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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-03-01 · 5 (1.3.1931) · p. Seite 70

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
5 (1.3.1931)
Article
Heinrich Eduard Jacob
Date
1931-03-01
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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70 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 In seinem Novellenband „Das Flötenkonzert der Vernunft" legt der Autor gleichsam vor sich und der Welt Rechenschaft über sein bisheriges Schaffen ab — in einem Gefühl des inneren Zwiespalts, ober er nicht neben seiner Zeit dahergehe, statt in ihr zu wurzeln: seine Zeit ist metaphysisch, er aber ist Humanist, dessen rationalistische Konsequenz in drei Werken — im „Geschenk der schönen Erde", im „Tulpenfrevel", in den „Physikern von Syrakus" — zu dem Rousseau-Ergebnis führt: „Alles ist gut,..wie es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht, alles entartet unter den Händen der Menschen". Wie Strindberg in seinen '„Historischen Miniaturen" den „bewußten Willen in der Weltgeschichte" nachzuweisen sucht, führt Jacob in den fünf Novellen dieses Buches den Beweis, daß auch das Wesen der Vernunft letzten Endes metaphysisch sei, daß es auch einen Rausch der Vernunft gäbe. Er geht den umgekehrten Weg wie die Tragödie: in der Tragödie wird ein metaphysisches Ereignis in seinem logischen Ablauf vorgeführt — Jacob zeigt, wie die Teleologie des Geschehens von der Vernunft geleitet wird. In einem Stück dieses Nooellenquintetts führt Jacob den Kampf vor, den die Engländer und Franzosen um die „Leber des Generals Vonaparte" führen. Dieser Kampf, der.lebhaft an jene Hysterie gemahnt, die sich heute in tausend Erscheinungen — auf literarischem, religiösem und vor allem auf politischem Gebiete bemerkbar macht, ist ein geistesgeschichtlich interessantes Symbol unserer bibelfernen Zeit, aber zeitlos wie der Kampf ums goldene Kalb, weil sich in ihm Macht, Grenzen und Wunder der Vernunft offenbaren. Das Wunder ist bei Jacob zwar nicht des Glaubens, wohl aber der Vernunft liebstes Kind. Das Triptychon historischer Novellen „Dämonen und Narren" knüpft an den Vorgänger an. Auch hier schafft er didaktische Poesie, deren wohlgeformte Kunstprosa sie in die Nachbarschaft eines Paul Valery, eines Rudolf Borchardt rückt.. Aber sind die drei Stücke auch unter einer einheitlichen Idee zusammengefaßt, so sind sie doch als Kunstwerke eines gelehrten Dichters, der in der Ausbreitung des Details unendlich fleißig ist und in der sicheren Zeichnung des Milieus (Wien, London, Rom) zugleich dichterischen Raum, malerischen Hintergrund und künstlerischen Rahmen gibt, voraussetzungsloser als das „Flötenkonzert der Vernunft". „Der gefesselte Raimund", „Byron erklärt- Schottland den Krieg", „Mitleid mit Nero" sind die Novellen überschrieben. Raimund wird uns gezeigt, wie das Publikum gegen ihn revoltiert, als er die ihm aufgezwungene Braut sitzen läßt, Byron, wie eine schlechte Kritik ein geniales Pamphlet in ihm auslöst, Nero, wie er zur Ermordung der Mutter und des Stiefbruders getrieben wird. Schattenbilder dreier Künstler: Raimund mit tausend kleinen Verrücktheiten und Anfechtungen, Kämpfe, deren kleines Format die Umwelt genau so bestimmt wie seine Dichtung. (Wie die Idee von „Alpenkönig und Menschenfeind" in dem Komödienspieler der Leopoldstadt auftaucht, wie Valentins „Hobellied" entsteht, das uns erleben zu lassen ist ein künstlerisches Meisterstück!) Ein anderer Typus Künstler: Byron, Möchte-gern-Napoleon, in Symbolen lebend, der durch Zerstörung dieser Scheinwelt zum Mannsein erweckt wird, Negation durch Aktivismus überwindend. Endlich Nero: in dessen Tun sich ein verdrängter Künstler mit einer schamhaften Seele offenbart, keine „Rettung" durch einen „originellen" Schriftsteller, sondern tieffte Problemerfassung durch einen Dichter. Einen Dichters, der ein prophetischer Mensch ist: ehe er als Vertreter eines Weltblattes nach Wien geht, packt ihn ein journalistische-s Thema. Die Erzählung „Untergang von dreizehn Musiklehrern" ist wohl die erste, die die Inflation zur Heldin hat. Und es war Heinrich Eduard Jacob gelungen, ein aktuelles — und bei Erscheinen schon wieder historisches — Thema so zu gestalten, daß es kein zeitgebundenes Feuilleton wurde, keine Armeleutegeschichte — die allmähliche Verarmung und der Untergang der dreizehn. Musiker wäre nur ein trauriger Fall, keine allgemeinmenschliche tragische Angelegenheit, sondern statt eines Nebeneinanders von Einzelfchickfälen stellt er eine Gemeinschaft in eine groteske, spukhafte Phantasiewelt. die zugleich real ist und 'enseits aller Wirklichkeit. An E. T. A. Hoffmanns im Grunde einer idealistischen Weltbetrachtung entstammenden zynischen Blick könnte sich man erinnert fühlen, wenn der klare Denker Heinrich Eduard Jacob die Welten Musik und Besitz zu wahren Symbolen gemacht hätte statt zu soziologischen Problemen, wie es ihm geglückt war, die Inflation, dieses unselige Gebilde von Menschen-geist, als ein Naturwunder darzustellen, das wie ein Erdbeben oder eine Sintflut über die Menschheit kam als schicksalentscheidende, übersinnliche Macht. In „Jacqueline und die Japaner" beschwört Jacob noch einmal diese Zeit des „Geldverwelkens" herauf. Nach den ersten Seiten dieses kleinen Romans, in dessen Mittelpunkt wieder ein Musiker steht, erkennt man die dichterische Notwendigkeit dieser Stofswahl. Die Not der Zeit zwingt den Musiker Rudolf Iaenicke und seine Frau Jaqueline, sich als Kapellmeister und Sängerin an ein Vorstadttheater zu verdingen, ein Zimmer ihrer Wohnung an den japanischen Professor Nakamura zu vermieten. Eines Tages stehlen sie bei ihm Schnaps. Die west-östliche Auseinandersetzung beginnt. Jacqueline wird Bärenführerin von Mitgliedern der japanischen Kolonie. Ihre Ehe droht zu zerbrechen. Die Japaner reisen ab, für den Verdienst machen die Liebenden eine Reise. Sie fahren nach Heidelberg, ihren Gastfreund zu treffen. Der hat gerade die Nachricht vom Erdbeben rmd vom Tode seiner Frau und seines Kindes erhalten — und verschweigt es fünf Studen lang, feine deutschen Freunde zu unterhalten. Dies die äußeren Vorgänge, die zwei Katastrophen begrenzen. Zum Europäer und seiner Lebenseinstellung gehört das soziologische Elementarereignis, zu der des Japaners das metaphysische, eine Naturgewalt. Zwischen diesen beiden Polen reifen die beiden Gatten, erschüttert sich und festigt sich ihre Ehe. Die Kunst des Musikers befreit sich zu einer gewaltigen Schöpfung im Reich des unendlichen Tons. H. E. Jacob aber gestaltet hier ein Werk von symphonischer Fügung und tiefer Gedanklichkeit. Der Journalismus ist für feine Kunst inzwischen produktiv geworden. Gefahren, die seiner leisen Neigung ins Ästhetisierende drohten, sind endgültig abgewandt. Er horcht in die Zeit, die dem Journalisten Themen liefert, und gestaltet sie als Dichter. (So jetzt wieder in der „Magd von Aachen", die zurzeit als Fortsetzungsroman läuft: eine Geschichte aus dem besetzten Gebiet, Alltagsmenschen als Marionetten der Weltgeschichte, in einem Schimmer von Unwirklichkeit, die metaphysischen Mächte Raum und Tiefe gibt.) Mit einer vorbildlichen Zucht des Worts, mit einer Leuchtkraft des Denkens, mit einem Ethos der Humanität — das Ganze wird mehr untermalt als ausgesprochen. Es geht Jacob immer wieder um das Walten der Vernunft im Weltgeschehen, um jene Ratio, die nicht platt und engstirnig ist, sondern selbst mythisch, sinnvoll, metaphysisch. Früher horchte er nach solchen Wunderminuten im Geschehen der Vergangenheit, jetzt spürt er großes Ereignis im Lärm unserer Tage auf. „Blut und Zelluloid" ist der Roman eines Hetzfilms. Jacob entwickelt die Handlung ab ovo—> übernimmt die Technik eines Spielfilms. Es gibt großartige, ins Visionäre gesteigerte Montagen: Maschinengewehr und Kamera. Tricks als Symbole. Es fängt an, wie eine Idee geklaut wird. Unternehmungen aus dem Nichts finanziert werden. Wo kommt das Geld her? Politik steht hinter den Transaktionen. Die Idee wird zu einem Propagandafilm umgebogen. Da kommt der Filmkongreß in Paris. Auf der Tagesordnung steht: Verbot aller Hetzfilme. Dis Gesellschaft reist nach Sardinien. Ein Faszist macht Mussolini mobil. Aber der jüdische Filmdirektor, der vor dem Eingreifen der -italienischen Regierung stirbt, hat seinen Auftraggebern ein Schnippchen geschlagen, das Hetzmanufkript vernichtet und sein eigenes untergeschoben. Spielerisch löst sich noch einmal auf, was gefährliche Wolken am Horizont zusammenballte. Bewundernswert ist das Erfassen der Wirklichkeiten, die den Geschehnissen zugrundeliegen. Wie werden sie ins Dichterische transponiert, zu Sinnbildern des Weltganzen gesteigert! Nicht Dichtung oder Journalismus heißt das Problem für diesen Klassizisten und Rationalisten. Sondern: die Wirklichkeit mit eigenen, offenen Augen sehen, verantwortungsvoll filtrieren, was man aufnahm, und der Eingebung der schöpferischen Phantasie vertrauen. Man muß derlei Selbstverständlichkeiten heute aussprechen. Das Werk Heinrich Eduard Jacobs lehrt, daß die Gesetze künstlerischen Schaffens sich nicht einer Diktatur der jeweils herrschenden Richtungen unterworfen. Sie fahren gut dabei. Ä2 KUNST-GEW ERBE-HAUS E5TS

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