangsstufe zu demselben. Das gilt insbesondere für die jüdische Handwerks-, Heim- und Fabrikarbeit im Textil- und Schneidergewerbe. Für die Darstellung der jüdischen Berufsverhältnisse in Deutschland ist zu bedauern, daß die von H. Silbergleit mit Hilfe der statistischen Landesämter erstellten und kürzlich veröffentlichten einschlägigen Daten von 1925 noch nicht zur Verfügung standen. Im zweiten Bande sollen die durch die Wandlungen in den sozialen Verhältnissen ausgelösten Kräfte und Kämpfe näher dargetan werden. Dr. Ph. Schwartz. SS KUNST-GEWERBE-HAUS

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