Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 5 (1.3.1931)
- Article
- Die Ursprünge des neuzeitlichen Judentums
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 die Aufklärung setzte unter dem entstehenden Großbürgertum ein, das die engen Fetzein der Kleinstadtgemeinde sprengte, um in der Freiheit der Großstadt unter den Pionieren des Frühkapitalismus zu wirken. Beide Bewegungen waren ein Protest gegen die ausschließliche Herrschaft scholastischer Gelehrsamkeit und talmudischen Rabbinismus im damaligen Judentum. Nicht nur die weltlichen Wissenschaften waren verbannt, selbst die Bibel mit Ausnahme des Fünfbuches, insbesondere die späteren Propheten, waren beinahe unbekannt. Der Chassidismus war demgegenüber eine Bewegung des amhaarez, des Landvolkes, des in der scholastischen Wissenschaft Unbewanderten, er war in mancherlei Sinn eine Rückkehr zur Agada, zu den phantastisch-bunten Volkserzählungen und Allegorien des frühen Mittelalters, und zu der Unmittelbarkeit der Propheten; die Aufklärung, getragen von Männern, die in den weltlichen Wissenschaften bewandert waren, suchte die engen Grenzen des damaligen Judentums zu sprengen, es zu rationalisieren und es zu enttheologisteren, sie knüpfte im schärfsten Gegensatz zur damals herrschenden Lehre bewußt an die Propheten an. Beide Bewegungen betonten die Freiheit der Person und den Wert der Individualität, beide zerbrachen den bis dahin eindeutig bestimmten Lauf der Geschichte, waren ^historisch. Im Chassidismus wie in der Aufklärung waren es nicht mehr Vergangenheit und Zukunft allein, die wie bisher in der Diaspora das jüdische Sein bestimmten, sondern die Gegenwart wurde wieder zum erstenmal bejaht, im Chassidismus in ihrer Bedeutung für das Zentrum, für das menschliche Herz hier und jetzt, in der Aufklärung in ihrer peripherischen Beziehung zur Umwelt, die es zu intensivieren galt. Bald fteilich verfielen beide Bewegungen der Geschichte, die Aufklärung, als sie die breiteren Kreise des kleineren Bürgerstandes erfaßte und zur Reform und Assimilation führte, der Chassidismus, als er sich im nördlichen Litauen zur Chabad und im südlichen Polen zum Zaddikismus entwickelt. Wie die Vergangenheit Macht gewann über die einst revolutionären Bewegungen und sie ihr Feuer verloren, erfuhren sie die Erstarrung des Verfalls. Assimilation einerseits, der Glaube an das wundertätige Mittlertum der Zaddikim andererseits führten, was einst befreiende Tat des Geistes gewesen war, zur Routine des Eudämonismus und zur Trägheit in der Linie des geringsten Widerstandes. In den besten Fällen gelangten die Enkel aus der Lösung des Jochs der traditionellen Bindungen in die letzte Einsamkeit des Verlassenen. Aber Aufklärung und Chassidismus stehen in der Geschichte des neuen Judentums heute in ihrer ganzen Größe vor uns, nachdem beide Jahrzehnte hindurch verkannt worden sind; in beiden hat der Wind einer neuen Zeit geweht, eines Anhubs zu neuem Auszug, zu entschlossenem Marsche; wieder hat es damals gegolten, wie stets an allen Wendepunkten feit dem Befehle an Abraham, auszugehen aus seinem Heimatlande, und seit dem Worte an Moses, sein Volk aus Ägypten zu führen, auszuzietzen aus der Sicherheit dessen, was viele Geschlechter sich als Heimat gebaut hatten, in die Wanderung der Wüste zu gehen, eine neue Epoche in der dreitausendjährigen Geschichte Israels, die doch immer einheitlichen Gesetzen gehorcht, zu beginnen. Chassidismus und Aufklärung, einander anscheinend entgegengesetzt, sind dennoch die beiden Ouellen, aus denen sich die jüdische Renaissance des neunzehnten Jahrhunderts speist; beide sind die Väter der neuen hebräischen und jiddischen Literatur und Besinnung, aus beiden entsteht jener Strom, der zur neuen Wiedergeburt führen soll. In ihnen beiden liegen die Elenrente allen späteren Denkens und Bekennens. Der Chassidismus führte aus der Dumpfheit der Kleinstadt hinaus, in die Natur, er lehrte wieder sehen, er verband mit der Wirklichkeit und heiligte die alltägliche Welt der konkreten Erscheinungen; er wandte sich an das niedere Volk, sprach seine Sprache und regte seine Phantasie an; Gleichnisrede und Legende, tiefe, doch zugängliche Weisheit der Führer und die aus Liebe und Verehrung schaffende Einbildungskraft des Volkes öffneten das Hetz und machten es dem Wunder des Lebens^ des Tages, der Gegengenwart zugänglich. Die neue hebräische und siddische Dichtung des Ostens zog später aus diesem Boden die Nahrung, die ihr ihre Entfaltung ermöglichte. Die Aufklärung eröfsnete dem Judentum neue Horizonte, sie leitete eine jener fruchtbaren Verbindungen zwischen Judentum und allgemeinem Wesen ein, wie sie das Judentum mehrfach erfahren hatte. Die moderne jüdische Literatur, die modernen jüdischen Bewegungen auf dem Gebiete der Politik und sozialen Arbeit, die Versuche nach wissenschaftlicher Durchforschung der jüdischen Überlieferung sind Früchte der Aufklärung. Sie hat die hebräische Sprache wieder zur Sprache einer vielseitigen Literatur gemacht, sie hat in einer menschlich wie sozialökonomisch begründeten Ablehnung der ausschließlich händlerisch und finanziell vermittelnden Wirtschaftsform des Ghettos die Rückkehr der Juden zu normaler wirtschaftlicher Gliederung und zum Ackerbau verlangt und so Grundforderungen der späteren Bewegungen vorweggenommen. Das neue Judentum hat aus dem Erbe des Chassidismus und der Aufklärung seinen Weg gefunden: es hat die Trägheit abgeschüttelt, zu der Zaddikismus und Assimilation, Chabad und Reform es geführt haben, es bejaht, wie der Chassidismus, die Eigenart seines Wesens, die Schwere seiner Bestimmung, es steht wieder da, seiner bewußt, wegbereit zu neuen Horizonten jenseits endender europäischer Staatengeschichte, in die es Emanzipation und Assimilation unlöslich zu verketten gesucht haben; aber in dem unverlierbaren Erbe der Aufklärung nimmt es zugleich das beste Vermächtnis Europas mit, eine allmenschliche Freiheit und nach allen Seiten offene Verbundenheit, wie sein ausgehendes Mittelalter sie nicht gekannt hat. Der jüdische Weg in der neuesten Zeit ist der Versuch, die durch Chassidismus und Aufklärung und ihre Folgeerscheinungen geweckten inneren Problemstellungen und Konflikte zu lösen und aus ihnen zu einer tieferen Erfassung des jüdischen Wesens Vordringen. Alte jüdische ttunstdenkmäler 1. Die eslher-Noile in der Kunst Von Theodor Harburger Während die Pessach-Haggadah nach ihrer literarischen, liturgischen, musikalischen und bildnerischen Gestaltung bereits mehrfach Gegenstand eingehender und zusammenfassender Untersuchung geworden ist, hat die M'gillath-Esther ihre umfassende Bearbeitung noch nicht gesunden. Wohl finden sich zerstreut Hinweise auf einzelne besonders schön gezierte M'gilloth, aber das Gesamtgebiet ist noch nicht im Zusammenhang dargestellt. Durch die religiöse Bestimmung, daß die M'gillah zum Zwecke der Vorlesung in der Synagoge nicht in Buchform, sondern als Rolle — wie der Name besagt! —- Verwendung finden soll, ist bis in die neueste Zeit die Verbreitung des Textes der Esthergeschichte vorzugsweise als Handschrift üblich gewesen. Auch die Zuhörer bei der Vorlesung bedienten sich solcher Schriftrollen, um dem Vortragenden leichter folgen zu können. Während aber das Exemplar des Vorlesers in der Art der Thorahrollen jeder künstlerischen Zutat zu entbehren hat, hat der Schmucksinn vergangener Zeiten die dem privaten Gebrauch dienenden M'gilloth gerne geziert. Außer schön getriebenen Silber- oder geschnitzten Holzhüllen zeugen vor allen Dingen um den Text sich schlingende Ornamente und Miniaturszenen von der Liebe, die durch Verschönerung der Erscheinung die Wertschätzung des Inhaltes zum Ausdruck bringen will. Mit dem wachsenden Bedürfnis wurde auch die Kunst des Druckes herangezogen. So begegnet uns die Technik des Kupferstichs auf M'gilloth des 17. und 18. Jahrhunderts. Doch meist handelt es sich hierbei nur um die Fertigung des Rahmenwerks in diesem Verfahren. Eine stärkere Heranziehung des Kupferstichs für diesen Zweck bedeutet eine vielleicht in Augsburg hergestellte Rolle, die zwar immer noch den überwiegenden Teil des Textes in Handschrift aufweist, aber einzelne Worte aus dem Segen vor der Vorlesung und die Namen der zehn Hamanssöhne in Kupferdruck enthält. Sie mag etwa in den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts entstanden sein. Eine vollständig — auch bei der Wiedergabe des Textes — mittels technischen Reproduktionsverfahrens hergestellte Esther-Rolle ist die im Jahre 1834 gefertigte Arbeit des Thorahschreibers Mordechei, Sohnes des Thorahschreibers Josel in Neutra. In 11 Kolumnen, einschließlich des Vorsatzblattes, das die einleitenden Segenssprüche enthält, ist in zierlicher Schrift und unter Verwendung von Initialbuchstaben und kleiner Szenenbilder der Inhalt der M'gillah wiedergegeben. Bei den Darstellungen, besonders bei dem Blatte mit dem Galgen und den Namen der 10 Hamanssöhne, aber auch beim Vorsatzblatt