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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-03-15 · 6 (15.3.1931) · p. Seite 87

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
6 (15.3.1931)
Article
Religiöse Vorträge in der Synagoge
Date
1931-03-15
Page
Seite 87 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 87 eine glückliche Ergänzung durch den Vortrag 14 Tage später: „Die goldene Regel", von Herrn Rabbiner Dr. Freudenthal (Nürnberg). Die goldene Regel, das ist der Spruch: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu". Dieses negativ gefaßte Gebot der Nächstenliebe kehrt in ähnlichen Formulierungen bei den meisten Kulturvölkern wieder. Vorangegangen damit ist das Judentum. In der Bergpredigt (vgl. Gemeindezeitung vom 15. Februar 1931) hat sich das Christentum den jüdischen Gedanken zu eigen gemacht und ihn der Welt übermittelt. Die goldene Regel tritt uns auch in der griechisch-römischen Literatur, im Islam, in den Lehren von Confucius und Buddha entgegen. Der Höhepunkt auf dem Siegesgang der Goldenen Regel liegt in dem Wort unserer Bibel (des sog. „Alten Testaments"): „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst". Aus diesem Wort fließt der echte Geist des Judentums, das Verbot der Wiedervergeltung. Du sollst Dich nicht rächen und sollst nicht nachtragen". Der Redner verfolgt diesen Grundsatz durch die ganze nachbiblische Literatur, namentlich im Talmud. Den Vorwurf, daß diese Lehre im Judentum Einschränkungen erfahren und praktisch oft nicht befolgt worden ist, dürfen am wenigsten die Vorbringen, die Haß gegen Artfremde und Bekenntnisfremde predigen. Die goldene Regel als höchste sittliche Idee wird sich trotz aller Rückschläge durchsetzen. Die Vorträge der beiden Redner haben in einer ungewöhnlich wirkungsvollen Art einer großen Öffentlichkeit, die weit über die jüdische hinausging, ein Bild des Judentums, seiner Lehre und seiner Ziele gezeigt und damit eine würdige Antwort auf eine unwürdige und unerträgliche Dauerhetze gegeben. Die Vorträge wurden durch Violin- und Orgelvorträge, ausgeführt von Organist Schönnamsgruber und Referendar Dr. Saalheimer sowie durch Gesangsstücke von Frau Ziegler in ausgezeichneter Weife umrahmt. Führungen durch die Münchener Synagoge In diesem und im vergangenen Winter veranstaltete Herr Rabbiner Dr. Vaerwald wiederholt auf Wunsch verschiedener außerjüdischer Kreise Führungen durch die Hauptsynagoge. Den Teilnehmern wurde ein lebendiges Bild von der Geschichte des Synagogenbaus, des Kultus, von dem Hergang des Gottesdienstes und den inneren Einrichtungen der Synagoge (Thoraschrein. Almemor usw.) geboten. Die Geschichte des jüdischen Gottesdienstes ist mit der äußeren und inneren Geschichte des Judentums, seinem Geist und seinen religiösen exemplarischen Gehalt so eng verbunden, daß diese Führungen — von dem kultur- und kunsthistorischen Interesse abgesehen — vom unentstellten Wesen des Judentums den deutlichsten Begriff machen. Ähnliche Führungen wurden auch durch andere Herren, so von Studien-Professor Dr. Klugmann und Herrn Theo Harburger veranstaltet. Das aufmerksame Interesse der Teilnehmer — an den Führungen nahmen regelmäßig je 80 bis 100 Personen teil — zeigte sich an den zahlreichen Fragen, die die Veranstalter zu beantworten hatten. An den Führungen nahmen, z. T. in geschlossenen Gruppen, Schüler und Schülerinnen von Mittelschulen. sowie der Kunstschule mit zahlreichen Lehrkräften, auch eine katholische Hausangestelltenvereinigung teil. Anregungen und Anfragen wegen weiterer - Führungen wollen an Rabbiner Dr. Vaerwald gerichtet werden. Naturschutz und Judentum Im Rahmen der gemeindlichen Lehrkurse hielt am 4. März 1931 Oberregierungsrat Dr. S. Lichtenstädter einen Vortrag über „Naturschutz und Judentum". Nach einer Darstellung des Zweckes und der Bedeutung dieser sich mächtig entwickelnden Bewegung (die im Jahr 1872 in Amerika mit der Schaffung des berühmten Pellowstone-Parkes begann und gegenwärtig wohl in sämtlichen Staaten und Kolonialgebieten kräftige Wurzeln geschlagen hat) und Hervorhebung der Mängel und Unvollkommenheiten, die ihr — sowohl theoretisch als in der praktischen Betätigung — seiner Ansicht nach noch anhaften, legte er seine Anschauungen darüber dar, welche Stellung das moderne Judentum nach den positiven Vorschriften und dem Geiste seiner Religionsquellen hierzu nehmen müsse. Er kommt zum Ergebnisse, daß im wesentlichen die Naturschutz-Idee im Sinne des Judentums liege, daß das — richtig verstandene — Judentum aber noch weitergehende Forderungen 'aufstellen müsse. Mindestens drei mosaischen Gesetzen legt der Vortragende einen Naturschutz-Charakter bei: dem Sabbat-Jahr (III. V. Mos. Kap. 25, II. B. Mos., Kap. 23, 10 und 11), dem Verbote, eine Vogelmutter mitsamt ihren Jungen zu nehmen (V. B. Mos., Kap. 22, 6 und 7) und dem Gesetze, im Kriege die fruchttragenden Bäume zu schonen, mit dem daraus abgeleiteten, ungeheuer weitgehenden Zerstörungsverbote („Bal taschchith"); außerdem ist mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dieser Charakter den Vermischungsverboten (Begattung zwischen verschiedenen Tiergattungen Kelann usw.) beizumessen. Daß die Bibel die Erhaltung der Mannigfaltigkeit in der Pflanzen- und Tierwelt als dem göttlichen Willen entsprechend betrachtet, geht aus dem I. Buch Moses, Kap. 1, 11 ff. und Kap. 6, 19 ff., Kap. 7, 2 ff., deutlich hervor. Dem religiösen Juden kann daher, wie der Vortragende ausführte, die Förderung der Naturschutzbestrebungen, insbesondere auch die Mitgliedschaft an Naturschutzoereinen, empfohlen werden, (so am „Bund für Naturschutz in Bayern", jährlicher Beitrag nur 1 RM., wofür dessen Zeitschrift geliefert wird; Anmeldungen beim Schriftführer, Oberlehrer Rueß in München 23, Römerstraße 4). Dem Vortrage wohnten Staatsrat, Ministerialdirektor a. D. v. Reuter als 1. Vorsitzender des Landesausschußes für Naturpflege in Bayern und 1. Vorsitzender des Bundes Naturschutz in München und andere Vertreter dieses Bundes und seiner Ortsgruppen München-Stadt und München-Land bei. Hefte des Vereinsorganes „Blätter für Naturschutz und Naturpflege" lagen auf; ihr außerordentlich reicher Inhalt (auch an prächtigen Abbildungen) war geeignet, die Kenntnis der Schönheiten unseres Vaterlandes und das Interesse für die Sache des Naturschutzes sehr wirksam zu erhöhen. Aufruf zur Beteiligung am Synagogenchor Herzog-Max-Slraße Die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse, die einen starken Rückgang an Kultusumlagen zur Folge gehabt haben und die Gemeinde zwingen, trotz weitgehender Sparsamkeit ihre Umlagen zu erhöhen, haben die Israelitische Kultusgemeinde München zur Einschränkung aller irgendwie vermeidbarer Ausgaben und damit auch zur Verringerung des Synagogenchors genötigt. Sie war demgemäß gezwungen einen Teil der entgeltlich angestellten Chormitglieder abzubauen, obwohl ihre bisherige Zahl kaum den Größenoerhältnissen der Hauptsynagoge entsprach. Es ist zu befürchten, daß die verminderte Anzahl der zur Verfügung stehenden Sänger und Sängerinnen nicht ausreicht, um in unserem Gotteshaus entsprechend zur Wirkung zu kommen. Wir richten daher an die stimmbegabten und fangeskundigen Damen und Herren unserer Gemeinde die herzliche Bitte, unserem Synagogenchor als ehrenamtliche, freiwillige Mitglieder beizutreten und sich zu regelmäßiger oder turnusweiser Teilnahme an den Freitagabend-, Samstagvormittag- und Feiertagsgottesdiensten zur Verfügung zu stellen. Meldungen nimmt die Gemeindekanzlei entgegen. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß es nur dieses Aufrufes an unsere Gemeindemitglieder bedarf, um unserem Gottesdienst die seit einem Jahrhundert gewohnte künstlerische Ausgestaltung auch in den gegenwärtigen schwierigen Zeiten zu wahren. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München, 27. Februar 1931 Dr. Neumeyer. Frau Dr. Rahel Straus in der Voctragsvereinigung des Jüdischen Frauenvereins Zürichs. Dem „Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz" vom 20. Februar ist zu entnehmen, daß Frau Dr. Rahel Straus im Februar in Zürich einen mit großem Beifall ausgenommenen Vortrag über „Frauenle istung in Paläst i n a" gehalten hat. Der Bericht rühmt die plastische und fesselnde Anschaulichkeit, mit der Frau Dr. Straus aus eigenen Erfahungen die Entwicklung der Frauenleistungen im alten Jischuw vor 24 Jahren bis zu den Arbeiten der „Wizo"-Schulen, der Kinderheime und der Hadassah geschildert hat. — Am folgenden Tag gab Frau Dr. Straus den Züricher Damen einen Bericht über die Dürkheimer Tagung des jüdischen Frauenbundes. Aus der Gemeinde Augsburg Professor Samuel Landauer 85 Jahre Professor Dr. Samuel Landauer in Augsburg vollendete am 22. Februar in bester geistiger und körperlicher Frische das 85. Lebensjahr. Der hochangesehene Gelehrte zählt zu den ersten Autoritäten auf dem Gebiete der orientalischen Sprachen, namentlich des Arabischen. Persischen und Aramäischen. Geboren in Hürden bei Krumbach (Schwaben), besuchte der Jubilar, nachdem er das Gym-

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