Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 6 (15.3.1931)
- Article
- Bild und Gesetz
- Date
- 1931-03-15
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
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Bayerische Israelitische Gcmeindczcitung Nr. 6 das sie zwinge und das sie in sich vernehmen. Auch di-e Systemfeinde, Montaigne oder Nietzsche, stärker als die Aristoteliker verlockt von schönen Augenblicken und ohne den Glauben an die Allmacht gerade der Begriffe, suchten den gebieterischen Logos: der eine fand ihn im Zweifel, der andere im Rausch. Wolfskehl, nicht in seiner Antwort, doch in seiner Frage und noch mehr in seiner Spannung zwischen dem Heut und dem Ewig solchen Geistern verwandt, sucht die Fülle seiner Gesichte zu halten in vernehmlichen Lebensgesetzen: das sind weder berechenbare Naturgesetze, die aus dem Denkzwang des Menschengeistes ihre logische Ordnung empfangen oder erleiden, noch sind es die Sittengesetze, befohlen von der Zauberkraft gewaltiger Herzen, sondern (heute vielleicht noch nicht deutlich formulierbar, doch überall mächtig) Verhängnisse, die in Gleichnissen faßbar sind. Die mittelalterliche Vorsehung, die antike Mora, Haimarmene, Nemesis, überhaupt die ganzen Heidengötter sind solche Lebensgesetze. Wer die Geschichte heute noch nicht nur wissenschaftlich, sondern auch mythisch erfahren kann —beides kann oft derselbe Mensch —, der nimmt auf Schritt und Tritt in Geschichtsgestalten, -stunden, -stimmungen solche überlogischen Wirklichkeiten Wolfskeh! hat im zweiten Teil seines Buches ihrer einige gedeutet, in lockenden oder schreckenden Bildern den Sinn ihrer Strahlung zu enträtseln versucht. Man darf (beiläufig bemerkt) die Mythensicht nicht mit der heute beliebten Mythenmache verwechseln: das ist nur literarische Allegoristik, und selbst der Ausdruck „Mythus" ist so mißbraucht, daß ich ihn nur anwende, weil er noch am ehesten den Blick auf solche Lebensgesetze lenkt. Es wäre selbst für Wolfskehls Buch besser, wenn er nicht durch fragwürdige, unwegsame und noch nicht formulierbare Zukünfte und Witterungen veranlaßt, zu oft an den Grenzen von den Geheimnissen raunte. Doch ist sein Überschwingen (Transzendieren) eine Tugend des Dichtertums, aus der leicht eine Not wird beim Denken. In einer Legende, die „Menschwerdung", hat Wolfskehl am Eingang seines Buches die Verbildlichung des Schöpfungs-Chaos durch den schaffenden Geist gefeiert als das Zu-sich-kommen und Aus-Gott-kommen der dunklen Vielfalt und beklagt als den Heimfall des lauteren Lebens von Element, Gewächs und Getier an das bindende, verengende, nutzende und zehrende Wissen, das im Menschen gierig, aller Frische und Fülle teilhaftig, aller Heimlichkeit und Innigkeit kundig, ohne Einweihung vermöge Zeit und Raum, Sorge und Gedächtnis die unbarmherzige Gewalt ausübt, damit die Welt sich erkenne, nachdem sie aus ihres Schöpfers Willen herausgetreten, sich ihm widersetzt. Eine Wiederkehr (nicht Nachahmung) gnostischer Weltwertung wirkt darin aus einer ähnlichen Angstüberreichen Sinnens, Sehens, Wissens im Dämmer sinkender Bildung, in der Zuversicht der Wiedergeburt aus dem ewigen Grunde. Gerade die sinnengläubigften Nuranbeter leiden an der Zeit als am Zeichen der Vergängnis — gerade sie dürsten nach Ewigkeit, sie sei, wie sie wolle. Beim Übergang der Gestalt- und Tatreligionen, die sich hienieden festwirkten, in die Logosreligion, gewann die Ewigkeit, der Anfang und der Jüngste Tag, den erhabenen Graus, der unter allem Wandel der Zeichen noch heute dauert. Im Widerspruch Zarathustras, im Sehnsuchtsruf der Lust nach Ewigkeit, in Georges Tag- und Nachtgefang schwingt es. Wolfskehls Eingangsgleichnis entstammt dem gleichen Dennoch des Entsetzens. In dem ersten Aufsatz des zweiten Teils, „Geist und Gegenwart", beschreibt er das Schicksal des Geistes in der heutigen Erdenstunde, da zum erstenmal seine Erhaltung und Erneuerung aus fertiggeforschtem, ausgebeutetem, altem Seelenraum ihm obliegt. Die Verzweiflung (im eigenllichen Sinn, nicht nur als Stimmung), das Irrewerden des Geistes und seiner Opfer oder Träger am Sinn seiner Mühen und Spiele, die bängliche Unrast der Sucher, die Scheuklappensicherungen der Besitzer, der babylonische Sprachwirrwarr der Kärrner wie der Könige, die romantischen Fluchten in Spinnwebwinkel und die amerikanische Zielerei von Rekord zu Rekord: ohne Gegreine, ohne Entrüstung, ohne Pflästerchen und Naturheilmittel, ohne bequeme Profetien und pedantische Noten, doch mit der wissentlichen Reife des zuständigen Erfahrsrs deutet Wolfskehl das Ringen des heutigen Bildungswirbels mit dem verstiegenen und dadurch entmachteten Geist. Als Dichter erkennt er die allgemeine Krise an der Sprache. Eine Pfingstbetrachtung, „Das rechte Wort", enthält eine ganze Sprachphilosophie auf fünf Seiten — der Aufsatz „Der Herrscher" eine Erscheinungslehre der tätigen Machtüewahrer und -verwandler — die „Neue Stoa", eine Haltungskunde der gelassenen Betrachter, die weder fliehen noch raffen wollen. „Über historische Treue" und „Überlieferung" erläutern, immer zugleich vom Heut, vom Einst und vom Immer aus, die Möglichkeit, Gewesenes zu hüten, zu verstehen, zu mehren und einzueignen. Dank Wolfskehls Allbelesenheit und mitfühligen Umsicht sind solche Aphorismen keine holzigen Wegweiser, sondern Fahrten durch die Geschichts- und Zukunftsgegenden. Sprache als Beschwörungskraft der Gesichte aus dem Sichtlosen oder als Vermittlung des fremden Geistes in den eigenen, als Umbildung des Bildgewordenen aus neuer Stimme („Deutscher und fremder Sprachgeist", „Von Sinn und Rang des Ubersetzens"), das Wachstum der unsterblichen Sprachwerke aus örtlichen, gleichsam pflanzlichen Lautgewohnheiten („Sprache und Mundart im Deutschen"), und dann die Stete, die Steigerung und die Verfestigung von Zauber, Schauder und Lebensgesetz in winzigen Dingen, dumpfen Sitten, Bräuchen und Zeichen, die Haftung der Himmelsmächte in Hausrat, Spuk' und Fest, das find zwei Lieblingsmerkungen, ja -erleuchtungen des volkskundigen Dichters. Ihnen nachzugehen, mag die Folkloristen, die Religionsphilosophen, die Schüler Jakob Grimms, die Jünger oder Gegner Lazarus Geigers oder Bachofens locken; hier genüge ein rascher Hinweis. Zugänglicher, der allgemeinen Bildung durch Literaturgeschichten und durch die Biographik unserer Tage gleichsam grundiert, sind die „Bilder" des ersten Teils, Gelegenheitsarbeiten im Sinne Goethes, doch allesamt, ob man im einzelnen beistimme oder widerspreche, genährt, manchmal fast gemästet von den neuesten Ergebnissen der Forschung und erleuchtet von ursprünglicher Wahlverwandtschaft oder Polarität, kräfte- und grenzenkundig, d. h. bis in die Liebe und den Widerwillen hinein gerecht. Dem Mann, dem Wolfskehl seine Klärung und seine Bahn schulden will, Stefan George, sind zwei Aufsätze gewidmet, der eine vom Bilderreich Georges, der andere vom Wirkbereich. Des großen mittelalterlichen Dichters Walther von der Vogelweide Fortleben, sein staufisches Staatswort, feine Sitten- und Freudentöne, feine christliche Wandelklage stellt Wolfskehl ins heutige Licht, das ihn näher durchscheint als der zutrauliche Historismus der romantischen Wissenschaft, und durch die Mitleidenschaft gibt die kurze Betrachtung den früheren Forschungen frische Leuchtkraft. Die Verwandtschaft Wolfskehls mit Jean Paul bewährt sich in seinem Jubiläumsaussatz („Dämon und Philister"). Den beiden deutschen Poeten, die aus ihrer Halbfremdl-eit die Sehnsucht, aus ihrer Sehnsucht das leidenschaflichere Mitschwingen und Eindringen errangen, hat Wolfskehl zwei Bilder gewidmet: Clemens Brentano, dem sündigen und tollen Buß- und Heilsruser, dem funkelnden Spieler und Fabler, und Heinrich Heine, dem Genius der ichsüchtigen Weltlichkeit, der im zehnjährigen Todeskampf, erinnert von allen Dämonen oder Gespenstern seiner Herkunft, deutschen, rheinisch-römischen, heimfand ins hebräische Grauen vor dem Geist-Gott. Ich erwähne noch den Aufsatz über Fallmerayer, einen der verlaufenen deutschen Einsiedler, woraus man in geselligeren Ländern einen Nationalruhm gemacht hätte, bei uns ein tristes Wunder... über Lazarus Geiger, den heute noch unsausgeschöpften Sprachendenker, den Entdecker der Sprachgeburt aus dem Sehen. Über beide sagt Wolfskehl das Einsichtigste der gesamten Literatur über sie. Moliere und Rousseau erfahren in diesem Buch, so unermeßlich viel über sie geschrieben ist, über ihren Stil, ihre Abenteuer, Plagen, Lehren, Wirkungen, Leidenschaften, Wähne, zum erstenmal eine lebensgesetzliche Würdigung, wodurch sie verständlicher unk sinnfälliger werden. Ich übergehe Personalien und Kuriositäten, Stammes- und Ortserinnerungen des unerschöpflichen Buchs. Seine Exuberanz wird jedem etwas bringen, vom sorglichen Fachgelehrten bis zum ungeduldigen Kulturphilosophen. Auch Widersprüche wird und soll es genug erfahren, zumal in unserem Land, da es hundert Gemeinden um hundert Sonderheilande gibt, deren jeder den Seinen entweiht dünkt, wenn man ihn nicht vergötzt. Wichiger als Beifall oder Widerspruch zu Wolfskehls einzelnen Urteilen oder Bildern oder seinen Richtungen ist an dem Buch, daß es geistig, stofflich, herzlich, aus der Fülle stammt. Es hat nichts „Mageres", kein Gestänge und Geklapper, und dabei trotz den üppigen Ranken der Stegreifeinfälle keine Wirrnis. Seine Dunkelheiten kommen aus der Stoßkraft des Eindringens und Heraufhebens selbst, seine Klarheit ist die Selbstdarstellung der Wandelkräftr, wovon es zeugt.