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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-03-01 · 5 (1.3.1931) · p. Seite 67

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
5 (1.3.1931)
Article
Alte jüdische Kunstdenkmäler
Date
1931-03-01
Page
Seite 67 (sequence 2)
Language
German
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'Jli. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 67 und einzelnen Vignetten hat sich der Mische Verfertiger an Vorlagen gehalten. (Ein Exemplar des interessanten Druckes gelangte durch Schenkung in den Besitz des jungen „Vereins für jüdische Museen in Bayern".) Einen ähnlichen Fall stellt nun eine im Besitz der Rostocker Universitätsbibliothek ausbewahrte, in ihrem bildnerischen Schmuck, wie auch im Text auf Kupfer gestochene Esther-Rolle dar, die von Herrn Landesrabbiner Dr. Siegfried Silber stein der Vergessenheit entrissen und durch Veröffentlichung einem weiteren Kreise zugänglich gemacht wurdet Die vom Herausgeber mit eingehender Berücksichtigung der bisherigen Literatur besorgte Einleitung, behandelt ausführlich die Geschichte dieses einzigartigen Druckwerkes, von dem weitere Exemplare bis jetzt nicht bekannt worden sind. Es wurde im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts von dem Rostocker Orientalisten Oluf Gerhard Tychse n erworben und kam nach seinem Tode in den Besitz der jetzigen Inhaberin. Schon der Ersterwerber suchte die Heimat des jüdischen Urhebers zu erforschen. Die Vermutung Silbersteins, Holland als Ursprungsland anzunehmen, ist nur als solche hinzunehmen, da die Primitivität des Stechers eine genauere Zuschreibung vorerst nicht gestattet. Von besonderer Wichtigkeit wäre es m. E., die auf des Ersterwerbers Lehrmeister in der Kunst des Kupferstichs, den Petschaftstecher AaronJsaac aus Bützow hindeutende Spur genauer zu verfolgen. Wo erwarb dieser die Übung in der Führung der Radiernadel? Mit der Frage nach dessen Lehrer kommen wir auch in den Zeitraum, in dem die Rolle entstanden ist, in die Zeit von 1710—1725! (Die Ansetzung Silbersteins 1700—1710 berücksichtigt zu wenig, daß die Stilmotive der Regence erst im zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts in Deutschland eindringen.) Zur Lösung all dieser Fragen führt die Klärung, die sich der Herausgeber auf Grund seiner Publikation von der weiteren Forschung erwartet. Im ferneren Verlauf seiner Untersuchung geht Silberstein auf die Kompositionselemente der M'gillah im Einzelnen ein. Die gute Reproduktion der Rolle, die den Hauptteil der Veröffentlichung bildet, läßt diese sehr schön in Erscheinung trelen. Das Rahmenwerk mit seinen verschlungenen Ornamenten und den überaus zahlreichen lebhaften Szenen aus der Esthergeschichte zeugt von einem Urheber, dessen Schulung nicht genügte, alle technischen Schwierigkeiten zu meistern. Doch haben wir es mit der lebensvollen Schöpfung eines Juden zu tun, der seinem inneren Kunsttrieb und seinem Willen, ein „heiliges Werk" zu vollbringen, ansprechenden Ausdruck verlieh. Mit dieser Gabe hat Herr Landesrabbiner Dr. S i l b e r st e i n nicht nur der Wissenschaft einen Dienst geleistet, sondern jedem Freund künstlerischer Betätigung unter den Juden Freude bereitet. Die damit verbundene Bereicherung unseres Wissens auf diesem Spezialgebiete ist umsomehr zu begrüßen, als eine Monographie der M'gillah sich erst im Stadium der Vorbereitung seitens eines in langjähriger Sammeltätigkeit mit diesem Fragenkomplex bestens Vertrauten befindet. 2. Lederschniltbände des Meir Jafe Don Dr. Ernst Weil Daß die Münchner Staatsbibliothek unter ihren kostbaren gotischen Einbänden ein Werk eines jüdischen fahrenden Künstlers birgt, wird wohl wenig bekannt sein. In den Soncinoblättern 1925 bis 1926 hat Dr. Hufung einen bis dahin unbeschriebenen Ledec- 1 Eine in Kupfer gestochene Estherrolle aus der Universitätsbibliothek zu Rostock. Originalgröße Wiedergabe in Lichtdruck. Herausgegeben und eingeleitet von Landesrabbiner Dr. Siegfried Silberstein. Rostock 1930. In Kommission bei Carl Hinstorffs Verlag. Ausgabe A: Buchmappe Leinen RM. 20.—, numeriertes Exemplar, Bütten, Pergament mit Goldaufdruck RM. 40.—. Ausgabe B: Text separat, Rolle in Hülse, Leinen RM. 25.—, numeriertes Exemplar, Bütten, Pergament mit Goldaufdruck RM. 50.—. (Hierzu vergleiche auch: Rahel Wischnitzer-Vernstein, Der Estherstoff in der jüdischen Illustration, in Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, 74. Jahrgang, Heft 9/10.) schnittband ausführlich beschrieben und abgebildet. Es handelt sich um die unter der Cimelien-Nummer 140 aufbewahrte Pergamenthandschrift eines Pentateuch, die in einen herrlichen Lederschnittband gebunden ist. Gotische Einbände sind in den gewöhnlichen Fällen schwere mit verschiedenen Arten von Ledern überzogene Holzdeckeleinbände, deren Leder durch eingedrückte Metallstempel und durch Streicheisenarbeit in mehr oder weniger schmückender Weise Formung fand. Gewöhnlich waren die Ecken mit Beschlägen versehen, und die schweren Bände durch Schließen gesichert. Sehr selten, im Verhältnis zu diesen Normalbänden, kommen Lederschnittbände vor. Das angefeuchtete Leder wurde mit dem Messer bearbeitet, Ornamente oder Figuren eingeritzt oder eingeschnitten und diese durch verschiedene handwerkliche Manipulationen zu reliefartiger Wirkung gesteigert. Mit Punzstempeln wurden oft geschickte Flächenwirkungen erzeugt. Schon im 14. Jahrhundert kommt diese Technik vor, entwickelt sich aber erst im 15. Jahrhundert, allerdings nur an wenigen Stellen, zur Blüte. Während wir nur ganz wenig Buchbindernamen von den vielen Tausend gotischer Normalbände, die sich erhalten haben und meist nur einen Vornamen wissen, hat sich der Künstler des Münchner Lederschnittbandss voll genannt. Der Schaudeckel der genannten Cimelie zeigt einen sehr zierlich gearbeiteten Hirsch in gotischem Rankenwerk, über ihm das Nürnberger Stadtwappen. In großer hebräischer Schrift um den Rand heißt es nun in Übertragung: „Pentateuch für den Rat von Nürnberg (der leben möge), Meir Jafe, der Künstler". Husung konnte diese Notiz durch Zitierung eines Verlasses des Rates, die Librei auf dem Rathaus betreffend, auf den 4. Juli 1468 verlebendigen. Danach (vergl. I. Petz, Mitt. d. Der. f. Geschichte der Stadt Nürnberg 1886, S. 145) heißt es: Item Meyerlein juden von Ulm ist vergönnt, hie zu sein uncz uf samt Merteins tage schierst, und sol einem rat etlich bücher ein lassen binden in der liberey, und die ratschreiber das in acht haben". Mit dieser Art Steuer erwarb sich also Meir Jafe ein Aufenthaltsrecht von etwa 4 Monaten und eines der Bücher, dessen Einband er, wie Wappen und Umschrift eindeutig erweisen, dafür schmückte, ist dieser noch erhaltene Codex der Staatsbibliothek. Es kann hier nicht die Stelle sein, den Stil der reichen gotischen Zeichnung Meir-s zu analysieren, nur soviel sei angedeutet, daß in der Zierlichkeit und Feingliedrigkeit der Hirschfigur und des Ornaments sicher eins orientalische Note anklingt. so sehr sich auch, besonders im Rückdeckel, der nur ein reiches Ornament mit Fratzen zeigt, dis Zeichnung in den allgemeinen Zeitstil einfügt. Unabhängig von Husungs Anregung wurde 1927 eine Reihe von elf Bänden gruppiert, die dem Meister zuzuschreiben sind (H. Herbst in: Die Stadtbibliothek zu Leipzig und ihre Kleinodien, S. 83 bis 94). Ein sehr schönes, großartiges Stück mit dem Porträt des Besitzers, eines Bamberger Domherrn, befindet sich in der Regierungsbibliothek in Ansbach. Wahrscheinlich hat sich Meir also unter ähnlichen Bedingungen auch in Bamberg aufgehalten. Mit dem Band der Münchner Staatsbibliothek war nun ein rundes Dutzend Meir-Einbände zusammen. In der eben erscheinenden Festschrift zum 60. Geburtstag des Direktors der Handschriftsnabteilung der Münchner Staatsbibliothek, Geh. Rat Prof. Leidinger, werden zwei weitere Bände des Meir Jafe bekannt. Husung konnte einen im englischen Antiquariatshandel befindlichen Band, der um 1475 zu datieren ist und auf dem Vorderdecke! eine sehr hübsch ausgeführte Schulszene (Lehrer am Pult, reich in gotisches Rankenwerk eingesponnen) Nachweisen, und der Direktor der Nürnberger Stadtbibliothek fand in seinen Beständen einen besonders reizvollen, sehr gut erhaltenen Einband, der ohne jeden Zweifel von Meir Jafe herrührt (Festschrift für Georg Leidinger, München, Hugo Schmidt Verlag, 1930, S. 15 ff. und S. 123 ff.). Auf dem Vorderdeckel (wahrscheinlich rührt nur dieser als Lederschnittarbeit von Meir Jafe her, die Rückseite ist wohl sehr schön, aber durchaus übliche Buchbinderarbeit in Stempelprägung) ist von schmalen Laub¬ und Blumenbordüren eingefaßt wieder eine Schulszene im oberen Teil (Lehrer mit 2 Schülern), im unteren eine überaus anmutige, fein ausgeführte Tiergruppe: Hirsch und Einhorn über Drachen und Löwen. Stilistisch gehen diese Tiere eng mit dem Hirschen des Codex der Münchner Staatsbibliothek zusammen. Direktor Bock kommt durch Eintragungen in dem Nürnberger Band mit Wahrscheinlichkeit auf ein Entstehungsdatum von 1470 und weist als Besitzer einen Nürnberger Juristen nach — so wird wohl Meir Jafe in diesem Jahr sich einen neuen Aufenthalt in der Reichsstadt Nürnberg erkauft haben.

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