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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-03-15 · 6 (15.3.1931) · p. Seite 81

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
6 (15.3.1931)
Article
Inhalt
Date
1931-03-15
Page
Seite 81 (sequence 1)
Language
German
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Nachrichtenblatt üer Israelitischen Kultusgemeinüen in München/ Augsburg/ Hamberg unü öes Verbandes Vagerischer Israelitischer Gemeinden Väterliche Israelitische GemeLnöezettung Erscheint am /. und 15. seüen LNonatS. — Verlag: L. Heller/ München, Bezugspreis für nicht etngewiesene Bezieher: Reichsmark 4.Ss für 6a4 plinganserstrahe <S4, ßernruf 75<S<§4 uvö 75 <*<$5/ Postscheck München Z-S7/ Jahr. Anzeigenpreis: Oie 4 gespaltene Millimeter-Ieile 40 Reichspfeaolg Fchristleitung: Br. Luöwig Keuchtwanger, München, Grillparzerstraße )ö Kamilienonzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 15 ReichSpfenatz Vll. Jahrgang MünMen, 1^. März i?p Btu 6 Inhalt: „Bild und Gesetz" — Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Sitzung des Rats und der Tagung sowie des Ständigen Ausschusses der Tagung und des Finanzausschusses vom 15. Februar 1931 — Israelitische Kultusgemeinde München: Sitzung der Gemeindevertretung und des Vorstands vom 5. Februar 1931 — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Vereine — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekanntmachung über die Erhebung der Kultusumlagen der Lohnsteuerpflichtigen für 1930 — Bekanntmachung über Kürzung der Beamten- und Angestelltenbezüge — Bekanntmachung über Jahresrechnung 1930 sowie Haushaltplan und Umlagensatz 1931 — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinds München: Bekanntmachung über die Jahresrechnung der Gemeinde für das Geschäftsjahr 1930 sowie über den Haushaltplan der Gemeinde und die Höhe des Umlagenfatzes für das Geschäftsjahr 1931 — Bekanntmachung über Fundgegenstand — Personal!«. „vild und Sefetz" Von Friedrich Gundolf Karl Wolfskehl, der Dichter aus dem Stefan-George-Kreis, der feine Münchener Publizist, hat soeben sein erstes Prosabuch (in der Deutsch-Schweizerischen Verlagsanstalt, Berlin, 1931) erscheinen lassen,, unter dem Titel „Bild und Gesetz". Wolfskehl hat vor wenigen Wochen im Rahmen der Lehrkurse der Münchener Kultusgemeinde fein Drama „Saul" vorgelesen und dem kleinen, aber erlesenen Kreis aufnahmefähiger Zuhörer einen nachhaltigen Eindruck seiner Dichtkunst vermittelt. Professor Friedrich Gundolf, der verehrte Heidelberger Literarhistoriker, gibt im Folgenden eine kongeniale Einführung in das Wolfskehlsche Prosa-Buch. Die Gemeinde-Zeitung hat Professor Gundolf für seine Erlaubnis zum Abdruck dieser klärenden und liebevollen Einführung, die vor wenigen Tagen im Berliner Tageblatt veröffentlicht war, besonders zu danken. Die Verbindung der Gestalt Wolfskehls mit dem besten jüdischen Geist gibt vielleicht das nachstehende Urteil von Friedrich Wolters aus seinem berühmten Buch „Stefan George und die Blätter für die Kunst": „In Wolfskehl vereinigt sich ein scharfer, unbestechlicher Verstand mit einer wenn nicht zur Zügellosigkeit, so doch bis zum äußersten Randmaß drängenden Leidenschaft, eine an allen Methoden der Wissenschaft und Talmudistik geschulte kritische Einsicht mit einer blühenden, wuchernden, fast überquellenden. Einbildungskraft, eine von jahrtausendealten Erfahrungen seiner Rasse genährte Überschau über alle geschichtlichen Seelenlagen von Menschen und Völkern, mit einem unheimlichen Wissen und Wittern für abgründige und ursprüngliche Kräfte und Vorgänge an den Rändern der Alter oder Wenden der Zeit." Red. Die Sammlung von Auffätzen Karl Wolfskehls soll hier angezeigt werden als eines der wenigen Bücher, die aus reicher Natur geistige Einsichten vermitteln und nicht nur aus einem unübersehbaren Wirrwarr von Meinungen, Erfahrungen, Reizen mit Hilfe einer jeweiligen „Mechode" sie nach einem bestimmten Dogma hin quer durchsteuern oder mit munterem Genäsch darin umherhüpfen. Ein gründlich erworbener, nicht nur angezupfter Reichtum von Kenntnissen aus allen Wissensgebieten, herzliche Leidenschaft des Lernens ohne die enge Angst und den Dünkel des Gelernthabens, freie, leichte, helle Bildung, die ihn davor bewahrt, zu kennen ohne zu erkennen, rastloses Durchsinnen des Wahrgenommenen und in allem — nicht eine Tugend, sondern ein Hemmnis des Stillsten, doch eine Gewalt und ein Zauber des Künders — der Überschwang ringsum in das Unerforfchliche hinein in das unsagbare Geheimnis, dem wir Gesichte und Sätze für Augenblicke entreißen dürfen unter beständigem Kampf zwischen Blut und Urteil: das sind die Gaben und, wie alle echten Gaben, auch die Gefahren des wundersamen Geistes, dem wir das Buch „Bild und Gesetz" danken. Wer Schulmeinungen bestätigt oder widerlegt wünscht oder bloße Anregungen sucht, wird ratlos darin umirren, nicht, weil er nichts fände, sondern weil er in dem tausendzügigen, vielschichtigen Werk keine geschwätzigen Wegweiser findet, sondern an jedem Punkt straff gespannt und weithin ausladend bei der Sache sein muß, ohne auch nur einen Ru auf erlernbaren Fertigkeiten sich zu bequemen. Doch wer die Mühe jedes echten Überschusses nicht scheut und auch heute, trotz Spezialismus und voreiligen Synthesen, mit den vermehrten Stoffen und Mitteln den Herderischen, Jean-Paulischen, Fechnerischen Weltsinn (nicht ihre Ansichten, sondern ihre Anlagen) mullg und wach will, unverstört von der Eitelkeit, die selbst viele wirkliche Talente heute zu müßigen Schaustellern ihrer Künste und Kenntnisse macht, kurz, wer freudigen Tiefsinn, gläubige Freiheit und ehrfürchtiges Wissen verlangt, der weidet sich an Wolfskehls Buch. Seinen Titel hat es von der Spannung, worin Wolfskehls Gesamtschaffen wandelt, Bild (oder Gestalt) bezeichnet die Mannigfalt unerschöpflicher, uneinfangbarer, zahlenloser Erscheinungen, deren das Auge sehnend und sehend zugleich durch Wahrnehmung sich bemächtigt: die gottentstrahlte Viel-Wirklichkeit, die auseinandergetreten in jedem ihrer Glieder doch das unfaßbare Em und Alles enthält und verheißt, sinnenbildlich. Jeder Dichter und Künstler vertraut dem schönen Augenblick, dem „Bild", mit dem schmerzlichen Wissen um seinen Schwund. Gesetz ist ein Versuch, seit Platons Tagen, die Erscheinungsflucht, den Wellensturz, den selbstgenugsam holden und schaurigen Bildertanz zu bannen in steten Sinn, sie zurückzuleiten in die unbedingte gottgedachte, gottgerichtete (gottgesetzte) Ordnung, Jeder Denker strebt nach solch einem Gefüge (System), und die notwendige Intoleranz aller Philosophen kommt von diesem Drang durch alle Bilder hindurch zum Gesetz,

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