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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-02-15 · 4 (15.2.1931) · p. Seite 55

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
4 (15.2.1931)
Article
Messias-Spuren [Rezension]
Date
1931-02-15
Page
Seite 55 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 55 scher wie der Gestalter. Gerhard Schalem beschäftigt sich mit der sabbatianischen Theologie, die freilich nicht mehr auf Sabbatai selbst zurückgeht. Und das ungeheuer spannende und wechselreiche Leben des Messias von Smyrna schildern uns zwei große Werke der letzten Jahre: Poljakoffs schon 1926 im S)eine-Bunb erschienener „Sabbatai Zewi" und das kürzlich bei Rowohlt erschienene Buch von Josef Kastein „Sabbatai Zewi. Der Messias von Jsmir". Vergleicht man dies außergewöhnliche Buch mit seinem unmittelbaren Vorgänger, so ergibt sich zunächst schon ein sehr bezeichnender Unterschied. Poljakoff schildert einen Mann und sein Schicksal; beginnt mit der rätselhaften Auffindung der schönen Sarah auf dem Judenfriedhof, die zur Messiasbraut bestimmt ist, und endet mit dem eindrucksvollen Bilde des verzweifelnden Messias vor dem Sultan — rechts vergiftete Pfeile und Märtyrertum, links der grüne Turban des Renegaten... Kastein aber spannt den Bogen unendlich viel weiter. Sein Ziel heißt: eine Zeit zu schildern und eine Welt. Es ist jene merkwürdige Zeit um das Jahr 1660, da sich in Russisch- Polen wie aus dem Balkan, in Spanien wie in Italien nicht nur die Juden allein, sondern Moslems wie Christen nach dem Welterlöser sehnen.. In dieser Zeit wächst der Sohn des Geflügelhändlers von Jsmir auf, Sabbatai Zewi, der am 9. Ab geboren ist — dem Tage, der einst den Tempel verbrannte und nach altem Worte den Messias gebären sollte. Ein junger Kabbalist mit einem merkwürdigen magnetischen Einflüsse auf die Menschen um ihn herum; kein starker Willensmensch, vielmehr einer, der sich treiben läßt und anrühren von dem Geschehen seiner Zeit. Der erlebt die Hoffnung seines Geschlechtes und die qualvollen Leiden, durch welche die Juden in Polen das Herannahen der Messiaswelt gekommen glauben — glauben müssen, um nicht zu verzweifeln; und die Gewißheit seiner Sendung steigt in ihm auf — ob Selbstbetrug? ob Grund des Seins? Das läßt Kastein bis zum Schluß in unübertrefflicher Weife halb im Dunkel. Der junge Chacham wagt das Höchste wie um sich selbst sein Wesen zu erweisen: er ruft in seiner Heimatstadt Jsmir vom Almemor herab den Namen des Unerforschlichen aus, den vierbuchstabigen Gottesnamen, den nach der alten Gesetze nur Zwei jemals anrufen durften: der Märtyrer vor der letzten Heimkehr — und der Erfüller, der Messias. Ob ihm auch grabesstilles Schweigen seiner Glaubensbrüder antworten mag: damit beginnt sein Lauf. Mit den ersten Schülern begibt er sich aus jahrelange Wanderung, erobert nur durch die Macht seines Wesens große jüdische Zentren, wie Saloniki, wie Konstantinopel. Im Heiligen Lande findet er den Propheten seiner Sendung, Nathan aus Ghaza, der noch an ihn glaubt, als aus dem Messias schon ein Muselmann geworden ist. Man trachtet ihm nach dem Leben, jüdische wie nichtjüdische Gegner regen sich — gegen ihn gibt es keine Waffe. Der Sultan wirft ihn ins Gefängnis in Abydos; aber seinen Anhängern und seinem Einflüsse gelingt es, die Zeit seiner Haft in eine prunkvolle Zeit der fast königlichen Regierung zu verwandeln. Migdal Os, Machtburg, nennt der Jude der Zeit sein Gefängnis. Von überall her pilgern Juden zu ihm, um mit ihm gemeinsam die Fahrt ins Gelobte Land anzutreten. Man verkauft feine Habe, man rüstet für die Fahrt in Deutschland, in Holland, in Spanien so gut wie in Italien. Selbst die Glücke! von Hameln erzählt damals von den Fässern mit getrockneten Lebensmitteln, die ihr gelehrter Schwiegervater für die Reife übers Meer angeschafft hatte... Aber noch zögert der Messias; und da trifft ihn fein Schicksal. Noch einen neuen Propheten will er werben, den „Propheten Nehemia", Nehemia Ha Kohen aus Polen; und wirbt... seinen Henker. Hier ist der erste Mensch, den er nicht von seiner Sendung zu überzeugen vermag. Wenn der Zweifler an ihm auch vor den Dolchen seiner Anhänger in die Hut des Propheten Allah flüchtet — jetzt beginnt sein Niedergang. Der ängstliche Sultan selbst hat nun den Mut, von einem jüdischen Renegaten beraten, dem Messias die Wahl vorzulegen: wähle den Märtyrertod oder den grünen Turban des Propheten! Man kennt die unrühmliche Entscheidung des Messias. Aber kaum Einer weiß, daß es seiner übermächtigen Persönlichkeit gelang, auch diesen Abfall als notwendigen Umweg des Gesalbten von seinen Anhängern erkennen zu lassen. Die Sekte der Dönmehs, die seinem Beispiel folgte, zeugt heut noch im Orient von seiner unvergessenen Erscheinung. — Erst als man ihn von den Menschen trennt, geht er in Dulcigno unbemerkt zugrunde. Diesem seltsamen Manne in einer seltsamen Zeit nähert sich nun Kastein mit allem Rüstzeug eines ausgebreiteten Wissens. Dokumente aller Art, zeitgenössische Berichte, alte Chroniken, Pamphlete, Diplomatenberichte: alles wird treu und sorgfältig herangezogen, um seiner Darstellung Fülle und Hintergrund zu leihen. Dabei gelingt es einer höchst entwickelten Kunst der Sprache, aus allen diesen bunten Berichten ein plastisches Kunstwerk zu formen. — Vielleicht, daß diese weitverzweigte Gelehrsamkeit manchmal nicht ganz gebändigt, sich besonders in den ausgedehnten Zitaten ein wenig zu breit macht. So hätten wir wohl gern z. B. auf den holländischen Urtext des Sabbatai-Liedes von der „Königstochter Meliffelde" verzichtet — zumal es von diesem einst vielgesungenen mystisch ausgedeuteten Liede eine deutsche Übertragung gibt, die keinen anderen als Martin Buber, dem Kastein sein Buch widmete, zum Verfasser hat... Dennoch ist in diesem bedeutenden Buche die große Linie des Geschehens gewahrt. Nicht der rätselhafte Mann selbst bleibt Held des Ganzen. Held wird das „Volk das mit den Mitteln der Vergangenheit in der Gegenwart lebt"; das aus der Heimat in sich selbst immer wieder die Erlösungsidee erzeugt: mag sie nun im Chassidismus eine kurze farbige Blütezeit erleben oder im Gedanken der sozialen Gerechtigkeit hervorschimmern. Im Zionismus noch findet Kastein den Versuch, sie auf die Ebene der Wirklichkeit zu verpflanzen; und in der Gegenwart sieht er sie bei jenen Wenigen, die Buber einmal um sich scharte, — den Weg in die Einheit durch allen Widerspruch und durch den Abgrund hindurch." So münden alle diese halb verschollenen Dinge zuletzt doch wieder in unsere Zeit und... in unsere Ewigkeit. Denn: worauf wartet der Messias? fragt der Midrasch, den gerade Buber immer wieder anführt. — Die Antwort lautet: Auf Dich. Dr. Bertha Badt-Strauß. Das Wunschkind Roman von Ina Seidel (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart/Berlin) Wer Ina Seidels frühes und bis vor kurzem wertvollstes Buch „Das Labyrinth" kannte — den Lebensroman des lebenslang besiegten, im Tode endlich sieghaften Georg Förster und seiner treulosgetreuen Therese — der wußte schon, daß diese bedeutende Frau nicht nur eine unserer stärksten lyrischen Begabungen darstellt, sondern daß hier ein Frauenwesen dichtet, das in der Zeit um 1800 so tief daheim ist, als habe es in früherer Verkörperung schon damals gelebt, zur Zeit, da aus den Geburtswehen der französischen Revolution sich neue Zeit und neue Welt nicht nur in Frankreich loszuringen begannen.. Nach manch tastendem Versuch in anderen Zeiten einzukehren ist Ina Seidel nun in ihrem neuen Buche „Das Wunschkind", einer großangelegten Lebensgeschichte von etwa tausend Seiten, wieder in diese eigentliche Heimat ihrer Seele heimgekehrt. Und die „Sterne der Heimkehr", von denen ein früheres Buch nur träumte — sie leuchten in diesem Frauenbuche mit besonderem Glanze. — Vergleicht man aber das „Wunschkind" mit dem unvergessenen „Labyrinth", so durchmißt man den ganzen leidvollen und schweren Weg einer Künstlerin und einer Frau in unserer Zeit. In der verworrenen Herzensgeschichte aus dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts, den Erlebnissen Försters und seiner Therese dichtete das Leben für die Betrachterin, der Stoff belebte sich unter einer vorsichtig formenden Hand. Jetzt... ist der Stoff ganz Seele geworden. Denn diese neue Geschichte von der mütterlichen Frau, die in der Todesnacht ihres ersten Kindes, in der letzten Stunde, die sie mit dem todgeweihten Gatten vereint, sich ein Kind herabzwingt durch die Kraft ihres Wunsches aus den geheimnisvollen Höhen — die ist ganz ihr Eigen und die Heldin hat vom Herzblut ihrer Dichterin getrunken, um zum Leben zu erwachen... Nun aber lebt sie; und schreitet durch die Entwicklungen und Verwirrungen ihres vielumgetriebenen Lebens, das sie vom Ufer des Rheins, von den seltsamen Gästen, die die französische Revolution den deutschen Nachbarn beschert hatte, endlich wieder zur alten Heimat, dem väterlichen Gute Hölkewiese in der Priegnitz führt, als eine sich ihres Weges immer mehr bewußt Werdende. Ihr Wunschkind, den Sohn Christoph, den sie allen Gewalten des Todes abgerungen hat und dem sie klaglos eigene reife Frauenwünsche opferte, muß sie endlich doch hergeben: das Leben raubt ihn ihr in Gestalt der dämonisch anziehenden kleinen Milchschwester Delphine, die sie mit ihm zugleich an ihrer Brust einst genährt hat; und der Tod vollendet das Werk und nimmt den jungen

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